Union und SPD Koalitionsvertrag ist für Laien unverständlich

Für den Mitgliederentscheid wurde allen SPD-Mitgliedern der Koalitionsvertrag zugeschickt – doch der ist schwer zu verstehen.

Der Koalitionsvertrag ist fast so komplex wie eine wissenschaftliche Doktorarbeit. Heute ist die letzte Gelegenheit für SPD-Mitglieder, darüber abzustimmen. Quelle: Imago

Berlin463.723 SPD-Mitglieder dürfen derzeit über den Koalitionsvertrag abstimmen. Damit die Bürger den Koalitionsvertrag begründet bewerten können, wurde dieser verständlich und transparent verfasst. Sollte man meinen. Doch die Sprache des Dokuments ist bürgerfern, zeigt eine Studie der Universität Hohenheim in Kooperation mit Communication Lab, welche dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Demnach ist der schwarz-rote Koalitionsvertrag 2018 eine Ausarbeitung von Experten für Experten.

Sprachlich steht im Mittelpunkt des Koalitionsvertrages „Deutschland“. Auffällig ist die positive Wortwahl: Die Koalition will „fördern“, „unterstützen“, „stärken“, „weiterentwickeln“, „verbessern“ und „schaffen“. Es treten auch besonders hervor die Begriffe „Digitalisierung“ und „Unternehmen“, ebenso wie „Europa“. Doch viel mehr wird ein Laie nicht verstehen. Die häufigsten Verstöße gegen Verständlichkeitsregeln: Fremdwörter und Fachwörter, Nominalisierungen, Denglisch, Monstersätze – Buchstabensuppe also. Oder kennen Sie das Wort Interoperabilitätsverpflichtung?

Fast alle Kapitel kompliziert und unzugänglich geschrieben

Man könnte glauben, dass Wortungetüm resultiere aus dem Fakt, dass Kanzlerkandidat Martin Schulz an diesem Dokument mitgewirkt hat. Er redet ungern Tacheles. Versteckt sich lieber hinter wohlklingenden Schachtelsätzen. Doch überlange Sätze mit mehr als 40 Wörtern finden sich in fast allen Kapiteln. Manch ein Satz erstreckt sich gar über 80 Wörter. Eine Kostprobe gefällig?

„Wo dies gesetzgeberisches Handeln erfordert, werden wir noch in diesem Jahr einen Gesetzentwurf zur nachhaltigen Stärkung der personellen Einsatzbereitschaft der Bundeswehr mit dem Ziel vorlegen, die Gehalts- und Besoldungsstrukturen wettbewerbsgerecht zu gestalten, das Dienstrecht zu flexibilisieren, die mit den hohen Mobilitätsanforderungen verbundenen hohen Belastungen besser auszugleichen und eine bessere soziale Absicherung von Bundeswehrangehörigen, insbesondere auch beim Zugang zur Gesetzlichen Krankenversicherung nach Ende der Dienstzeit von Soldatinnen und Soldaten auf Zeit zu erreichen und dadurch Versorgungslücken zu schließen und die Berufsförderung zu stärken.“

Dieser Absatz ist leider kein Einzelfall. Um die einzelnen Kapitel zu verstehen, ist die Sprachkompetenz auf dem Niveau von Studierenden erforderlich. Fraglich, ob alle abstimmenden SPD-Mitglieder über die notwendige Kompetenz verfügen. Formal am unverständlichsten ist der Teil über die Deutsche Geschichte. Es erhält von der Universität Hohenheim eine Bewertung von 2,6. Und das obwohl niemand die Gegenwart verstehen kann, ohne die Geschichte zu kennen. Vielleicht ist das aber auch von den Regierenden so gewünscht.

Wahlprogramme sind verständlicher

Dass die Politik sehr wohl in der Lage ist verständliche Dokumente aufzusetzen, zeigen die Wahlprogramme der Parteien. „Der Koalitionsvertrag ist formal unverständlicher als die Wahlprogramme der Union und der SPD“, erklärt Professor Frank Brettschneider, der an der Universität Hohenheim Kommunikation lehrt. Das Programm der Union erreichte 10,8 Punkte, dass der SPD 8,4 Punkte im Hohenheimer Verständlichkeitsindex. Zum Vergleich: Hörfunk-Nachrichten haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 16,4.

Davon ist der schwarz-rote Koalitionsvertrag meilenweit entfernt. Mit einem Wert von 5,7 ist das Dokument sprachlich fast so komplex wie eine politikwissenschaftliche Doktorarbeit. Sollte die SPD-Basis gegen den Koalitionsvertrag stimmen, wäre das Wortungetüm vom Tisch. Ansonsten könnte die amtierende Regierung das Dokument einmal für Laien übersetzen lassen. Denn ein für jeden verständlicher Koalitionsvertrag wäre ein erstes Mittel gegen die Politikverdrossenheit in Deutschland.

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