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Unzuverlässige Schnelltests „Omikron wird wohl jeden erwischen“

Negativ - tatsächlich? Oder täuscht das Ergebnis? Schnelltests erkennen die Omikron-Variante offenbar nicht immer zuverlässig, zeigen erste Studien. Dadurch können sich Betroffene in falscher Sicherheit wiegen.  Quelle: Imago

Viele Schnelltests können selbst hochpositive Proben nicht erkennen, erklärt die Virologin Isabella Eckerle. Sie warnt vor falscher Sicherheit – sagt aber auch: Jeder wird sich wohl mit Omikron anstecken. Womöglich mehrfach.   

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Isabella Eckerle, geboren in Speyer, ist Virologin und Professorin am Universitätsklinikum Genf, wo sie das Zentrum für neuartige Viruserkrankungen leitet, zu denen auch das Coronavirus gehört.

WirtschaftsWoche: Frau Eckerle, Sie forschen als Virologin am Genfer Universitätsklinikum zum Coronavirus, aktuell beschäftigen Sie sich in einer Studie mit den Schnell- und Selbsttests. Wie zuverlässig erkennen die Tests eine Omikron-Infektion? 
Isabella Eckerle: Omikron verbreitet sich so rasant, dass die Erlebnisse in der Realität den Labordaten voraus sind, das ist eine ungewöhnliche Situation. Viele Fragen können wir deshalb noch gar nicht in aller Tiefe beantworten. Das gilt auch für die Zuverlässigkeit der Schnelltests, wo wir erste, unterschiedliche Ergebnisse haben: Einige Studien bestätigen die Zuverlässigkeit der Tests, andere Daten deuten darauf hin, dass die Tests weniger gut anschlagen. 

Was sind die ersten Ergebnisse Ihrer eigenen Schnelltest-Studie?
Daten aus unserem Forschungszentrum hier an den Genfer Universitätskliniken zeigen, dass viele Tests selbst hochpositive Proben nicht erkennen, obwohl die Patienten, von denen die Proben stammen, sehr wahrscheinlich bereits ansteckend waren. Aber das sind wie gesagt noch keine klinischen Studien, sondern erste Ergebnisse im Labor.

Isabella Eckerle, geboren in Speyer, ist Virologin und Professorin am Universitätsklinikum Genf, wo sie das Zentrum für neuartige Viruserkrankungen leitet, zu denen auch das Coronavirus gehört. Quelle: Presse

Was könnte der Grund dafür sein, dass die Tests das Virus offenbar nicht oder weniger schnell erkennen?
Es ist bisher unklar, ob es an dem Virus selbst liegt, oder daran, dass viele Menschen, die sich testen, inzwischen geimpft oder gar geboostert sind – das war vor einem Jahr noch nicht der Fall. 

Infizierte berichten, dass ihre Schnelltests negativ sind, obwohl sie bereits seit Tagen ein positives PCR-Ergebnis haben. Warum wird eine Omikron-Infektion von einem PCR-Test zuverlässiger erkannt?
Die PCR-Tests sind sehr empfindlich und weisen das Erbgut des Erregers bereits nach, wenn es im Rachen- oder Nasenraum gerade erst wächst. Die Schnelltests reagieren dagegen auf das Eiweiß des Virus. Um überhaupt anschlagen zu können, brauchen sie viel größere Mengen an Virus, die Infektion muss also schon fortgeschrittener sein.

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    Wie viel Zeit kann vergehen, bis eine Viruslast groß genug ist für einen Schnelltest?
    Das kann manchmal nur eine Frage von Stunden sein, manchmal auch von Tagen. Schon vor Omikron haben wir gesehen, dass das Viruswachstum bei einer Coronainfektion steil ansteigt und dann relativ flach wieder abfällt. Gerade in diesem kleinen Fenster am Anfang, wo die Virusmenge in die Höhe schießt, kann es eben sein, dass der PCR-Test schon reagiert, der Schnelltest aber nicht. Bei Omikron ist die Inkubationszeit noch einmal deutlich kürzer, der Anstieg also noch steiler – und das Fenster, in dem ein negatives Ergebnis für die Zukunft gültig ist, noch deutlich kleiner.



