Verteidigungsministerin in der Kritik Bald wird es gefährlich für von der Leyen

Die Ausrüstung der Bundeswehr ist in schlechtem Zustand, internationale Einsätze stottern. Für Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen wird es langsam heikel.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vor einem Bundeswehrflugzeug Quelle: AP

Eine von zwei Transportmaschinen der Bundeswehr bleibt auf Gran Canaria liegen, anstatt Ausrüstung gegen die Ebola-Epidemie nach Westafrika zu bringen. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen fliegt in den Nordirak. Doch warten dort keine Bundeswehrsoldaten bei der Ausbildung ihrer kurdischen Kameraden an deutschen Waffen: Die erste Waffenlieferung strandete im defekten Flugzeug in Leipzig, die dazugehörigen Ausbilder mussten tagelang in Bulgarien ausharren.

Nichts funktioniert, dennoch beansprucht von der Leyen eine neue, engagiertere Rolle der Bundeswehr in aller Welt. Es hagelt Kritik – von der Opposition, vom Koalitionspartner oder aus der Bundeswehr. Keiner will vom desolaten Zustand der Ausrüstung etwas gewusst haben, keiner will selbst dafür haftbar gemacht werden.

Dabei ist die Lage der Verteidigungsministerin noch komfortabel. Tatsächlich rächen sich nun die Fehler ehemaliger Verteidigungsminister. Es rächt sich außerdem fortgesetzte Führungsschwäche gegenüber dem Riesenapparat Bundeswehr. Die schottet sich in bündischer Tradition auch gegen den eigenen Minister ab und wurschtelt in Verbindung mit wenigen Rüstungskonzernen. Ist doch egal, wer über uns Ministerin ist, wir wissen es besser. Der Standardspruch auf Nachfragen ist, so berichten es staunende Anfänger im Ministerium: „Das wollen Sie doch gar nicht wissen, Frau Ministerin!“ 

Kampfkraft? Von 109 Eurofightern sind nur 42 verfügbar. Von 56 Transall-Transportfliegern ist nicht mal die Hälfte einsatzbereit, vom Hubschrauber CH-53 sind es nur 16 von 83. Von 89 Tornado-Kampfjets stehen nur 38 startklar im Hangar. Das geht aus vertraulichen Papieren hervor.  

Es zeigt sich aber auch, dass wahrscheinlich zu viel an der Bundeswehr gespart wurde, die nach dem Ende der Wehrpflicht nicht nur eine neue Generation von Soldaten braucht, sondern zugleich ungewohnte internationale Krisen- und Kriegseinsätze angehen soll. Und das in einem Land, das sich anders als Großbritannien oder Frankreich aus der Vergangenheit heraus im Zweifel immer pazifistisch statt patriotisch verhält.

Das sind Probleme, für die Ursula von der Leyen erstmal nicht verantwortlich ist. Doch sie hat sich das Militär-Ressort nicht nur selbst ausgesucht, die Probleme wachsen in ihre Verantwortung hinein. Spätestens nach einem Jahr im Amt kann sie die nirgends mehr abladen.

