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Verkehrsminister Das PR-Einmaleins des Andi Scheuer

Andreas Scheuer auf einem mit Wasserstoff betriebenen Gabelstapler. Auch auf anderen Verkehrsmitteln präsentiert sich der Minister der Öffentlichkeit in Aktion. Quelle: dpa

Per E-Roller durchs Kabinett, mit Instagram in die Herzen, dank der Bahn aus der Schusslinie: Kein Minister spielt die PR-Klaviatur so virtuos wie Andreas Scheuer. Oder? Eine kritische Würdigung.

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1. Wenn Dir ein Thema Ärger macht, setze ein neues
Es ist einer der ältesten Tricks überhaupt, aber der Verkehrsminister beherrscht ihn wie kaum ein zweiter: Wenn Du ein Spiel nicht gewinnen kannst, wechsle das Spielfeld. Was also machte Scheuer, als der Druck in Sachen Pkw-Maut-Desaster Überhand zu nehmen drohte, er gar fürchten musste, sein Amt zu verlieren? Drehte beim Thema Bahn auf.

Der Minister ließ im Oktober einen Brief an den Bahnchef Richard Lutz voll von Forderungen aufsetzen, verbunden mit der freundlichen Bitte, bis Mitte November konkrete Lösungen zu präsentieren. Die Post fand, welche Wunder, ihren Weg in die Medien – und Scheuer hatte, was er wollte: ein neues heißes Thema. Der CSUler ist hier ein gelehriger Schüler Angela Merkels. Denn niemand weiß besser als die Kanzlerin: Lass eine Sau möglichst ungerührt durchs mediale Dorf ziehen, denn spätestens übermorgen kommt die nächste.

Dank des Brandbriefs war Scheuer plötzlich nicht mehr (nur) der CSU-Hallodri, der im Verdacht steht, eine Pkw-Maut gegen jede Warnung zu früh durchgedrückt zu haben. Sondern auch der führungsstarke Minister, der einen mies performenden Staatskonzern an die Kandare nimmt. Ultimatum schlägt Untersuchungsausschuss. Fürs erste jedenfalls.

2. Wenn Du sympathisch und nahbar erscheinen willst, nutze Instagram
Egal ob Twitter, Facebook oder Instagram – Scheuer und sein Ministerium sind auf allen Kanälen präsent. Die Inszenierung seiner Politik ist so professionell, dass selbst sein Medienteam nicht ohne eigenes Branding auskommt: „Neuigkeitenzimmer“ heißt das moderne Büro, in dem Presseanfragen beantwortet und die sozialen Medien bespielt werden. „Newsroom“ – so etwas ist von gestern. Scheuers Sprecher, als ehemaliger Boulevardjournalist mit den Mechanismen von Schein und Sein in der Politik bestens vertraut, geht als dauertwitternder Schatten seines Chefs höchstpersönlich in den Social-Media-Nahkampf mit Umweltaktivisten, Oppositionspolitikerinnen oder Journalisten.

Diese Taktik ist durchaus erfolgreich, weil Scheuer zu jenem Typ Politiker gehört, der umso kumpelig-sympathischer wirkt, je näher man ihn kennenzulernen glaubt. Es gibt lustige Instagram-Filmchen, wie er mit einem E-Scooter erst über den Ministeriumsflur, später zur Kabinettssitzung braust. Wie er mit einem Quietscheentchen eine angebliche Zeitungsente dementiert. Und wie er im ICE per Lautsprecher den nächsten Bahnhof ansagt. Auch in der Mautaffäre setzte er auf dieses Rezept, ließ sich als Beleg für seinen Aufklärungswillen hinter einem Stapel Akten filmen.

Zur offensiven Social-Media-PR gehört bei Scheuer allerdings noch mehr. Als Medien über Geheimtreffen zwischen dem Verkehrsminister und den Mautbetreiberfirmen berichteten, konterte das Neuigkeitenzimmer mit dem Hashtag #nixgeheim. Und als der „Spiegel“ aus einen kritischen Rechnungshofbericht zitierte, schien das Neuigkeitenzimmer bemüht, jeden Twitternutzer, der den Artikel verbreitete, mit einer Stellungnahme des Ministeriums beglücken zu wollen. Die alte PR-Regel „Weniger ist mehr“ gilt im Verkehrsministerium eher für Antworten auf Journalistenfragen.

3. Wenn Du eigentlich nichts zu sagen hast, rede Klartext
Als Liebling der Autoindustrie wird Scheuer seit seinem Amtsantritt kritisiert. Er selbst verhehlt auch nicht, dass er Autonarr und Oldtimerfan ist. Immerhin fährt er privat einen BMW 325 ix, Baujahr 1987, der einst CSU-Superheld Franz Josef Strauß gehörte. Dem Eindruck aber, die Autolobby eskortiere ihn auf dem Beifahrersitz, setzt Scheuer seit seinem Amtsantritt eine No-Bullshit-Strategie entgegen. Im Diesel-Skandal zitierte er den damaligen Daimler-Chef Dieter Zetsche gleich zweimal in sein Ministerium, um ihm auf Andi-Art die Leviten zu lesen. „Ich bin bei der Kommunikation nicht gefühlskalt“, sagte Scheuer damals der WirtschaftsWoche.

Und auch beim Klimaschutz hält er sich mit Kritik an der Branche nicht zurück. Seit 2009 habe der Bund rund 5,2 Milliarden Euro für die Förderung alternativer Antriebstechnologien ausgegeben, bilanzierte Scheuer bereits vor einem Jahr und ermahnt die Industrie seitdem regelmäßig: „Ich bin verärgert, dass daraus keine Produkte entstehen.“

Das klingt gut, das klingt hart – und ist manchen Beobachtern schon genug.

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