    Wenn jemand also am Morgen einen Schnelltest macht mit negativem Ergebnis, kann er bereits am Nachmittag beim Kaffeetrinken im Kollegenkreis oder abends im Restaurantbesuch positiv und infektiös sein?
    Ja, das ist leider möglich. Aber grundsätzlich waren Schnell- und Selbsttests auch nie als Eintrittskarte fürs Restaurant gedacht oder für eine Veranstaltungen oder den Bürobesuch. Sondern als sie 2020 auf den Markt kamen, ging es darum, eine Coronainfektion bei Menschen mit Symptomen zu erkennen – eben als Alternative zum PCR-Test, für den es nur begrenzte Laborkapazitäten gibt. Eine Coronainfektion bei symptomlosen Menschen auszuschließen, hat bisher nie gut geklappt. Und das funktioniert mit Omikron jetzt offensichtlich noch weniger. Schnelltests waren und sind deshalb kein Freifahrtschein.

    Was heißt das aber mit Blick auf die neue 2GPlus-Regel, die Bund und Länder gerade bundesweit zur Pflicht gemacht haben, beispielsweise für Besuche im Restaurant. Wiegen sich die Menschen damit in falscher Sicherheit?
    Wer sich jetzt in ein Restaurant setzt, riskiert trotz aller Hygienemaßnahmen eine Omikron-Infektion – eben auch, wenn alle Gäste neben der Impfung oder Genesung einen tagesaktuellen Test haben. Im Restaurant redet man nun mal laut, man isst, man trinkt, man geht mal auf die Toilette oder zur Bar, niemand hat dort permanent eine FFP2-Maske auf. Und bei der rasanten Verbreitung von Omikron und den offenbar unzuverlässigeren Schnelltests ist eine Ansteckung dann eben nicht unwahrscheinlich.

    Dann ist die Testpflicht Quatsch?
    Nein, aber man muss das Risiko abwägen, selbst infiziert zu werden oder selbst noch unerkannt Infizierter zu sein und damit zum Virusüberträger zu werden: Gehe ich mit einem Schnelltest nur ins Restaurant – oder besuche ich damit meine kranke Oma im Altenheim. Ein negatives Ergebnis ist für letztere Situation nicht zuverlässig verwertbar, aber mit einem positiven Ergebnis kann man schnell handeln, und sich isolieren. So können Infektionsketten also durchaus unterbrochen werden. Deshalb sollte man unbedingt weiter auf die Tests setzen.

    Aber sollten dazu auch verstärkt PCR-Tests genutzt werden?
    Das wird bei einer hohen Virus-Zirkulation nicht funktionieren. Hier bei uns in Genf ist die Testkapazität bereits ausgeschöpft, nicht jeder, der sich testen lassen will, bekommt auch einen PCR-Test. Das dürfte sich in Deutschland ähnlich entwickeln.

    Wie sollte man dann mit den knappen Laborkapazitäten umgehen?
    Die Laborkapazitäten muss man dann gut planen: Sollen sie für Klinik- und Pflegepersonal oder Schüler und Lehrer genutzt werden – oder für jemanden, der bereits einen positiven Schnelltest hat und nur mild erkrankt zu Hause bleiben kann. Hinzu kommt: Je mehr die Labore ausgelastet sind, desto länger dauert es bis zum Ergebnis.

    Eine Wartezeit, die Folgen haben kann?
    In den drei Tagen Wartezeit hat ein Infizierter womöglich schon weitere Menschen angesteckt, die noch mehr Menschen anstecken. Schnelltests können in der Welle die Labore entlasten: Wer einen positiven Schnelltest hat, sollte sich als infiziert betrachten und sich isolieren. Das ist in so einer Situation dann der große Wert dieser Tests.

