Vorratsdatenspeicherung Wir haben ein Recht auf Intransparenz

Es ist eine Zäsur: Die obersten europäischen Richter kippen die Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung. Sie fällen ein ausgewogenes Urteil – es schützt die Bürger, erlaubt aber den Kampf gegen schwere Kriminalität.

So schreddere ich Daten richtig
Warum muss ich meine Daten überhaupt löschen?Wer sein altes Handy oder Notebook nicht länger braucht, kann beides bequem über verschiedene Internetplattformen wie der Tauschbörse Ebay oder dem Rückkaufportal Momox verkaufen. Doch wer seine technischen Geräte an Dritte weiterreicht, sollte sichergehen, dass alle Daten überschrieben sind. Sonst lassen sich auch vermeintlich gelöschte Daten von geübten Nutzern leicht wiederherstellen. Quelle: rtr
Wieso muss ich beim Löschen selbst aktiv werden?Festplatten funktionieren nach einem simplen Prinzip: Wird eine Datei gespeichert, weist der Computer der Datei einen bestimmten Speicherplatz zu und merkt sich, dass er dort nichts anderes speichern darf. Wenn der Nutzer bestimmte Dateien löscht, gibt der Computer den vorher blockierten Speicherplatz wieder frei. Entfernt sind die Dateien damit aber noch nicht, sondern erst dann, wenn sie durch neue Informationen überschrieben werden. Quelle: dpa
dem werden Dateien beim Speichern in vielen Fragmenten auf der Festplatte verteilt. Oft reichen nur wenige dieser noch nicht überschriebenen Fragmente, um Dateien mit einer Wiederherstellung-Software zu rekonstruieren. Quelle: dpa
Wie säubere ich Computer und Notebooks?Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) empfiehlt, spezielle Software zu nutzen, die kostenlos heruntergeladen werden kann. Gemeinsam ist diesen Programmen, dass sie die Festplatte mehrfach mit sinnlosen Informationen überschreiben. So bleiben die Geräte weiter nutzbar, doch keine der früheren Dateien lässt sich rekonstruieren. Zu den vom BSI empfohlenen Gratisprogrammen gehört
Wie säubere ich meinen Smartphone-Speicher?Smartphones bieten eine Funktion, die sich sinngemäß
Für das Löschen des kompletten iPhone-Speichers empfehlen Fachmagazine die App iErase. Für das meistgenutzte Smartphone-Betriebssystem Android hat sich noch keine vergleichbare App durchgesetzt. In Internetforen wird oft die Anwendung
Was mache ich mit kaputten Endgeräten?Auch wenn das Gerät auf den Elektroschrott soll, gibt es Mittel und Wege, alle Daten zu zerstören: Der IT-Verband Bitkom rät, den Datenträger zu schreddern. Möglich ist genauso, die PC-Festplatte oder das Smartphone in eine Plastiktüte zu stecken und dann mit einem Hammer draufzuhauen. Quelle: dpa

Die Amerikaner haben für den vorauseilenden Gehorsam einen anschaulichen Begriff: Sie sprechen von „Chilling Effects“, also von der „Kühlwirkung“. Wenn Menschen sich beobachtet fühlen, verhalten sie sich anders, um spätere Konflikte zu vermeiden – als ob die Kälte sie schon mal erstarren lässt.

Zu einem solchen Kälteschock kann auch die Vorratsdatenspeicherung führen: Wenn die Polizei die Telefon- und Internetdaten der Bürger massenhaft auswerten darf, und zwar ohne einen konkreten Verdacht und ohne richterliche Beschränkungen, kann jeder ins Visier der Ermittler geraten.

So verwundert es nicht, dass der Europäische Gerichtshof die Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung jetzt mit deutlichen Worten stoppt. Allerdings verbieten die Richter nur das konkrete Gesetz – die Nutzung von Daten für die Bekämpfung von Terror und schwerer Kriminalität erlauben sie, wenn auch nur unter strengen Auflagen. Ein Urteil mit Augenmaß.

In der Richtlinie geht es nicht um die Inhalte von Telefongesprächen, SMS oder E-Mails, sondern um Verbindungsdaten: Wer telefoniert mit wem? Wie lange? Und wo halten sich die Gesprächspartner auf? In unserer digitalen Welt, in der jeder ein Handy und eine E-Mail-Adresse hat, können Ermittler mit diesen Informationen jeden Menschen durchleuchten.

High-Tech-Gadgets für den Datenschutz
Auto-Transporter Quelle: Presse
DataLocker-Festplatte Quelle: Presse
MyIDkey Quelle: Presse
Blackberry Quelle: Presse
Sprachverschlüsselungssystem Topsec Mobile
Laptop Quelle: Presse
E-Mails Screenshot Quelle: Screenshot

„Wer die digitale Identität kontrolliert, kann nach Gewohnheiten, Anomalien, sozialen Kontakten, Seelenzustand und Gefährdungen suchen“, schreibt der Wissenschaftshistoriker Peter Galison von der Universität Harvard in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er befürchtet, dass eine Massenüberwachung durch Geheimdienste, Behörden und Firmen zur Selbstzensur führt.

Die höchsten europäischen Richter folgen dieser Logik: „Aus der Gesamtheit dieser Daten können sehr genaue Schlüsse auf das Privatleben der Personen, deren Daten auf Vorrat gespeichert werden, gezogen werden“, erklären sie. Die Speicherpflicht samt Zugriffsmöglichkeiten für die Polizei sei daher ein schwerwiegender Eingriff in die Grundrechte der Bürger. Die Richtlinie könne bei den Betroffenen das Gefühl erzeugen, „dass ihr Privatleben Gegenstand einer ständigen Überwachung ist“. Mit anderen Worten: Man muss befürchten, dass sie erstarren.

Allerdings erkennen die Richter an, dass die Bekämpfung schwerer Verbrechen der öffentlichen Sicherheit und somit dem Gemeinwohl dient. Sie erlegen der EU-Kommission und den Staaten daher eine Abwägung auf: Der Kampf gegen Terroristen und Schwerkriminelle, die für illegale Geschäfte die moderne Kommunikationstechnologie nutzen, soll möglich sein. Eingriffe in die Grundrechte müssten sich aber „auf das absolut Notwendige“ beschränken.

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Hinter diese Vorgabe können auch Innenpolitiker, die mit markigen Worten mehr Rechte für Polizei und Geheimdienste fordern, nicht mehr zurück. Das ist gut so. Gleichzeitig verbieten die Richter aber die Nutzung der Daten nicht vollständig. Auch das ist richtig: Im Kampf gegen die organisierte Kriminalität oder Terroristen müssen die Ermittler auf Verbindungsdaten zugreifen können.

Dafür gibt es schon einen konkreten ausgewogenen Vorschlag: Das „Quick Freeze“-Modell der ehemaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Die Polizei soll die Sicherung von Daten beantragen können, wenn ein konkreter Verdacht auf eine Straftat besteht – Zugriff erhält sie aber erst nach einem Richterbeschluss.

Wenn die Bürger darauf vertrauen können, dass der Staat sich an den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit hält, dürfte auch eine seltene, begründete Nutzung von Verbindungsdaten nicht zum Chilling Effect führen.

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