Unterwegs auf einer Atomschutzbunker-Tour „Das Kalter-Krieg-Thema erlebt eine Renaissance“

Regierungsbunker in Ahrweiler Quelle: Presse

Die Angst vor einem atomaren Krieg kehrt zurück. Deutschlands frühere Atombunker aber sind nur noch Museen. Was treibt die Besucher dieser Tage um? Unterwegs auf der 3-Bunker-Tour in Ahrweiler und Eifel.

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Im Raum 324 des Atomschutzbunkers in Kall-Urft, nach rund sieben Stunden Bunkertour durch Ahrweiler und die Eifel, kommt dann doch noch die Frage nach der Bombe: „Was, wenn das mit dem Ukrainekrieg weiter eskaliert?“, will eine Besucherin nun wissen. „Könnte man dann diesen Bunker benutzen?“ Claus Röhling antwortet schnell: „Nein. Wozu denn auch?“ Einer heutigen Atombombe würde dieser Bunker aus den 1960er Jahren wohl kaum standhalten. Der Schutzbau ist ein Museum. Aber Atomwaffen seien ohnehin Drohgebärden, befindet Röhling, sie hätten Europa die längste Friedenszeit beschert. Mehr als 70 Jahre ohne Krieg – trotz Atomwaffen. Oder gerade ihretwegen. „Die Abschreckung ist zu groß. Das wird auch dieses Mal so sein.“ Dann setzt er noch hinzu: „Hoffentlich.“

Claus Röhling begegnet dieser Tage ungewohnt aktuellen Sorgen auf seiner Tour. Eigentlich erzählt er doch seit Jahren nur von der Vergangenheit. Der 78-Jährige ist Besitzer des ehemaligen Ausweichsitzes der NRW-Landesregierung. Hierhin sollten mal, im Falle eines Angriffskrieges, bis zu 300 Regierungsbeamte aus dem 80 Kilometer entfernten Düsseldorf ausweichen. 30 Tage lang hätten sie hier ausharren und weiter regieren können, was dann noch zu regieren gewesen wäre. Röhlings Schwiegervater hatte für die damalige Bunkerverwaltung gearbeitet und ihm zum Kauf geraten, nachdem das Land NRW 1993 keine Verwendung mehr für den Betonklotz sah. Röhling kaufte das Einfamilienhaus des Bunkerwarts – und bekam den Bunker dazu.

Die Eisentüre hält 10 bar Druck aus

Seit 2009 bietet Röhling Führungen durch drei der vier Bunkeretagen an. Er zeigt die wuchtigen Eisentüren, die 10 bar Druck aushalten. Die Fernschreiber, die auf Knopfdruck noch Warnungen tickern. Die Kontaminierungsschleusen, die Kommandozentralen, die Duschen, die Luftfilter und Stromgeneratoren. Kalter Krieg. Doch seit Russlands Überfall auf die Ukraine ist alles anders.

Vergangene Woche griff Russland das Atomkraftwerk Saporischschja im Süden der Ukraine an, auf dem Gelände brach ein Feuer aus. Russlands Präsident Wladimir Putin ließ seine Atomstreitkräfte bereits Tage vorher in Alarmbereitschaft versetzen. Der Direktor der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) äußert seine Besorgnis; laut einer Forsa-Umfrage haben rund zwei Drittel der Deutschen Angst vor dem Dritten Weltkrieg; Apotheker vermelden eine erhöhte Nachfrage nach Jodtabletten. Und bei Jörg Diester klingelt das Telefon.

So hätte sich die Bundesregierung vor dem Atomkrieg geschützt
Dokumentationsstätte Regierungsbunker Quelle: Presse
Der Hauptstollen des Bunkers: manche Sicherheitstüren, zum Brechen einer atomaren Druckwelle konzipiert, wiegen 25 Tonnen. Quelle: Presse
Getränkekarte im Regierungsbunker Ahrweiler Quelle: Stephan Knieps für WirtschaftsWoche
Schlafzimmer des Bundeskanzlers im Regierungsbunker Quelle: Stephan Knieps für WirtschaftsWoche
Ansprache des Bundespräsidenten zum Dritten Weltkrieg. Quelle: Stephan Knieps für WirtschaftsWoche
Filmvorführungen im Regierungsbunker Quelle: Stephan Knieps für WirtschaftsWoche
Nato-Codenamen Quelle: Stephan Knieps für WirtschaftsWoche

Wenn Claus Röhling Bunker-Hausherr ist, ist Diester der Bunker-Präsident. Er gründete 2009 das Netzwerk der Bunker-Dokumentationsstätten. Ein Zusammenschluss von sieben deutschen Bunkern, mit Sitz in Marienthal, nahe dem ehemaligen Regierungsbunker in Ahrweiler. Drei dieser Bunker hat Diester selbst gemietet. Im Hauptberuf leitet er die Pressestelle der Handwerkskammer Koblenz. Vor ein paar Jahren entwickelte er die sogenannte Eifel-Bunker-Tour. Drei Atomschutzbunker an einem Tag: Regierungsbunker in Ahrweiler, NRW-Ausweichsitz in Kall-Urft und der Ausweichsitz der NRW-Landeszentralbank in Satzvey bei Mechernich. Normalerweise bietet er die Tour fünfmal im Jahr an. „Aber die Anmeldungen gehen nun im Minutentakt hier ein“, sagt Diester. Deshalb gibt es im Sommer wohl Zusatztermine.

