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Wachstumsmotor Alles passt in der niedersächsischen Landwirtschaft

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Hühnerhof. Auch die Quelle: dpa-dpaweb

Das Agrarministerium als eine Art Bauernlobby – die unmittelbar Beteiligten haben damit offenbar keine Probleme. Die wichtigsten politischen Entscheidungen zu- gunsten der Bauern sind sowieso längst gefallen; nicht in Hannover, auch nicht in Berlin, sondern in Brüssel.

Noch immer macht die Subventionspolitik der Europäischen Union die Landwirte zu einer ungewöhnlichen und ungewöhnlich privilegierten Berufsgruppe. Die Direktbeihilfe aus EU-Kassen machte 2007 in Niedersachsen durchschnittlich 58 Prozent der bäuerlichen Einkünfte aus. Staatssekretär Ripke weiß, wie schwer das gerade heute zu rechtfertigen ist: Lebensmittelpreise explodieren weltweit, die Einnahmen aus Agrarproduktion steigen, arme Kleinbauern wie in früheren Zeiten gibt es kaum noch, dazu kommt die Expansion der Lebensmittelhersteller ins Energiegeschäft – warum soll der Steuerzahler noch Zuschüsse leisten?

„Der gefühlte Zustand der Bauern ist besser als ihr Kontostand“, sagt Ripke und tatsächlich: Alle Landwirte, die selber für ihre Produktion Agrarprodukte brauchen, müssen scharf rechnen. Futtermittelpreise sind 2007 um 40 Prozent gestiegen, und die seit Jahren immer erfolgreicheren und immer größeren Hersteller von Schweinefleisch und Geflügelprodukten haben inzwischen Probleme. Und was die Agrarpolitiker nicht gerne sagen, aber durchaus wissen: Die Marktmacht der Lebensmittelverarbeiter, Handelskonzerne und Discounter ist gewachsen, und darum steigen die Verkaufspreise der Landwirte viel langsamer als die Lebensmittelpreise. Denn bei aller Globalisierung ist Landwirtschaft immer noch ein hauptsächlich lokales Geschäft, drei Viertel der niedersächsischen Lebensmittelproduktion finden Abnehmer in Deutschland, der Rest zum größten Teil in westeuropäischen Nachbarstaaten.

Damit die einheimischen Verbraucher auch in Zeiten der steigenden Preise den heimischen Produkten treu bleiben, sorgt das Landwirtschaftsministerium für Qualitätskontrollen, unterstützt die wachsende Minderheit der Biolandwirte und macht PR für Ammerländer Schinken, Quark von der Unterelbe und Knäckebrot aus der Heide.

So passt alles zusammen. Selbst der Klimawandel kann in allen realistischen Szenarien der niedersächsischen Landwirtschaft nichts anhaben. Im Gegenteil: Ein bisschen mehr Sonnenschein schadet der Norddeutschen Tiefebene nicht, und die Angst vor dem Kohlendioxid hat den Landwirten einen großen neuen Wirtschaftszweig erschlossen – selbst wenn die Ethanolproduktion in eine Sackgasse führt. Ripke sieht im Land keine wirkliche Konkurrenz zwischen Lebensmittel- und Spritproduktion: „Wir haben selbst für 2020 nur 15 Produzent Nutzfläche für Bioenergie vorgesehen“ – und bis dahin kann diese Planzahl sicher noch oft gesenkt werden.

Agrarpolitiker, Forscher und Unternehmen setzen in Niedersachsen eigentlich nicht mehr auf den Anbau von Energie-Früchten wie Mais und Raps. Die Hoffnung heißt Biogas – gewonnen, wenn es denn wirtschaftlich geht, aus allen möglichen organischen Stoffen, die in der Agrarwirtschaft heute noch als Abfall entsorgt werden: Stroh von den Feldern, Kronenholz aus der Forstwirtschaft, und vor allem Gülle. Der Inbegriff allen Abfalls könnte in ein, zwei Jahrzehnten ganze Landstriche Deutschlands mit Strom und Wärme versorgen, statt im weiten Umkreis um die Schweine- und Hühnerfarmen längs der Autobahn zwischen Osnabrück und Bremen für schlechte Luft zu sorgen.

Heute schon verkaufen die Schweinemäster von Jahr zu Jahr mehr von dem stinkenden Produkt an Getreidebauern, die so die auf dem Weltmarkt rapide gestiegenen Kosten für Kunstdünger auffangen. Weil aber aus den Ausscheidungen der Schweine und Hühner auch noch Energie für die Städte und Benzin für die Autos kommen soll, schauen die Niedersachsen voll Hoffnung auf das Pilotprojekt der Firma Choren (Slogan: „Biomass to Energy“), an dem Niedersachsens Parade-Unternehmen Volkswagen maßgeblich beteiligt ist. Winziger Schönheitsfehler: Choren hat sich, wohl der staatlichen Fördermittel wegen, in der Universitätsstadt Freiberg in Sachsen niedergelassen.

Eine Nummer kleiner klappt so etwas schon, und fast ohne Subventionen. Mit einem Eigenenergie-Aufwand von höchstens 1,5 Prozent, einer Fermentationsanlage und 300 Hektar Ackerland produziert zum Beispiel der Agronom Christian von Estorff aus Klee und Gras Methangas für Motoren – 360 Kilowattstunden Strom und 300 Kilowatt Wärme. Das ist genug für sein eigenes Gut in Barnstedt südlich von Lüneburg, zu dem noch 250 Hektar Wald gehören, und für etwa 20 weitere Bauernhöfe. „Beinahe das Perpetuum mobile“, sagt er lachend – aber eigentlich habe er dasselbe Ziel wie seine viel konventioneller wirtschaftenden Nachbarn: „Wir wollen den Hof in der Familie halten, das ist alles.“

Der Adelige kann seine Familie in Barnstedt 25 Generationen und über acht Jahrhunderte zurückverfolgen. Auch das ist Niedersachsen.

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