Armee mit Schrott
Helme der Bundeswehr Quelle: dpa
Der Puma-Panzer ist nicht zu bremsen Quelle: dpa
Eine Rekrutin der Bundeswehr sichert auf einem Truppenübungsplatz eine Patrouille. Quelle: dpa
Mitte September 2014 sorgte diese Panne für Aufsehen und lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit nach längerer Zeit wieder auf die Ausrüstungsmängel bei der deutschen Bundeswehr: Weil die Transall-Maschinen der Bundeswehr technische Defekte aufwiesen, konnten die Ausbilder, die kurdische Peschmerga-Kämpfer bei ihrer Arbeit gegen den radikal islamischen IS im Irak vorerst nicht zu ihrer Mission aufbrechen. Sie mussten die Maschinen auf dem Militärflugplatz Hohn wieder verlassen. Es ist die jüngste, aber bei weitem nicht die erste Blamage in Sachen Bundeswehrausrüstung. Quelle: AP
Wie jetzt durch einen Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ bekannt wurde, gab es auch bei den Bordhubschraubern vom Typ Sea Lynx der Marine erhebliche Ausfälle. Von 22 Maschinen sei keine einzige einsatzbereit, so das Blatt, was sich nach dem der „SZ“ vorliegenden internen Dokument 2014 auch nicht mehr ändern werde. Im Juni wurde demnach in einem Modell einer Fregatte ein 20 Zentimeter langer Riss entdeckt, woraufhin der komplette Betrieb mit dem Modell zunächst eingestellt wurde. Wohl zu Recht: Danach wurden an drei weiteren Hubschraubern ähnliche Schäden gefunden. Quelle: dpa
Bereits im August gab es Berichte über nur bedingt einsatzfähiges Bundeswehrmaterial. So meldete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ unter Berufung auf ein internes Dokument des Verteidigungsministeriums, von den hier Schau fliegenden Kampfjets des Typs Eurofighter seien nur acht von 109 Maschinen voll einsatzbereit. Von 67 CH-53-Transporthubschraubern konnten demnach im August ebenfalls nur sieben in die Lüfte gehen. Quelle: dpa
Und auch die Bundeswehrhubschrauber vom Typ NH-90 glänzten nicht gerade mit Bereitschaft: Laut „Spiegel“ waren im Sommer nur fünf von 33 voll intakt, während unter den Transall-Maschinen des Typs C-160 auch damals nur 21 flugtüchtig waren. Quelle: dpa
Sie hat dieser Tage keinen leichten Job, denn bei ihr laufen die Stränge all dieser Fehlermeldungen zusammen: Katrin Suder, neue Rüstungsstaatssekretärin unter Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, soll das Rüstungswesen neu ordnen. An sie sind die unangenehmen internen Berichte adressiert, die den Medien zugespielt werden. Und tatsächlich gesteht Suder ein, dass momentan nicht alles rund läuft bei der Bundeswehrausrüstung Mitte September sagte Suder beim so genannten Celler Trialog, einem Treffen der Politik, der Soldaten und der Rüstungsindustrie, das Rüstungsmanagement in Deutschland müsse dringend optimiert werden. Bei dem Kongress wurde auch offenbar, dass das Bundesministerium von den Krisen der Welt in der Ukraine und im Irak eher kalt erwischt wurde: Auch sie habe die „Dynamik der sicherheitspolitischen Entwicklungen der letzten Monate überrascht“, sagte Suder. „Wir brauchen Antworten auf die neuen Bedrohungen“, sagte Suder. Quelle: dpa
Sie gestand dabei auch ein, dass Deutschland nicht alles können muss: Zwar solle die Bundeswehr breit aufgestellt bleiben, doch andere Staaten müssten dazu beitragen, die deutsche Durchhaltefähigkeit zu stärken. Wenn es nach ihr geht, soll vor allem das Zusammenspiel zwischen Produktion und Beschaffung von Rüstung innovativer werden. „Wir brauchen eine Rüstungsindustrie 4.0“, forderte Suder. Quelle: obs
Dabei würde es für den Anfang eventuell schon reichen, auf seine Hinweise ein wenig häufiger zu hören: Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP), kritisiert in seinem Jahresbericht 2013 etliche Mängel, die den Mitgliedern der Truppe zu schaffen machen. So lobt er zwar, dass die Probleme in den Auslandseinsätzen der vergangenen Jahre erkannt worden seien und dass darauf mit dem beschleunigten Beschaffungsverfahren für „Einsatzbedingten Sonderbedarf“ gut reagiert werde. Spitzen gegen den desolaten bisherigen Zustand der Bundeswehrausrüstung kann sich Königshaus dabei nicht verkneifen: so habe man „endlich die Rückwand für den MG-Kampfstand auf dem Transportpanzer FUCHS, das sogenannte Krähennest“ beschaffen können – eine Maßnahme, die schon längst fällig gewesen sei. Quelle: dapd
Mit Sorge notiert Königshaus deshalb, dass das Ministerium die Maßnahme in die so genannte „Sonderinitiative für den Einsatz“ umgewandelt habe – wobei dahinter zumindest potenziell wieder eine Verschlechterung der Beschaffungssituation stehen könne. Das Verteidigungsministerium beschwichtigt in einer Stellungnahme, man evaluiere die Sonderinitiative für den Einsatz ja gerade erst – warum die schnelle Ablösung der vorherigen Regelung nötig wird, geht daraus nicht hervor. Quelle: dapd