    Braucht es neben den Tests auch schärfere Maßnahmen, wie sie Gesundheitsminister Karl Lauterbach bereits angedeutet hat?
    Zu kapitulieren und die Omikron-Welle durchrauschen zu lassen, würde sicher keinen Sinn ergeben. Die Kliniken arbeiten noch immer am Anschlag, das erlebe ich auch hier in Genf, wo die Infektionszahlen noch einmal deutlich höher als in Deutschland sind. Das liegt nicht unbedingt an schweren Verläufen, sondern an Folgen, die mit der Coronainfektion einhergehen: Ältere Menschen, die krank sind, stürzen vielleicht schneller, bei Diabetikern entgleist die Zuckereinstellung, dazu ist Klinikpersonal zunehmend selbst in Isolation, aufgrund eigener Infektionen, oder um Kinder in Quarantäne zu betreuen. Deshalb dürfen die Krankenhäuser nicht bewusst belastet werden.
    (Lesen Sie hier, wie die Betreiber kritischer Infrastruktur sich auf die Omikron-Welle vorbereiten.)

    Was ist dann die Konsequenz?
    Wir haben jetzt alle Werkzeuge, die man im Kampf gegen Corona haben kann: Masken, Tests, die Impfungen. Das war’s, da kommt erstmal nichts mehr dazu. Die Tools sind sicher nicht perfekt – aber sie können helfen, um jetzt einigermaßen gut durch die Omikron-Welle zu kommen, wenn wir sie auch konsequent einsetzen. Deutschland wird sicher davon profitieren, dass die Maßnahmen wegen der Delta-Welle noch nicht gelockert waren, dazu werden Menschen automatisch vorsichtiger, wenn sich um sie herum plötzlich alle anstecken.  

    Viele Geboosterte finden aber gerade das sehr frustrierend: Dass sie sich trotz Dreifachimpfung mit Omikron anstecken können.
    Die Daten zeigen, dass die Booster-Impfung zumindest eine Zeit lang vor einer Omikron-Infektion schützt und im Falle einer Erkrankung immer noch deutlich vor einem Krankenhausaufenthalt oder dem Tod schützt. Aber was auch zur Realität gehört: Früher oder später wird Omikron wohl jeden erwischen.
    (Zur Eindämmung der Omikron-Variante wird auch eine Impfpflicht diskutiert. Lesen Sie hier, wie so eine Pflicht in Deutschland schon mal eingeführt wurde.)

    Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, sich mehrfach mit Omikron anzustecken?
    Das wissen wir noch nicht, die Variante zirkuliert ja noch nicht so lange, dass wir schon Re-Infektionen erwarten können. Im Moment sehen wir aber zum Beispiel vermehrt Menschen, die im Herbst mit Delta infiziert waren, und jetzt schon wieder eine Infektion mit Omikron haben. Zum Reinfektionsrisiko mit Omikron für die Zukunft kann man vielleicht Daten von den saisonalen Erkältungs-Coronaviren heranziehen: Dort kann man sich bereits nach weniger als zwölf Monaten sogar schon wieder mit dem gleichen Virus anstecken.

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    Aber bringt Omikron trotz des Risikos der Wideransteckung das Ende der Pandemie?
    Ich will keine zu weiten Prognosen wagen, denn dafür hat uns Corona schon häufig genug überrascht. Aber vermutlich wird die Omikron-Welle zu einer Grundimmunität in der Bevölkerung führen, weil bald entweder alle Menschen geimpft sind oder weil sie infiziert waren. Diese Grundimmunität wird der erste Schritt in Richtung Endemie sein. Und wer geimpft ist und sogar mit dem Erreger in Kontakt war, der hat noch mal eine ganz andere Bandbreite an Bord und dürfte wahrscheinlich auch mit einem eventuellen Nachfolger von Omikron gut klarkommen. Insofern werden die nächsten Monate wohl noch einmal anstrengend, dann aber ist hoffentlich Besserung in Sicht.

    Dieses Interview war ein WiWo+-Inhalt. Da einzelne Aussagen aus dem Gespräch mit Frau Eckerle in großer Zahl außerhalb des Kontexts geteilt wurden, haben wir uns entschlossen, das komplette Interview frei verfügbar ins Netz zu stellen.

    Mehr zum Thema: Ja, die Infektionszahlen steigen. Doch vieles läuft besser oder weniger dramatisch als erwartet. Am Ende könnte die Omikron-Variante sogar dafür sorgen, dass die Pandemie zu Ende geht.

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