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Wahlkampf Merkel misstraut dem Wähler

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Ein Bremer Beispiel macht Mut

SPD-Politiker Hans Koschnik im Jahr 2004 Quelle: dpa

Die Argumente abgewogen hat Hans Koschnik nicht. Er vertraute seinem Bauch – und seinem moralischen Kompass. Der Bremer Bürgermeister, ein Sohn der Stadt, kämpfte im Herbst 1983 um seine Wiederwahl als Regierungschef des Zwei-Städte-Staates. Ein Selbstläufer, dachten der beliebte Koschnik und seine Partei, die SPD, die seit dem Zweiten Weltkrieg ununterbrochen die Regierung in Bremen stellte.

Doch im Frühjahr 1983 drehte sich in der Hansestadt der Wind. Bereits seit einigen Jahren gingen die Aufträge für die norddeutschen Werften massiv zurück, die Konkurrenz aus Japan, Korea und Taiwan gewann einen Kunden nach dem anderen. Die Verluste stiegen, nicht nur in Bremen. Anfang `83, hatten die Banken genug. Sie drückten den Eignern, den Gewerkschaften und der Politik die Pistole auf die Brust: Weitere Kredite gäbe es nur noch, wenn flächendeckend Stellen abgebaut werden würden oder Bund und Länder Geld überwiesen. Schnell war klar: Ohne eine Einigung ist das Ende mindestens einer kompletten Werft besiegelt, konkret: der AG Weser mit ihren über 2000 Mitarbeitern.

„Ich habe mit dem Eigner, den Banken und der IG Metall geredet. Doch die Positionen waren verhärtet“, erinnert sich Koschnik 30 Jahre später im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online. Auch die Bundesregierung gab sich stur und schloss eine Finanzspritze aus. „Für mich stand fest: Wir können nicht mit Bremischen Mitteln eine marode Werft am Leben halten. Bürgschaften ja, Barmittel nein. Ich war bereit, den Leuten zu verkünden, dass ich nichts für sie tun kann und sie ihren Job verlieren werden.“

SPD-Politiker Hans Koschnik im Jahr 1983 Quelle: Creative Commons-Lizenz

Koschniks Parteifreunde murrten. Mit einem einzigen Auftrag hätte die Werft schließlich noch monatelang betrieben werden können. Eine Abwicklung im Frühjahr 1984, weit nach der Wahl, das war, was die Senatsmehrheit wollte. Hans Koschnik musste nicht lange über den Vorschlag nachdenken. Ein Abwägen gab es für ihn in dieser Frage nicht. „Der Vorschlag hätte die Probleme nicht gelöst. Ich habe gesagt: ,Ich bin nicht bereit, die Leute anzulügen. Ich will ihnen weiter ins Gesicht schauen können.‘“ Eine mutige Entscheidung.

Die Gewerkschaften machten mobil und organisierten Großdemonstrationen vor dem Rathaus. Koschnik stellte sich den Gegnern, verteidigte vor dem Roland, dem Wahrzeichen der Stadt, seine Politik. Er könne die wirtschaftliche Vernunft nicht ausblenden. Er sage nur die Wahrheit. Und: „Ich bemühe mich um Arbeitsplätze. Wir werden gemeinsam wieder aufstehen und eine Lösung finden“, rief der Bremer Bürgermeister in die Menge. Als Antwort kamen Buhrufe. Noch am Abend vor der Wahl verteilten die Gewerkschaften Flugblätter. Deren einzige Botschaft: Wählt Koschnik ab.

„Ich habe am Wahltag zwei Reden geschrieben“, berichtet Koschnik. Er sei bereit gewesen, seine Niederlage einzugestehen und politische Verantwortung zu zeigen. „,Liebe Freunde, wir haben einen großen Teil unserer Wähler verloren, ich werde gehen.‘ Das stand auf einem der beiden Zettel“, so Koschnik. Doch der Bremer durfte völlig überraschend bleiben. Die SPD holte 51,3 Prozent der Stimmen, knapp drei Prozent mehr noch, als bei der vorherigen Wahl. Und: Selbst im Stadtteil Gröpelingen, rund um die Werft, legte seine Partei zu.

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