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Wahl-Marketing Vater Staat und Mutter Merkel: Wie Politik verpackt wird

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Wie soll dieses Land überhaupt aussehen – ist das der Wohlfahrtsstaat?

Das ist ja genau das Dilemma der SPD, dass ausgerechnet sie es war, die unter Schröder harte Maßnahmen implementiert hat, die viele Wähler eher von der CDU erwartet hätten. Nahezu paradox erscheint, dass ausgerechnet die eigentlich traditionell als wirtschaftsnah betrachtete CDU sich als die Partei etabliert hat, die in Gestalt von Angela Merkel den Wählern suggeriert: Ich lasse keinen fallen, ich bin für euch da.

Müssen da nicht viele Wähler mit Produktenttäuschung rechnen?

Ja, sie übersehen, dass wir immer noch in einer Krise stecken, die einschneidende Maßnahmen nötig macht. Einige unserer Befragten sagten sogar: Krise? Kenn’ ich nicht, habe ich nichts mit zu tun. Diese Leugnung wird dadurch erleichtert, dass viele nichts von der Krise spüren, im Gegenteil: Sie profitieren etwa von niedrigen Energiepreisen. Das versetzt sie in einen Zustand des Konsumkarnevals: Der Karneval ist das Fest der letzten Stunde, man weiß, es kommt eine Zeit des Verzichts, aber vorher will man es noch einmal richtig krachen lassen.

Das war doch auch politisch gewollt?

Gewiss, die staatlichen Kamellen in Form der Abwrackprämie haben diese Stimmung noch weiter befeuert – nur damit zugleich auch die Verdrängung der Wirklichkeit. Viele haben nun die Hoffnung, dass es unter Schwarz-Gelb eine außertarifliche Karnevalsverlängerung gibt – auch wenn das mit der Wirtschaftswirklichkeit nicht in Übereinstimmung zu bringen ist. Gerade deshalb kommt es für Union und FDP jetzt darauf an, möglichst schnell die Richtung ihrer Politik zu kommunizieren. Sie müssen ein Ziel formulieren, das es den Leuten einfacher macht, notwendige Entbehrungen zu akzeptieren.

Also eine Blut-, Schweiß und Tränenrede von Frau Merkel?

Das wäre zu wenig. Nein, Merkel hat es vor der Krise verstanden, den Deutschen eine neue Identität zu geben, indem sie stark auf das Thema Klimaschutz gesetzt hat. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen das Gefühl, sie hätten die Welt in den Untergang getrieben – sie sehnen sich seither nach einer Weltretter-Position. Das hat Merkel erkannt und setzt auf die Themen Umwelt, Ökologie und damit verbundene Technologien.

1982, als CDU und FDP gemeinsam antraten, dachten sie sich die Überschrift „geistig-moralische Wende“ aus – wie könnte der Claim 2009 lauten?

Einen solchen Claim zu finden ist nicht leicht – es entbehrt ja auch nicht einer gewissen Ironie, dass CDU und FDP es ausgerechnet mit einem eher grünen Thema schaffen könnten, das Land in die Zukunft zu führen: „Fortschritt und Wachstum durch Ökologie“ – das wäre ein Thema, das Merkel als frühere Umweltministerin glaubhaft vertreten könnte.

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