Unterwegs mit Robert Habeck Applaus für den „grünen Heini“

Robert Habeck und Friedrich Merz beim jährlichen Wirtschaftstag des CDU-Wirtschaftsrates Quelle: dpa

Robert Habeck ist mal wieder überall: beim CDU-Wirtschaftsrat und auf der Hannover Messe. Der Wirtschaftsminister pflügt sich durch die Probleme. Die einen feiern, die andere beäugen ihn dafür.

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Unterschiedlicher könnte ein Schlagabtausch zweier Politiker kaum beginnen – und überraschender kaum enden. Im fensterlosen Grand Ballroom des Marriott Hotels in Berlin-Mitte gibt es am Dienstagvormittag rhythmischen Applaus, Lichtshow und laute Musik, als Friedrich Merz (CDU) durch die voll besetzten Stuhlreihen zur Bühne schreitet. Ein bisschen wirkt der Parteichef wie ein Profiboxer auf dem Weg zum Ring. Begeistert kündigt die Moderatorin den rund 1000 Zuschauenden den „Einmarsch des Giganten“ an. 

Robert Habeck (Grüne) hingegen? Kommt erst einige Zeit später und von hinten auf die Bühne. Etwas abgekämpft und mit dünner schwarzer Krawatte sucht der Wirtschaftsminister leise seinen Platz und beginnt, sich Notizen zu machen.

So weit, so erwartbar. Der Wirtschaftstag 2022, organisiert vom CDU-Wirtschaftsrat, ist eine Heimarena für Merz und von Natur aus vermintes Terrain für einen Grünen wie Habeck. Immerhin ist es keinen Monat her, dass die Präsidentin des Wirtschaftsrates Astrid Hamker der Ampel als Regierung noch einen „Abstiegsplatz“ attestierte. Pünktlich zum Dienstag kritisierte sie in der WirtschaftsWoche auch Kanzler Olaf Scholz hart.

Merz liefert dazu am Beginn die markigen Sätze eines Angreifers. Wenn die Regierung ihre Arbeit nicht mache, müsse das die Opposition übernehmen, ruft der CDU-Chef. Dann fordert er: Deutschland solle endlich die Führungsrolle in Europa übernehmen, müsse mehr in seine umfassende Sicherheit investieren. Und Deutschland müsse die große Gefahr Chinas ernstnehmen. 

Die FDP gehe außerdem „in der Ampel unter“ und tue ihm leid, sagt Merz. Die Grünen bezeichnet er als Wettbewerber, den man nicht hochschreiben dürfe. „Unsere Gegner sind die Sozialdemokraten und die machen es uns gerade leicht“, keift Merz. Eine routinierte Wahlkampfrede ohne Wahl, aber eben auch ein Heimspiel unter artigem Applaus der Mitglieder des Wirtschaftsrats.

Auftritt Robert Habeck

Der Minister wirkt anschließend fahrig, spricht allerdings frei und ziemlich schnell: Zu lange habe das Prinzip „Der Markt regelt alles“ und Abwarten geheißen, sagt er. Die aktuellen Krisenzeiten seien doch auch motivierend. „Eine gestaltende Wirtschaftspolitik ist jetzt gefordert und notwendig“, sagt Habeck. Dazu müsse die Regierung Verantwortung übernehmen und Bereitschaft zeigen, Fehler zu machen. „Besser jetzt das Risiko suchen, als nichts zu tun“, sagt Habeck und meint damit etwa den Ankauf von LNG-Gas.

