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Vermögens-Debatte 16.000 Euro Gehalt – ist Olaf Scholz damit reich?

Olaf Scholz: Ist der Finanzminister mit einem Monatsgehalt von 16.000 Euro tatsächlich reich? Quelle: imago images

Würden Sie sich als reich bezeichnen? Olaf Scholz verneinte die Frage in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ – und wurde auf Twitter teils heftig kritisiert. Doch ist der Finanzminister mit einem Monatsgehalt von 16.000 Euro tatsächlich reich? Und darf sich ein Millionär wie Friedrich Merz noch zur „oberen Mittelschicht“ zählen? Ein Interview mit Markus M. Grabka, Vermögensexperte am DIW.

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Markus M. Grabka ist Senior Researcher im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin . Seine primären Forschungsinteressen liegen im Bereich der Einkommens- und Vermögensverteilung.

WirtschaftsWoche: Herr Grabka, gestern wurde Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ gefragt, ob er reich ist – was er trotz seines Monatsbruttogehalts von rund 16.000 Euro verneint hat. Dafür würde er auf Twitter teils heftig kritisiert. Zu Recht?
Markus M. Grabka: Es gibt in der Wissenschaft tatsächlich keine allgemein anerkannte Definition, was Reichtum ist beziehungsweise, wo Reichtum anfängt.

Wie definieren Sie als Experte für Einkommens- und Vermögensverteilung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) dann Reichtum?
Nach unserer Definition beginnt Vermögensreichtum erst dann, wenn man über so viel Netto-Vermögen verfügt, dass man einen durchschnittlichen Lebensstandard mit den Erträgen finanzieren kann. Das ist angesichts der aktuellen niedrigen Verzinsung ab etwa einer Million Euro der Fall. Wer das besitzt, der fällt in die Kategorie des Vermögensreichtums. Ob Herr Scholz über so viel Vermögen verfügt, das ist mir nicht bekannt. Aber Reichtum allein am Einkommen festzumachen, ist unzureichend.

DIW-Researcher Markus M. Grabka forscht im Bereich der Einkommens- und Vermögensverteilung. Quelle: DIW

Die Kritiker beziehen sich auf eine andere Definition: Demnach ist derjenige reich, der mehr als das Doppelte des aktuellen Median-Einkommens verdient. Das wäre aktuell der Fall ab 3892 Euro netto, bei Paaren ab 5294 Euro. Da auch Scholz Ehefrau Britta Ernst (SPD) als Bildungsministerin in Brandenburg rund 14.000 Euro verdient, würde die Definition in diesem Fall greifen. Die Scholzens wären reich.
Diese Art von Definition ist aber nicht hilfreich, denn sie bezieht sich auf das laufende Einkommen – und das kann sich sehr schnell verändern. Rein theoretisch könnte Kanzlerin Merkel Herrn Scholz auch abberufen, dann würde er nur noch Übergangsbezüge erhalten. Das Einkommen kann sich demnach schnell grundlegend verändern, was bei Vermögen weniger der Fall ist.

Nun gibt es noch eine dritte Definition – und zwar das Steuersystem, für das Olaf Scholz selbst als Finanzminister zuständig ist. Reichensteuer zahlen in Deutschland diejenigen, die als Ehepaare mehr als 501.462 Euro verdienen, die Spitzensteuer greift ab einem gemeinsamen Einkommen von 114.000 Euro. Sind denn Spitzensteuerzahler reich?
Nein, weil es sich auch wieder allein aufs Einkommen bezieht. Vielleicht ist das Einkommen nur über mehrere Monate oder einmalig so hoch, danach zahlt man wieder einen geringeren Steuersatz. Reichtum liegt erst ab dem Vermögen vor, ab dem ich unabhängig von meiner eigenen Arbeitskraft sein kann, wenn ich also selbst entscheide, ob ich arbeiten möchte oder nicht.

Kurzum: Reich ist derjenige, der nicht mehr arbeiten muss?
Ja, auf diese kurze Formel kann man es bringen: Wenn ich nicht mehr gezwungen bin, meine Arbeitskraft zu verkaufen, weil ich über so hohe Vermögenbestände verfüge, dann liegt Reichtum vor.

