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Urheberrecht Kunst muss anständig bezahlt werden

Wer das Urheberrecht aufheben und Musik, Film und Literatur gratis verfügbar machen will, gefährdet die kulturelle Vielfalt. Denn hinter jeder Schöpfung steht ein Schöpfer, der von seiner Arbeit leben muss.

Ein Mann sitzt mit Kopfhörern vor dem PC Quelle: dpa

Wer heute noch bei Saturn oder anderswo CDs kauft, kommt sich mittlerweile wie ein Volltrottel vor. Wie ein Fossil des analogen Zeitalters. Gibt‘s doch alles umsonst, per Download. Jedes Kind lädt heute die neue Folge seiner Lieblingsserie bei Piratebay herunter. Was Wunder, dass darüber die gute alte Regel, auch für ein Stück Unterhaltung oder Information sei gefälligst zu zahlen, in Vergessenheit geraten ist. Kunst und Kultur gelten neuerdings wieder als volkseigen. Die Folgen sind jetzt schon absehbar: Die allgegenwärtige digitale Verfügbarkeit von Musik, Film und geschriebenem Wort führt tendenziell dazu, dass sich der Eigentumsbegriff auflöst. Und damit auch der Respekt vor den immateriellen Leistungen, ob von Wissenschaftlern oder von Künstlern.

Zorn gegen Gratis-Mentalität

Nicht weniger als der Schutz der „persönlichen geistigen Schöpfung“, wie es im Urheberrecht heißt, steht damit auf dem Spiel. Das hat der Musiker und Schriftsteller Sven Regener gemeint, als er in einem Hörfunk-Interview mit dem Bayrischen Rundfunk die Praktiken des illegalen Kopierens anprangerte: Das Urheberrecht werde mit Füßen getreten, unter dem Deckmantel einer coolen Demokratisierung der Kunst würde den Künstlern die Lebensgrundlage entzogen; das sei nichts anderes, „als dass man uns ins Gesicht pinkelt und sagt, euer Kram ist eigentlich nichts wert“.

Piraten auf Erfolgskurs
Wie ihr skandinavisches Vorbild ziehen auch die deutschen Piraten inzwischen von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. Die Gründung der schwedischen Piratpartiet Anfang 2006 galt als Startschuss einer globalen Bewegung. Die „Ur-Piraten“ protestierten gegen die Kriminalisierung von Personen, die sich über die schwedische Internet-Tauschbörse „The Pirate Bay“ Musik und Filme herunterluden. Die Partei fordert eine radikale Reform des Urheberrechts und mehr Informationsfreiheit im Internet. Quelle: dpa
10. September 2006In Berlin wird die Piratenpartei Deutschland gegründet. Quelle: dpa
Januar 2008Die Veröffentlichung von der Partei zugespielten Unterlagen aus Bayerns Justizministerium macht die Piraten bekannt. Aus den Dokumenten geht hervor, dass bayerische Behörden mit einer besonderen Software unrechtmäßig Internet-Telefonate überwachten. Quelle: dapd
Januar 2009Pläne der Bundesregierung für ein Gesetz zur Sperrung kinderpornografischer Internetseiten werden bekannt. Die Piraten und Bürgerinitiativen warnen vor Zensur im Internet. Quelle: dpa
Trotz einer Online-Petition mit mehr als 130.000 Unterzeichnern wird das Gesetz verabschiedet. Die Proteste bringen der Partei neue Mitglieder: Nach 1500 Anfang Juni sind es Ende 2009 mehr als 11.000. Quelle: dapd
27. September 2009Bei der Bundestagswahl erreicht die Partei mit 2,0 Prozent ihr bis dahin bestes Ergebnis. Es folgen weitere Achtungserfolge in den Ländern. Quelle: dpa
18. September 2011Bei der Wahl in Berlin ziehen die Piraten mit 8,9 Prozent in das erste Landesparlament ein. Nach Parteiangaben sitzen zu diesem Zeitpunkt in acht Bundesländern 153 „Kommunalpiraten“ in Kreistagen, Stadt- und Gemeinderäten sowie Bezirkversammlungen: 59 in Niedersachsen, 51 in Berlin, 31 in Hessen, 5 in Bremen, 3 in Hamburg, 2 in Nordrhein-Westfalen und je 1 in Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. Quelle: dpa

Natürlich richtete sich der fünfminütige Zorn-Monolog, der Regener die Bewunderung von Künstler-Kollegen und die Ablehnung der Online-Szene eintrug, gegen die Piratenpartei und ihre Sympathisanten samt deren Gratis-Mentalität. Offensichtlich legen sie Eigentum, wie weiland der französische Anarchist Proudhon, als Diebstahl an der Allgemeinheit aus – und verstehen das Urheberrecht nicht als ein existenzsicherndes Schutzschild des Einzelnen gegenüber den Ansprüchen der Vielen, sondern als Hindernis auf dem Weg in ein Schlaraffenland, in dem jedermann das Wahre, Gute und Schöne wie eine reife Frucht vom digitalen Himmel in den Schoß fällt. „Kultur für alle“ – das unerfüllte sozialdemokratische Versprechen des Siebzigerjahre soll endlich Wirklichkeit werden, kosten- und anstrengungslos via Internet. Die Gedanken sind frei – warum sollen sie dann nicht auch frei verfügbar sein?

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Schutz der Schöpfung

Ganz einfach, weil ihre konkrete Gestalt nicht automatisch allen gehört. Weil der Schutz des Eigentums, wie der Rechtsanwalt Konstantin Wegner in der „Süddeutschen Zeitung“ schreibt, erst die ökonomische Basis schafft für Kreativität und kulturelle Vielfalt. Bei aller Euphorie über das Geschenk des Internets gerät eine fundamentale Banalität leicht aus dem Blick: Dass hinter jeder Schöpfung immer auch ein Schöpfer steht, der von diesen Schöpfungen lebt. Deshalb, nur zur Erinnerung: Kunst ist, nach Karl Valentins tiefer Einsicht, schön, macht aber leider viel Arbeit - und sollte deshalb geschützt und anständig bezahlt werden.

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