Das ist der Habeck-Sound. Selbstbewusst, eins mit dem Zeitgeist des starken Staates. Aber, Überraschung: Der Applaus wird zu diesem Zeitpunkt spürbar lauter, die Atmosphäre lockerer. Die Unternehmerinnen, Unternehmer und der Minister scheinen sich zunehmend zu finden. Später wird ein begeisterter Branchenchef vor der Bühne sagen: „Merz ist eben nur ein altgedienter Podiumsredner, aber Habeck hat mich heute echt begeistert. Er nimmt seine Kritiker einfach mit in seine Argumente auf.“

Die Zeitenwende bekommt weder der FDP noch ihrem Finanzminister Christian Lindner. Während ein solider Haushalt in weite Ferne rückt, strahlen die Grünen immer heller – und umwerben die liberale Kernklientel.
von Max Haerder, Sonja Álvarez, Max Biederbeck, Sophie Crocoll, Christian Ramthun, Cordula Tutt

Dass der grüne Nachfolger von Peter Altmaier sich zu verkaufen weiß, merkt man auch ein paar Stunden später und rund 250 Kilometer weiter westlich. Aus Berlin ist Habeck ein zweites Mal binnen weniger Tage zur Hannover Messe gekommen, zur größten Industrie-Leistungsschau der Welt. Und hier schleicht er sich nicht rein, er pflügt durch die Hallen, seinen Tross eilig hinter sich herziehend.

Auf dem Stand von Siemens Energy lässt er sich als erstes von Vorstand Tim Holt Windturbinen erklären, die Kameras saugen alles dankbar auf. Kurz ist in diesem Moment der Stress des Tages vergessen. Etwa, dass Habeck am Morgen bei der Union auch den aus seiner Sicht suboptimalen Kompromiss zum Ölembargo erklären musste. Beim CDU-Wirtschaftstag hatte sich der Minister noch „irritiert“ darüber gezeigt, wie „Viktor Orban ruchlos für seine eigenen Interessen pokert.“ Auch dafür hatte es tosenden Applaus gegeben. Noch während Habeck jetzt die Messestände abklappert, läuft da allerdings die Meldung ein, dass Scholz Verständnis für die blockierenden Ungarn zeigt. Wenigstens wussten sie das am Morgen beim Wirtschaftsrat noch nicht, muss sich der Minister in diesem Moment gedacht haben.

„Das ist hier ja wie nach Hause kommen“

Da ist es gleich viel schöner, am Stand des Landes Schleswig-Holstein über die „unfassbare Dynamik“ bei grünem Wasserstoff zu reden und nebenbei Werbung für Helgoland zu machen. „Das ist hier ja wie nach Hause kommen“, sagt der Wahl-Flensburger. Danach besucht er das Unternehmen GP Joule, einem Anbieter nachhaltiger Verkehrslösungen. Hier dutzt man sich sogar allseits. Er kenne die Firma und seine Manager seit 15 Jahren, erzählt Habeck.

Und weiter geht’s. Zum Autozulieferer Schaeffler, Festo, dem portugiesischen Wirtschaftsminister António Costa Silva. Portugal ist schließlich das Partnerland der Messe. Bei einem der schnellen Wechsel von Messehalle zu Messehalle blickt ein Gast dem Tross hinterher. „Ah“, sagt er, „das ist doch der grüne Heini.“

Am Vormittag in Berlin klingt das ganz anders. Habeck spricht auf der Marriott-Bühne tatsächlich vom Vorteil des politischen Streits um die Wirtschaft, vom gemeinsamen Weiterkommen durch Debatte und vom nötigen Rückbau staatlicher Subventionen, etwa beim energetischen Bauen. Am Ende klatschen die Anwesenden, als Habeck im Detail erklärt, warum es noch immer kein Freihandelsabkommen mit Kanada gibt.

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Sie tun es auch, als er gegen das vom Wirtschaftsrat eigentlich geforderte Weiter-so bei Atomkraftwerken argumentiert. Das sei in seinen Augen unwirtschaftlich, sagt Habeck und schließt: „Das sind meine ökonomischen Argumente. Mit meinen weltanschaulichen Ansichten zum Thema lasse ich sie in Ruhe.“ Es folgt kein artiges, auch kein höfliches, sondern begeistertes Klatschen. Und wie bereits zu Beginn setzt die Moderatorin auf der Bühne der Szene eine passende Überschrift: „Das nennt man wohl einen nicht enden wollenden Applaus“, erklärt sie.

Friedrich Merz sitzt zu diesem Zeitraum übrigens schon nicht mehr auf der Bühne.

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