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Vergleich mit Nachbarstaaten Warum Deutsche deutlich öfter zum Arzt gehen

Exklusiv
Deutsche gehen im internationalen Vergleich viel öfter zum Arzt Quelle: dpa

Gesundheitsminister Jens Spahn verspricht schnellere Termine beim Arzt. Doch Experten zweifeln an der Wirkung des neuen Gesetzes. Die kostspieligen Gewohnheiten von Patienten und Ärzten ändert es wohl kaum.

Volle Arztpraxen und lange Wartezeiten auf einen Termin – Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verspricht Abhilfe mit seinem am Donnerstag im Bundestag verabschiedeten „Terminservice- und Versorgungsgesetz“ (TSVG). Spahn will den rund 72 Millionen Kassenpatienten schneller zu Terminen bei Haus- und Fachärzten verhelfen. Dazu sollen die Praxen mehr offene Sprechstunden anbieten und die zentrale Terminvermittlung am Telefon deutlich ausgebaut werden. Doch selbst das Ministerium will keinen Maßstab nennen, wann das Gesetz ein Erfolg ist und wie lange die Wartezeiten auf Facharzttermine heute wirklich sind.

Experten kritisieren, dass ein wichtiges Problem im Gesundheitswesen gar nicht angegangen wird und deshalb nicht unbedingt Besserung in Sicht ist: Die Deutschen gehen im Vergleich zu Kranken in Nachbarländern deutlich häufiger zum Arzt. Dann fehlt dort die Zeit zur Behandlung ernsthafterer Leiden und für umfangreichere Therapien. Das beklagt der oberste Berater von Minister Spahn, der Chef des Sachverständigenrates Gesundheit, Ferdinand Gerlach. Der WirtschaftsWoche sagte der gelernte Allgemeinmediziner: „Grob geschätzt haben wir inzwischen in Deutschland rund 20 Arzt-Patient-Kontakte je Einwohner und Jahr allein bei ambulanten Praxisärzten. Das ist aus medizinischen Gründen und auch im internationalen Vergleich deutlich zu oft.“ Die Versicherten erschienen schon mit leichtem Fieber oder mit einem Zeckenbiss in der Praxis oder gar in der Notaufnahme.

Dagegen unternimmt das Gesetz nichts. Das kritisiert auch der Chef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch. „In Deutschland gehen Patienten in der Tat häufiger zum Arzt. Doch trotz häufiger Arztkontakte sind sie weder gesünder als etwa die Schweden oder Niederländer, noch sind sie zufriedener mit der medizinischen Versorgung“, sagte der oberste Vertreter der Allgemeinen Ortskrankenkassen, die rund 26 Millionen Menschen versichern, der WirtschaftsWoche. Das Gesetz habe viele kostspielige Details. „Aber dass dadurch „Bagatell“-Besuche, unsinnige Wiedereinbestellungen oder überflüssige Selbstzahler-Leistungen vermieden werden, ist nicht zu erwarten. Angesichts der sehr komplexen Regelungen bleibt vorerst offen, ob das Geld tatsächlich in der Versorgung ankommt.“ Die Kassen gehen von Mehrkosten durch das Gesetz von jährlich drei Milliarden Euro aus, Spahn von bis zu zwei Milliarden Euro.

In dem jüngst veröffentlichen repräsentativen Arztreport 2019 beschreiben Wissenschaftler, wie im Gesundheitssystem manchmal mehr die formalen Regeln bestimmen, wer in der Praxis auftaucht und weniger die Schwere einer Erkrankung. Der Autor der Studie im Auftrag der Barmer-Krankenkasse, Thomas Grobe, beschreibt dafür einen Tag, an dem jeder elfte Einwohner des Landes in einer Arztpraxis saß oder zumindest die Chipkarte dort registrieren ließ: Der 3. April 2017 – Daten von 2018 gibt es noch nicht. Der Studienleiter vom Aqua-Forschungsinstitut sagte der WirtschaftsWoche, an jenem Frühlingsmontag 2017 seien 8,71 Prozent der Einwohner, also mehr als sieben Millionen, im Wartezimmer gewesen. „Wir haben dreimal kontrolliert“, beschreibt der zunächst selbst erstaunte Ökonom. Keine Grippewelle sei Grund für den Patientenpeak gewesen, sondern eher die Anreize zum Abrechnen. „Versicherte gehen eher am Anfang des Quartals zum Arzt. Viele Praxen bestellen sich die Patienten gleich zu Beginn“, sagt Grobe. Denn Haus- und Fachärzte bekommen für Routineleistungen nur eine Pauschale je Quartal – egal, ob ein Patient einmal mit einem Infekt da war oder später noch eine Krankschreibung braucht. Hat der Arzt also die Terminwahl zwischen Ende März oder Anfang April, wählt er eher letzteres. Versicherte gehen zudem eher am Montag zum Arzt als an anderen Wochentagen. Am 3. April 2017 war zudem Ostern nicht mehr fern. Statt also in den Osterferien zum Arzt zu müssen, tauchten gerade Familien verstärkt in der Woche vorher auf.

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