Wahlberichterstattung Welchen Fernsehsender soll ich wählen?

Ich hatte die Wahl. Die Fernbedienung vor mir, der Fernseher warm gelaufen. Was sind die Erkenntnisse aus konzentriertem Anschauen von möglichst vielen Kanälen am Wahlabend?

Wahlabend, zumal Bundestagswahl, das klingt nach Anspannung, Emotionen, Aufregung. Und daran kann kein Zweifel sein: Die Protagonisten der Übertragung sind glänzend aufgelegt. Es sind die Fernsehmoderatoren, Reporter vor Ort, deren Gesichter vielen Zuschauern sicher sonst unbekannt vorkommen, die nun auch ihren großen Auftritt haben, den sie bisweilen weit weniger routiniert absolvieren als die eigentlich wichtigen Personen des Abends: Die Politiker.

Wer wenig bis gar kein Fernsehen mehr schaut, stellt schnell fest: Das größte Dilemma aller Sender ist die Zeit davor. Als wäre Heiligabend, eine Stunde vor der Bescherung, gemeinsam sitzt man vor den ungeöffneten Paketen und es wird gerätselt, gewitzelt und gemutmaßt, was wohl drin sein könnte. Die über Wochen wiederholten Argumente – noch einmal. Im Studio mit jedem greifbaren Politikwissenschaftler oder vor dem Bundeskanzleramt mit Passanten, die das wiederholen, was die anderen auch schon sagten.

Die große Stunde ist 18 Uhr und endlich geht es los. Anpfiff. Prognosen, die 2013 schon fast die Präzision von Hochrechnungen haben. Je nach Geschmack hat der eine Sender bessere Werte für die eine, der andere für die andere Partei.

Worin aber unterscheiden sich die Sendungen? Was sind die Merkmale, die es mir als Zuschauer ermöglichen, auch nach der Wahl noch einmal zu wählen – die Sendung, die am nettesten, intelligentesten oder auch nur schnellsten informiert.

Wäre der Fernseher ein Parlament, es wäre keine große Koalition, sondern ein Einparteien-Bundeshaus. Ähnliche Zahlen, nahezu identische Fragen. Es braucht den Kanal CNN, um ein wenig Abwechslung hineinzubringen, denn in bemerkenswert flüssigem Englisch klingen die gleichen Aussagen und Phrasen von Ursula von der Leyen erfrischend abwechslungsreich. Der Blick von außen – wie immer eine willkommene Ablenkung.

Derweil zieht auf der ARD der sichtlich gut gelaunte Jörg Schönenborn Kreise auf, tippt auf seine Grafiken, zeigt Zahlen, Torten und Pfeile, beim ZDF wird für die Sitzverteilung ein Plenums-Modell verwendet.

Und alle warten. Alle kreisen um die zwei wichtigen Momente: Auftritt der Siegerin und Auftritt des Wahlverlierers. Letzter muss sich entsprechend den kalten Schnitt aus seiner Übertragung gefallen lassen. Und wer nun, zum Zeitpunkt der Ansprache von Angela Merkel, rasch zappt hat ein Daumenkino mit einem Standbild: Alle Kanäle mit Wahlberichterstattung zeigen das gleiche. Ausnahmslos.

Und vorm großen Lagerfeuer der Sonntagabendunterhaltung versammeln sich die Menschen später wieder. Bei den beiden Sendern des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, die die Berliner Runde übertragen.

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