Auch beim Rückzug aus der ISAF-Mission in Afghanistan sieht Königshaus Probleme mit Blick auf die Ausrüstung der Soldaten: So bereite ihm das Tempo, mit dem Fahrzeuge und Waffen aus Kunduz uns andere aufzulösenden Stützpunkten Sorge, da eventuell die Sicherheit für die Soldaten vor Ort nicht mehr gesichert sein könnte. Quelle: dpa
Es bleibe eine große Herausforderung, „die Sicherheit der verbleibenden Soldatinnen und Soldaten zu gewährleisten“, so Königshaus. Auch wenn die Afghanen nun langsam übernehmen und für ihren Einsatz wie hier nahe Kabul trainieren, müsse der Rückzug der Deutschen detailliert durchgeplant sein. Das Bundesverteidigungsministerium hat auf diesen Einwand offenbar keine Antwort parat, es schreibt in einer Stellungnahme nur vage: „Die Sicherheit und der Schutz der Soldatinnen und Soldaten der Deutschen Einsatzkontingente hat immer höchste Priorität.“ Quelle: dpa
Königshaus bemängelt explizit den Zustand des Transporthubschraubers CH-53. Während es nach seiner Kritik in den vorangegangenen Jahren nun endlich eine Rettungs- und Bergevorrichtung gebe, fehle ein ballistischer Schutz noch immer. Zwar soll bis 2017 nachgerüstet werden, doch das dauere zu lange, so Königshaus. Das Bundesministerium weist die Verantwortung von sich, der Auftrag sei 2011 und somit früh genug erteilt worden. „Das wirft die Frage auf, ob die Festlegung der Geschwindigkeit bei der Herstellung von Schutzmaßnahmen für Soldatinnen und Soldaten privaten Auftragnehmern überlassen werden darf.“ Quelle: dpa
Ein großes Manko stellte laut Königshaus bis Anfang 2014 auch die fehlende Flugverkehrskontrolle an afghanischen Flughäfen dar. In Masar-e Scharif, also dem Standort, wo die Bundeswehr noch relativ lange vertreten sein wird, arbeitete bis März 2014 noch immer kein Airport Surveillance Radar. Das System war zwar installiert, konnte aber eben erst im April 2014 an den Start gehen. Wie so häufig nehmen Projekte also ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch, was die Soldaten frustriert. Quelle: dpa
Wie etwa auch die Planung zu dem Kontrollturm, der seit der ersten Jahreshälfte 2014 in Masar-e Scharif im Einsatz ist: Dort werde die Sicht durch den alten, weiter bestehenden Turm behindert. Das Bundesministerium hält die Situation für angemessen. „Die Betroffenen sehen das anders“, dokumentiert Königshaus und wird noch deutlicher: „Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, die Belastungen der Fluglotsen zu senken und die Sicherheit des Flugverkehrs auf dem Flugplatz Masar-e Scharif zu erhöhen.“ Quelle: dapd
Die persönliche Ausrüstung der Soldaten ist ein weiterer heikler Punkt. Das zeigt sich etwa auch in entsprechenden Foren, wo sich etwa ein Soldat erkundigt, wie er sich auf einen Auslandseinsatz vorbereiten soll. Mit welcher Materialausrüstung kann er rechnen, was sollte er sich selbst besorgen – das treibt den Soldaten um: „Und bevor jemand unkt, dass wir schon alles vom Dienstherren bekommen, was wir dringend benötigen....jaaaaaaaaa, ich weiß, ich weiß...ihr habt Recht und ich habe es zur Kenntnis genommen. Ich glaube ich sollte es genauer ausdrücken: Ja, die Dinge welche mir vom Dienstherren zur Verfügung gestellt werden, reichen zum (über)leben...bin ich aber bereit, für mehr Komfort Eigeninvestitionen zu tätigen“, schreibt er. Quelle: dpa
Laut dem Bericht von Königshaus sind aber auch einige Materialien nicht verfügbar, die durchaus zur nötigen Grundausstattung der Soldaten zu sehen sind: Zwar seien nach langem Dringen nun endlich 80 binokulare und modulare Nachtsichtbrillen für die Bundeswehr angeschafft worden, wie sie die hier zu sehenden australischen Kollegen schon sehr viel länger haben. Doch die Soldaten, die mit Unterstützungshubschraubern des Typs Tiger unterwegs seien, warteten noch immer auf einen Laserschutz. „Das ist vor dem Hintergrund der Bedrohung der Luftfahrzeuge und ihrer Besatzungen durch Laser im Einsatzgebiet Afghanistan nicht hinnehmbar“, schreibt Königshaus. Quelle: REUTERS
Entsprechend misslich schätzt der Wehrbeauftragte den Umstand ein, dass ein Laserschutzvisier für Fliegerhelmsysteme nicht vor 2016 verfügbar sei. „Eine zeitnahe Realisierung ist hierfür auf Grund der aufwändigen Maßnahmen am Helm nicht möglich“, gibt das Ministerium in einer Stellungnahme zu der Kritik zu. Airbus Helicopter brauche eben 28 Monate, bis ein Lösungsvorschlag präsentiert werden könne und dann müsse der gewöhnliche Weg der Beschaffung gegangen werden – was zusätzlich mindestens zwölf Monate in Anspruch nehme. Stattdessen wolle man ab Sommer 2014 vorerst mit Laserschutzfiltern im Infrarot- und Grünlaser-Bereich, beschwichtigt das Ministerium. Quelle: dpa
Die Probleme, die es neulich bei dem Start der Ausbilder für die Peschmerga-Rebellen in den Irak gab, sind nicht die einzigen Vorfälle, die Ausbildungsmissionen behindern: Sonst steht dem Vorhaben oft im Wege, dass es nicht genügend Maschinen und Personal gibt, um die Soldaten in die Einsätze zu bringen. Quelle: dpa

