WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Unternehmenssteuern Gigantische Verluste könnten Steuereinnahmen drastisch schmälern

Seite 2/3

Bremer Vilkan Werft: Verluste Quelle: AP

Selbst das Bundesfinanzministerium hat keine exakten Zahlen, mussten Steuerexperten der Wirtschaft unlängst erfahren. Bei einem Treffen im Haus der Deutschen Wirtschaft referierte Ministerialrat Volker Lietmeyer aus der Abteilung „Finanzpolitische und Volkswirtschaftliche Grundsatzfragen“ zum Thema Verlustverrechnung. Zwar präsentierte Lietmeyer präzise Zahlen bis zur ersten Stelle hinter dem Komma. Beim Schaubild „Strukturdaten zu den Verlustvorträgen zum 31.12.2004“ erfuhr die Runde, dass sich die Verlustvorträge bei der Körperschaftsteuer auf 473,1 Milliarden Euro beliefen, bei der Einkommensteuer auf 60,9 Milliarden und bei der Gewerbesteuer sogar auf 569 Milliarden Euro.

Doch auf Nachfrage, so ein Teilnehmer, begann Lietmeyer „zu schwimmen“, genauso wie die vermeintlich in Stein gemeißelten Daten. Wie auch sonst, denn das Steuergeheimnis verbietet den Finanzämtern die Weitergabe exakter Informationen, sodass die Finanzministerien von Bund und Ländern lediglich anonymisierte Zahlen über Steuern, Gewinne und Verluste erhalten.

Investoren hoffen auf Lockerung des Mantelkaufs

Manche Verlust-Unternehmen sind längst untergegangen. So wie die Bremer Vulkan Werft, die milliardenhohe Verluste anhäufte, im Mai 1996 eine der größten Firmenpleiten hinlegte und zehn Jahre später im Mai 2006 aus dem Handelsregister gelöscht wurde. Deren Verluste sind für immer auf dem Boden der Weser versenkt und brauchen keinen Finanzminister mehr zu beunruhigen.

Andererseits gibt es insolvente Firmen, deren Hüllen allein wegen der Hoffnung noch existieren, dass der Staat eines Tages seine restriktiven Regeln zum Mantelkauf wieder lockert und sich dann die Bilanzverluste gewinnbringend verkaufen lassen – der Erwerber kann damit dann seine Steuerlast mindern.

Als leidenschaftlicher Mantelkäufer galt der schwäbische Unternehmer Adolf Merckle, der sich Anfang des Jahres das Leben nahm; er brüstete sich etwa damit, mal eine alte DDR-Textilfabrik nach der Wende für eine D-Mark übernommen zu haben, um anschließend deren angesammelte Verluste von 50 Millionen D-Mark steuermindernd mit Gewinnen seines Firmenimperiums verrechnen zu können.

Dresdner Bank-Verkauf mit gravierenden Folgen für Conergy

Auf welche Höhe sich die Verlustvorträge bei einzelnen Steuerarten summieren

Dem schwungvollen Handel mit steuermindernden Verlusten haben die Politiker längst einen Riegel vorgeschoben. Bei der Unternehmenssteuerreform 2008 verschärfte die große Koalition nochmals die Mantelkaufregel – mit unerwarteten Kollateralschäden.

Conergy zum Beispiel ist betroffen. Das Solarunternehmen geriet nach ungezügeltem Wachstum im Herbst 2007 in die Krise und trägt nach einem harten Sanierungskurs weit über Hundert Millionen Euro Verlust in seiner Bilanz vor. In der Zwischenzeit wurde der Hauptanteilseigner, die Dresdner Bank, an die Commerzbank verkauft – mit gravierenden Folgen für Conergy. Denn mit einem Anteilseignerwechsel erlöschen laut Mantelkaufregel automatisch die bestehenden Verlustvorträge in Höhe des übertragenen Anteils, in diesem Fall von 39 Prozent. Und das, obwohl bei Conergy gar keine herumzockenden Mantelkäufer am Werk waren. Das Unternehmen müsste nun auf geldwerte Vorteile in zweistelliger Millionenhöhe verzichten, ein schwerer Rückschlag für den Sanierungsfall. Deshalb verhandelt das Unternehmen mit den Hamburger Finanzbehörden, um seinen Verlustvortrag zu behalten.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%