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Union und SPD Die Koalitionsentscheidung naht

Große Koalition Quelle: imago

Es ist eine lange Nacht der Entscheidung. Am Mittwoch wollen CDU, CSU und SPD ihren Vertrag für eine neue große Koalition vorlegen. Selbst wenn das klappt, geht die Zitterpartie weiter.

Unter hohem Einigungsdruck haben Union und SPD in der Schlussrunde der Koalitionsverhandlungen um Kompromisse in der Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik gerungen. Bis zum späten Nachmittag war am Dienstag auch die Außenpolitik noch strittig. Trotzdem betonten alle Seiten ihren festen Willen, die Gespräche in der Nacht zu Mittwoch oder spätestens am Morgen abzuschließen. SPD-Chef Martin Schulz sprach vom „Tag der Entscheidung“. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt betonte: „Eingraben geht jetzt nicht mehr. Die Stunde der Wahrheit naht.“

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnte Kompromissbereitschaft von allen Seiten an: „Jeder von uns wird schmerzhafte Kompromisse noch machen müssen. Dazu bin ich auch bereit, wenn wir sicherstellen können, dass die Vorteile zum Schluss die Nachteile überwiegen.“ Es gehe darum, mit einer verlässlichen Regierung die Voraussetzungen dafür zu schaffen, „dass wir morgen auch noch in Wohlstand und in Sicherheit im umfassenden Sinne leben können“. Dieses Ziel dürfe man gerade in unsicheren Zeiten nicht aus den Augen verlieren.

Den Unterhändlern lag am Nachmittag noch eine Liste mit gut einem Dutzend Dissenspunkten vor. In der Außenpolitik ging es um Rüstungsexporte sowie die Ausgaben für die Bundeswehr und die Entwicklungshilfe. Die Union will sich bei den Verteidigungsausgaben dem Nato-Ziel von 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nähern (derzeit 1,2 Prozent). Für die SPD hat dagegen Priorität, 0,7 Prozent in die Entwicklungshilfe zu stecken (2016: 0,52 Prozent).

Die größten Streitpunkte lagen aber bis zuletzt in der Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik. Dabei ging es vor allem um die SPD-Forderungen nach einer deutlichen Einschränkung befristeter Arbeitsverhältnisse und einem Ende der „Zwei-Klassen-Medizin“, etwa durch eine Angleichung der Arzthonorare für gesetzlich und privat Versicherte oder durch eine Öffnung der gesetzlichen Krankenversicherung für Beamte.

Die Führung der Sozialdemokraten will mit Erfolgen in diesen beiden Punkten bei ihren Mitgliedern für ein Ja zum Koalitionsvertrag werben. Denn die mehr als 440 000 SPD-Mitglieder haben das letzte Wort, wenn die Koalitionsvereinbarung zustande kommt. Am Dienstag um 18.00 Uhr lief die Frist für die Aufnahme von Mitgliedern aus, die noch an der Abstimmung teilnehmen können. Einige Landesverbände meldeten bereits Tausende Neuzugänge.

Nach einem der dpa in Berlin vorliegenden Entwurf für den Koalitionsvertrag waren auch noch andere Punkte in der Endphase der Verhandlungen strittig. Dabei ging es unter anderem darum, ob Unternehmen Abstriche bei den Arbeitszeitregeln erlaubt werden sollen, wenn sie tarifvertraglichen Bestimmungen unterliegen. Umstritten waren die Zukunft des Arznei-Versandhandels, Schutzregeln für Beschäftigte im Nahverkehr bei einem Betreiberwechsel oder die Verankerung eines Staatsziels Kultur im Grundgesetz.

Die GroKo-Parteien stuften einen reduzierten Steuersatz für elektrisch betriebene Dienstwagen vom festen Vorhaben zum Prüfauftrag herunter. „Bei der pauschalen Dienstwagenbesteuerung wollen wir für Elektrofahrzeuge einen reduzierten Satz von 0,5 Prozent des inländischen Listenpreises prüfen“, heißt es in dem Entwurf, der den Stand am Montag abbildete. In einer früheren Version hatte es noch geheißen, dass der Steuervorteil kommen solle.

Worauf Union und SPD sich (bisher) geeinigt haben

Erwartungsgemäß nicht mehr im Entwurf genannt ist eine Abschaffung der Luftverkehrssteuer, die sich die Verkehrsexperten von Union und SPD gewünscht hatten. Die Ticketsteuer wird seit 2011 für Starts von deutschen Flughafen erhoben und bringt jährlich rund eine Milliarde Euro ein. Die Branche und Verkehrspolitiker machen sich seit langem für eine Abschaffung stark, scheiterten aber immer wieder am Nein von Haushaltspolitikern. Klimaschützer halten sie für wichtig.

Die Verhandlungen zwischen CDU, CSU und SPD sollten eigentlich schon am Sonntag abgeschlossen werden, mussten dann aber zwei Mal verlängert werden. Schulz verteidigte dieses Vorgehen. „Wir sehen heute, dass wir gut beraten waren, uns Reservetage einzuräumen“, sagte er. Auch für die Unionsparteien, die aufs Tempo gedrückt hatten, sei das ersichtlich geworden, „weil man eine seriöse Grundlage bilden will für die zukünftige Regierung“.

Es wurde mit Verhandlungen bis in die Nacht gerechnet. Ein Scheitern der Verhandlungen galt als äußerst unwahrscheinlich, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) schloss es aber nicht aus. Er halte eine Einigung für möglich. „Aber ob es gelingt, ist unsicher.“

Union und SPD wollten in der Schlussphase auch die Ressortverteilung in einer neuen Bundesregierung erörtern. Eine Entscheidung über Personalien ist nach Angaben der Sozialdemokraten aber noch nicht zu erwarten. „Die Personalfragen kommen einfach später, das ist nichts, was heute ansteht“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, im ARD-„Morgenmagazin“.

Zur Frage, wann SPD-Chef Schulz Klarheit über einen möglichen Wechsel ins Kabinett schaffen wird, wollte sich Schneider nicht äußern. „Ich werde mich an dieser Diskussion nicht beteiligen“, sagte er. In der SPD gibt es Forderungen, die Parteispitze solle direkt nach Vorlage eines Koalitionsvertrages und damit vor dem Mitgliederentscheid klarmachen, wer für sie ins Kabinett geht. Schulz hatte nach der Bundestagswahl im September kategorisch ausgeschlossen, als Minister unter Kanzlerin Merkel zu arbeiten.

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