Was von der Leyen gerade tut, ist immer noch die größtmögliche Distanzierung. Die Kanzlerin unterstützt sie öffentlich. Die Kommentare des Koalitionspartners SPD sind scharf, greifen aber die Ministerin noch nicht selbst an.

Von der Leyen hat nach innen, in ihr Ministerium und die Bundeswehr hinein, bisher zwei entscheidende Botschaften gesendet. Die Führungsebene der Militärs im Ministerium will sie notfalls stutzen und ihr zeigen, dass Alleingänge nicht mehr geduldet sind. Eine Art unfreundlicher Akt: Sie gab vor drei Monaten ein Gutachten bei der Unternehmensberatung KPMG in Auftrag, die Beschaffung bei der Bundeswehr zu überprüfen. Das Ergebnis soll kommende Woche vorliegen.

Außerdem feuerte sie schon im Februar den für Rüstung zuständigen Staatssekretär Stéphane Beemelmans und installierte mit der bisherigen Unternehmensberaterin Katrin Suder eine Außenseiterin bei der Bundeswehr. Das ist eine Ansage.

Die Problem-Projekte der Rüstungsindustrie
Airbus A400MEs sollte das Vorzeigeprojekt von Airbus (früher EADS) werden: Mit dem Transportflugzeug A400M wollten die Europäer den Russen und Amerikanern zeigen, zu welchen technischen Fähigkeiten sie in der Lage sind. Herausgekommen ist ein Desaster. Die Auslieferung der ersten Maschinen war für 2009 geplant, geliefert wurde allerdings bisher kaum eine Maschine. Die Franzosen haben derzeit zwei Maschinen in ihrem Besitz, Deutschland soll 2014 den ersten A400M erhalten. Quellen: Bund der Steuerzahler, HRI, Bundesverteidigungsministerium Quelle: dpa
Die Verzögerungen in der Produktion haben auch die Kosten in die Höhe getrieben. So sollen die Mehrkosten laut Verteidigungsministerium satte 9,3 Milliarden Euro betragen – obwohl die Bundesregierung bereits die Notbremse gezogen hat und Flieger abgestellt hat: Von den ursprünglich bestellten 73 Maschinen sollen der Bundeswehr nun nur noch 40 zur Verfügung gestellt werden. Weitere 13 will Deutschland direkt weiterverkaufen. Käufer wurden bisher allerdings noch nicht gefunden. Quelle: AP
EurofighterDie Anfänge des Kampffliegers „Eurofighter“ gehen bis in die frühen 80er-Jahre zurück. Mit ihm wollten die Europäer den übermächtigen sowjetischen Kampfjets etwas entgegensetzen. Doch auf dem Weg der Entwicklung kam Airbus die Geschichte in die Quere. Denn Ende der 80er-Jahre fiel zunächst die Berliner Mauer, später brach die Sowjetunion zusammen. Doch alles kein Problem: Mit großem Verhandlungsgeschick gelang es Airbus die Regierungen in Europa davon zu überzeugen, an dem Projekt festzuhalten. Quelle: obs
So sicherte der Rüstungskonzern zu, dass der Eurofighter im Laufe der Jahre immer weiter modifiziert werde und so den neuen Rahmenbedingen angepasst werde. Allerdings zeigten die ersten ausgelieferten Jets etliche technische Probleme, deren Behebung weitere Kosten verursachten. Ursprünglich sollte eine Maschine circa 33 Millionen Euro (Preis von 1998) kosten, am Ende schoss der Preis auf 138,5 Millionen Euro in die Höhe. Die Bundeswehr nimmt daher nur noch 140 von ursprünglich geplanten 250 ab. Doch es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Eurofighter trotz aller Probleme ein durchaus konkurrenzfähiges Flugzeug ist. Dies zeigte sich 2005 in einem „Schaukampf“, bei dem zwei amerikanische F-15-Kampfjets gegen eine Eurofighter-Trainingsmaschine antraten und zu Überraschung aller Beteiligten der Eurofighter dieses Gefecht klar für sich entscheiden konnte. Quelle: dpa
