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Union Merkels erfolgreiche Politik - zulasten der CDU

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So weit können und wollen sie allerdings in der Union nicht denken, zumal „von zwei Leuten, die uns nicht mehr wählen, nur einer bei der FDP ankommt“, sagt Meyer. Tatsächlich laufen der Union nicht nur wirtschaftsliberale Wähler davon, sondern auch konservative, die sich von Merkels großstädtisch-säkularer Union im Stich und von der familienpolitischen Daueroffensive Ursula von der Leyens (CDU) überfahren fühlen. Merkel glaubt wohl, die Konservativen würden auch dann für die Union stimmen, wenn sie ihr Kreuzchen nicht mehr ganz so fest auf den Wahlzettel drückten – ein Irrtum, wie die zweieinhalb Millionen Wähler beweisen, die der Union seit 2005 von der Fahne gegangen sind. Hinzu kommt, dass die Stärke der FDP relativ ist und von der absoluten Schwäche der SPD herrührt: Im Vergleich mit der Sozialdemokratie stehen die sogenannten „bürgerlichen Parteien“ gut da – im Vergleich mit sich selbst jedoch nicht.

Insofern ist Merkels Umgang mit den beiden Personalien der vergangenen Wochen, Papst Benedikt XVI. und Michael Glos, politisch mindestens instinktlos. Im Stammland der Union, in Bayern und Baden-Württemberg, leben mehr als elf Millionen Katholiken, von denen die allermeisten ganz sicher kein Verständnis für einen skandalösen Fall von Holocaust-Leugnung aufbringen – sehr viele es aber mindestens ungehörig finden, dass der „Heilige Vater“ öffentlich zurechtgewiesen wird. Und die demonstrative, augenverdrehende Verachtung, mit der Merkel in den vergangenen Monaten ihren Wirtschaftsminister Michael Glos bedacht hat, mochte fachpolitisch gerechtfertigt sein oder nicht: Dass sie sich von einem loyalen CSU-Mann, der Merkel nach Überwindung anfänglicher Testoste-ronvorbehalte mit bajuwarischem Charme zugeneigt war, absichtsvoll abwendete, um sich Finanzminister Peer Steinbrück von der politischen Konkurrenz in die Arme zu werfen, hat ihren schlechten Ruf als menschenverbrauchende Herrscherin über das reine Nützlichkeitsdenken zumindest nicht entkräftet.

Kluft zwischen Merkel und Partei ist groß

Angela Merkel nährt sich vom Fleisch der Union – wie lange machen die Schwesterparteien das noch mit? Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie Merkel dereinst, in einer schwachen Stunde, vom Thron stürzt – und gnadenlos zerpflückt wird. Die Kluft zwischen ihr und der Union ist in den Kanzlerjahren nicht kleiner geworden, sondern gefährlich gewachsen. Die Ministerpräsidenten sind so klar wie nie: Ministerpräsidenten, nichts weiter; Merkel hat vor lauter Angst und Misstrauen nie versucht, dem einen oder anderen eine prominente Plattform zu eröffnen. Christian Wulff (Niedersachsen) hat frustriert bekundet, er bleibe Landesfürst auf Lebenszeit; Günther Oettinger (Baden-Württemberg) beerdigte seine Ambitionen mit seiner Lobrede auf Todesrichter Hans Filbinger; Roland Koch (Hessen) darf froh sein, dass er überhaupt noch regiert; Jürgen Rüttgers (Nordrhein-Westfalen) gebührt als Arbeiterführer an Rhein und Ruhr – aber bitte schön nur dort – Respekt; Horst Seehofer (CSU) schließlich ist als allgemein anerkanntes Polit-Ekel vielleicht in Bayern erwünscht, sonst aber nirgends.

Wer also soll die Kluft zwischen Merkel und einer wirtschaftspolitisch ausgezehrten Union im Wahlkampf schließen? Ministerpräsident Oettiger verlangt daher nach einem scharf konturierten Wahlprogramm. Aber wer soll das verkaufen? Friedrich Merz, der umschwärmte Bierdeckel-Ökonom, will nicht mehr; Laurenz Meyer, der spitzzüngig Ungeliebte, soll nicht mehr (jedenfalls nicht nach dem Willen seines Bezirksverbandes); Michael Fuchs, der unterschätzte Praktiker, ist soeben 60 geworden. Wer also soll die Krise in den nächsten Wochen beim Namen nennen, die eine oder andere Staatsmaßnahme zur dringenden Notwendigkeit erklären – und ansonsten die Stimme der wirtschaftspolitischen Vernunft erheben? Norbert Röttgen, der Fraktionsgeschäftsführer? Josef Ackermann wird beeindruckt sein.

Wenn Angela Merkel nicht aufpasst, siegt sie die Union noch zu Tode. Als beliebte, präsidial moderierende Krisenkanzlerin bezieht sie einen Teil ihrer Legitimation aus dem Volk – aber die CDU wird nicht ewig zusehen, wie sie dabei auf Distanz zu ihr geht, die Partei paralysiert – und immer nur mehr Geschlossenheit und Ruhe verlangt. Wolfgang Bosbach erinnert diese CDU längst an einen „angezählten Boxer, dessen Auge zugeschwollen ist, der seinen Mundschutz längst verloren hat – und zu dem die Trainerin immer wieder sagt: Ruhig – es läuft. Ruhig – es läuft“.

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