Das wäre ja bei Friedrich Merz, Millionär und Kandidat um den CDU-Parteivorsitz, der Fall. Aber auch er bezeichnet sich als „obere Mittelschicht“ – obwohl er nach Ihrer Definition offensichtlich reich ist. Warum so bescheiden?
Bei Friedrich Merz sehen wir ein Phänomen, das ganz typisch für Deutschland ist. Hier gehört es zum guten Ton, sich der Mittelschicht, maximal der oberen Mittelschicht, zugehörig zu fühlen. Dass sich jemand selbst als Oberschicht, Reich oder besonders wohlhabend bezeichnet, kommt so gut wie nicht öffentlich vor.

Warum nicht?
Das ist eine kulturelle Prägung, die wir in Deutschland haben. Der Soziologe Helmut Schelsky hat ja bereits 1953 den Begriff von der nivellierten Mitte geprägt für die Bundesrepublik, die sich dadurch auch von anderen europäischen Ländern unterscheidet. In Großbritannien ist es dagegen etwa üblich, dass man sich der Arbeiterklasse zugehörig fühlt. In Deutschland ist es die Mittelschicht.

Reichtum in Deutschland: Zurückhaltung ist üblich

Aber warum ist es den Deutschen offensichtlich so unangenehm, gar peinlich, sich als reich zu bezeichnen – offensichtlich gerade als Politiker?
Das betrifft nicht nur Politiker, sondern das ist ein Phänomen, das wir generell bei sehr wohlhabenden Menschen sehen. Viele denken, dass es Leute gibt, die über noch mehr Einkommen oder Vermögen verfügen und ordnen sich deshalb lieber in einer unteren Kategorie ein.

Würde es Olaf Scholz und Friedrich Merz denn tatsächlich Wählerstimmen kosten, wenn Sie sich als wohlhabend oder reich bezeichnen würden?
Das kann ich nicht beantworten, das wäre eher eine Frage für Politologen.

In den USA sieht es dagegen anders aus: Erneut kämpfen mit Joe Biden und Donald Trump zwei Millionäre um das Amt des Präsidenten. Warum sind die Amerikaner cooler, wenn es um Reichtum geht?
Auch das ist ein kultureller Unterschied. In den USA wird der eigene Erfolg, das, was man erreicht hat, öffentlich zelebriert. Es wird dort auch anerkannt, dass man durch Erfolg wohlhabend oder reich werden kann. In Deutschland wird das eher zurückhaltend betrieben – insbesondere, wenn es sich um sogenanntes altes Vermögen handelt. Das wird man selten so bewusst in der Öffentlichkeit wahrnehmen, sondern das wird eher dezenter zelebriert.

Wird sich diese Mittelschichts-Kultur in Deutschland jemals ändern – und wäre das nicht sogar wünschenswert?
Kulturelle Prägungen sind nicht in Stein gemeißelt, sondern sie können sich über Generationen hinweg ändern – aber ob das in Deutschland jemals passieren wird, vermag ich nicht zu sagen.

Olaf Scholz will mit der Reichensteuer in den Wahlkampf ziehen. Leute, die mehr als 200.000 Euro verdienen, sollen höhere Beiträge zahlen. Ist das eine gute Idee?
Genau wie nach der Finanzmarktkrise haben wir jetzt durch Corona eine enorme finanzielle Herausforderung für den Staatshaushalt. Es wurden erhebliche zusätzliche Kredite aufgenommen, die abgetragen werden müssen. Nach der Finanzmarktkrise sind wir durch Wachstum wieder sukzessive aus der Krise herausgewachsen. Das würde ich mir in der aktuellen Situation auch wünschen, aber die negativen Folgen der coronabedingten Rezession werden länger anhalten als nach der Finanzmarktkrise.


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Deshalb braucht es jetzt die höhere Steuer für Wohlhabende?
Die Hoffnung, dass wir zügig aus der aktuellen Krise herauswachsen, ist zwar anzuzweifeln – es wird vermutlich länger andauern. Deshalb stellt sich die Frage nach der gerechten Lastenverteilung – und bei den oberen Einkommen kann die Last etwas besser verteilt werden als weiter unten, wo kaum bis gar keine Steuern gezahlt werden. Insofern geht das Vorhaben von Scholz in die richtige Richtung.

Mehr zum Thema: Die komplizierte Suche nach den Vermögen der Reichen

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