NH 90Der Mehrzweckhubschrauber von NH Industries sollte das Rückgrat der deutschen beziehungsweise europäischen Hubschrauberflotte werden. 2010 erhielt die Bundeswehr die ersten Helikopter, die von einer Expertengruppe eingehend getestet wurden. Ihr Urteil war vernichtend. Sie kamen zu dem Schluss, dass, wann immer es möglich sei, alternative Luftfahrzeuge zum Transport von Infanteriekräften zu nutzen seien. Die Mängelliste ist lang und skurril. Zum Beispiel ermöglicht die geringe Bodenfreiheit Soldaten nur auf befestigtem Boden den Ausstieg. Außerdem ist die Heckrampe nicht für den Ausstieg ausgerüsteter Soldaten geeignet, da deren Konstruktion zu schwach ist. Doch das noch lange nicht alles... Quelle: dpa
Der Innenraum des NH90 ist derart eng bemessen, dass eine Infanteriegruppe mit Gepäck für 24 Stunden nur dann in den Hubschrauber passen würden, wenn sie ihre Waffen und das Gepäck ohne Sicherungen auf den Boden legen. Diese Beengtheit macht eine Anbringung eines Bordgeschützes außerdem praktisch unmöglich, weshalb der Helikopter im Ernstfall mit anderen Mitteln verteidigt werden müsse. Zu guter Letzt können schwere Waffen aufgrund fehlender Gurte nicht transportiert werden. Ursprünglich waren 122 NH 90 geordert worden, letztlich werden es Stand jetzt circa 100 werden. Kostenpunkt: 8,6 Milliarden Euro. Immerhin gibt es zu diesem Preis weitere Kampfhubschrauber im Paket... Quelle: dpa
TigerUnd zwar 57 Kampfhubschrauber Tiger. Die Pläne für die Eurocopter-Maschine reichen bis in das Jahr 1984 zurück. Zusammen mit der französischen Regierung gab die Bundesregierung eine Alternative zum PAH-1 in Auftrag. Dieser ging an Eurocopter (Airbus) mit dem Entwurf des Tigers. Dieser Mehrzweck-Kampfhubschrauber sollte in Konkurrenz zum amerikanischen Apache treten. Quelle: REUTERS
Der Erstflug fand 1991 statt, doch es sollte noch weitere zwölf Jahre bis zur Indienststellung dauern. Bisher wurden 72 Tiger ausgeliefert. Deutschland hatte mit 80 Stück des Kampfhubschraubers geplant, später diese Zahl aber auf 57 reduziert. Quelle: REUTERS
PumaDer Trend in der Panzerbranche geht vom schweren Kampf- zum leichteren Schützenpanzer. Diese sollen ein Höchstmaß an Flexibilität ermöglichen, um schnellstmöglich zu den verschiedenen Brandherden in der Welt zu gelangen. Die Bundesregierung hatte deswegen den Rüstungskonzern Krauss-Maffei-Wegmann beauftragt, eine neuere Alternative zum Marder herzustellen. Dabei herausgekommen ist der Puma. Allerdings zeigt dieser zum Teil erhebliche Schwächen. So ist das Gewicht des Pumas im Vergleich zur Konkurrenz deutlich höher und sein Auf- und Abbau ist höchst aufwendig, was die Transportfähigkeit des Schützenpanzers einschränkt. Quelle: dpa
Trotz der Mängel ist der Puma mit einem Stückpreis von 7,5 Millionen Euro einer der teuerste Schützenpanzer der Welt. Dementsprechend hoch sind die Kosten. Hatte das Bundesverteidigungsministerium ursprünglich mit Kosten in Höhe von 3,1 Milliarden Euro gerechnet (Preis von 2009 für 405 Panzer), erhöhte sich der Preis auf 4,3 Milliarden Euro – und das bei einer auf 350 reduzierten Stückzahl. Quelle: dapd
EurohawkDas wohl bekannteste Rüstungsdesaster Deutschlands: der Eurohawk. Insgesamt hat die Drohe von Northrop Grumman/EADS (Airbus) bereits 662 Millionen Euro verschlungen. Doch im Gegensatz zu den anderen bereits vorgestellten „Rüstungsproblemkindern“ ist der Eurohawk noch nicht einmal einsatzfähig. Ausschlaggebend ist der Kollisionsschutz. Denn während dieser in den USA kaum benötigt wird, unterliegen Drohnen im europäischen Luftraum strengeren Regeln. Quelle: dpa
Der eigentliche Skandal aber ist, dass die mit der Produktion und der Beschaffung verantwortlichen Personen bereits sehr früh um diese Problematik wussten. Doch erst nach der Auslieferung der ersten Drohen wurde eingeräumt, dass der Eurohawk in der jetzigen Version gänzlich unbrauchbar ist. Die Zukunft der Drohne ist ungewiss. Es wird an Lösungen des Navigationsproblems gearbeitet, doch bisher ist unklar, ob die Kosten dafür ein Festhalten an dem Eurohawk-Projekt rechtfertigen. Quelle: dpa