Alte Ängste seien wieder da. Und für einige besorgte Bürger müssen die Schutzeinrichtungen der 1960er Jahre offenbar den Schreckensszenarien des Jahres 2022 standhalten. Ob das gut geht?

„Das hat ja jetzt schon eine neue Dynamik“

So versammeln sich an diesem kalten, sonnigen Sonntagmorgen Anfang März 86 Frauen und Männer vor der Dokumentationsstätte Regierungsbunker in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Sie kommen, ausweislich der Nummernschilder ihrer Autos, aus Köln, Frankfurt, Krefeld, dem Rhein-Sieg-Kreis, dem Westerwald. Die allermeisten haben die Bunker-Tour weit vor dem Russland-Angriffskrieg gebucht. Viele hätten sie schon im Dezember gemacht; damals wurde die Besichtigung jedoch wegen Corona verschoben. „Das hat ja jetzt schon eine neue Dynamik“, sagt ein Besucher vorsichtig. Und Jörg Diester formuliert es im Eingangsbereich in seiner Begrüßung so: „Das Kalter-Krieg-Thema erlebt seit wenigen Tagen eine Renaissance.“ Sein Tonfall ist mehr routiniert denn besorgt.

Er führt eine kleine Gruppe hinein in den kalten Stollen. Mit seiner neongelben Signaljacke setzt er auch optisch dem Bunkergrau etwas Helles entgegen. Der Regierungsbunker war mal das größte und teuerste Geheimprojekt Westdeutschlands, in Auftrag gegeben von der Regierung Adenauer. Der Bau der Anlage trug den Namen „Rosengarten“. Als Grundlage nutzte man eine alte Eisenbahnröhre, die im Ersten Weltkrieg in den Bergen des Ahrtals gebaut worden war. Der zwischen 1962 und 1972 angelegte Bunker erstreckte sich über 17 Kilometer. Bis zu 3.000 Personen, vor allem die sogenannten Verfassungsorgane der Bundesrepublik, hätten hier Schutz finden und 30 Tage lang überleben können. Der Ernstfall trat bekanntlich nie ein. Aber die Nato nutzte die Anlage alle zwei Jahre für Winterübungen.

„Beverly Hills Cop“ und „Das Leben des Brian“

Im Dezember 1997 beschloss die Bundesregierung, das fünfte und letzte Kabinett Helmut Kohls, den Bunker aufzugeben. Die Gefahren des Kalten Krieges betrachtete man als gebannt. Ein Verkauf der Anlage scheiterte, also begann der Rückbau. Heute sind von den 17 Kilometern nur noch rund 200 Meter zugänglich. Hier verdichtet sich das Anschauungsmaterial der Vergangenheit: das Fernschreibzentrum, der Friseursalon, das graue Kanzlerzimmer mit der Decke auf dem Bett und der Aufschrift „Bundeseigentum“. Orangefarbene Elektromobile sowie jede Menge Fahrräder dienten den rund 180 festangestellten Mitarbeitern des Bunkers zur Bewältigung der langen Strecken. Abgase hier unten wären schnell lebensgefährlich.

Die deutsche Prepper-Szene bereitet sich wegen des Ukraine-Krieges auf das Schlimmste vor. Shops, in denen sie ihre Ausrüstung kaufen, sind leergefegt. In Telegram-Gruppen gibt es Tipps für lohnende Tauschwaren.
von Theresa Rauffmann

Mitunter wechselt die Stimmungslage beim Betrachten der Reliquien, von verspielt bis beängstigend. Eine laminierte Liste gibt Auskunft über Getränkepreise im Speisezimmer („Kabänes: 2,50 DM“), eine andere informiert über die Filmvorführungen in der Anlage West („Das Leben des Brian“, „Beverly Hills Cop I“). In einem anderen Raum hängt im Großdruck eine vorbereitete Rede an der Wand, für den Ernstfall: „Ansprache des Bundespräsidenten zum Dritten Weltkrieg“. Darin adressiert das Staatsoberhaupt seine „lieben Landsleute diesseits und jenseits der Demarkationslinie“, und sagt: „Wir sind den Weg der Verständigung bis zuletzt gegangen, dafür ist die Welt unser Zeuge.“ Und weiter: „ORANGE hat unsere Abwehr herausgefordert, auch mit Waffen, deren Wahl nicht allein von der Bundeswehr abhängt.“

Was das bedeutet, erfahren die Besucher ein Stockwerk höher im Bunker. Dort informiert ein Schild über die „Codenamen der Nato für die betreffenden Länder“. An erster Stelle: „Staaten des Warschauer Paktes – Orange“. Gleich darunter: „Österreich – Braunland“. Ungarn hatte im Nato-Jargon den Codenamen „Mercedes Benz“.

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