Unterhalb der Führungsleute dagegen warb von der Leyen offensiv um Vertrauen. Nicht umsonst tat sie sich im Amt zuerst damit hervor, sich für bessere Kinderbetreuung und familienfreundliche Umstände bei der Bundeswehr einzusetzen. Das wirkt bei Soldaten und in der Öffentlichkeit erstmal gut.  

Der schwere Teil kommt noch. Die Ministerin hat sich für diesen Teil vielleicht selbst schon ein Bein gestellt, weil sie nicht nur den Umbau bei der Bundeswehr und mehr Geld für die Truppe fordert. Das wäre an sich schon eine große Aufgabe. Die forsche Zivilistin an der Spitze der Bundeswehr hat nebenbei bereits den zweiten Schritt vor dem ersten angekündigt. Obwohl soviel mit der Bundeswehr im Argen liegt, fordert sie munter eine wichtigere Rolle in internationalen Konflikten. Dabei ist die Truppe gar nicht bereit, viele Wähler wohl auch nicht.     

Der Maßstab für einen Erfolg der Ministerin auf dem Schleudersitz wird weniger sein, wie heftig sie in der Öffentlichkeit kritisiert wird. Es geht darum, ob sie die Bundeswehr modernisieren kann – nicht nur das Gerät, sondern vor allem die Abläufe auf der Leitungsebene.

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Diese Auseinandersetzung wird sicher knallhart in der Öffentlichkeit ausgefochten werden. Nicht immer werden die Beteiligten sichtbar werden, die sich gegen den von der Ministerin geplanten Umsturz im Hause wehren. Doch sicher wird noch einiges durchgestochen, was der Ministerin schaden könnte. Mit ihr kommen einige schon allein deshalb nicht klar, weil sie weder gedient hat noch die üblichen männlichen Verhaltensmuster zeigt. 

Übersteht Ursula von der Leyen diese Probe, hat sie tatsächlich einen entscheidenden Schritt getan auf dem Weg zu weiteren Weihen. Sie wird dabei weniger danach beurteilt werden, welche Probleme auf der Bundeswehr lasten - sondern vielmehr danach, wie sie mit den Problemen umgeht und die Öffentlichkeit für sich gewinnt.

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