Wahlkampf Peer Steinbrück wird grundsätzlich

Der SPD-Kanzlerkandidat setzt auf Elemente des amerikanischen Wahlkampfes und hofft auf staatsmännischen Eindruck bei den Bürgern.

Der Bonus des Redners - Um Punkte im Wahlkampf zu sammeln, will Peer Steinbrück mit Grundsatzreden überzeugen Quelle: dpa

Was kann Peer Steinbrück besser als Angela Merkel? Wahrscheinlich ist die Kanzlerin diplomatischer und weniger eitel. Das Reden auf größerer Bühne liegt aber eindeutig dem Spitzenmann der Sozialdemokraten mehr. Er polarisiert, wütet, witzelt und wickelt ein.

Welchen Vorteil hat die Kanzlerin in einem Bundestagswahlkampf? Sie kommt automatisch als Macherin und Staatsfrau rüber. Der Kandidat der Opposition muss immer erst den Eindruck erzeugen, dass er die Rolle des Mächtigen überhaupt kann.

Peer Steinbrück versucht nun, seinen Bonus des Redners und seinen Malus des Machtlosen vorteilhaft zu verbinden. Er will nach dem Vorbild des US-Wahlkampfes Grundsatzreden halten. Wie steht es um die Einheit der Deutschen? Wie gut sind Zuwanderer in unserem Land integriert? Welche Pflichten hat Deutschland international? Die Hoffnung dahinter: Wer Grundsätzliches zu sagen hat, wirkt auch zur Führung des Ganzen in der Lage. Der Kandidat will grundsätzlich und staatsmännisch werden und so mehr Aufmerksamkeit erringen. Die hat die SPD sehr nötig. Bei Umfragen zur Bundestagwahl dümpelt die ehedem zweite Volkspartei deutlich unter 30 Prozent.   

Steinbrücks Pannen im Wahlkampf
Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig ist Mitglied in Peer Steinbrücks Kompetenzteam und hat nach Spiegel-Informationen jahrelang doppelte Gehälter kassiert. Das könnte Steinbrück jetzt um die Ohren fliegen Machnig habe sowohl sein Einkommen als Minister in Thüringen als auch Übergangsgeld und Ruhegehalt aus seinem vorherigen Amt als Staatssekretär im Bundesumweltministerium erhalten, schreibt der Spiegel. Quelle: dpa
Den von Peer Steinbrück vorgestellten SPD-Slogan für die Bundestagswahl - "Das Wir entscheidet" - nutzt ausgerechnet eine Leiharbeitsfirma schon seit 2007. Da der Spruch nicht rechtlich geschützt ist, will das Unternehmen ProPartner allerdings nicht rechtlich gegen die SPD vorgehen. Unglücklich ist die Parallele auch deshalb, weil sich die SPD thematisch gegen die zunehmende Leiharbeit positioniert hat. Quelle: dpa
Es gibt viele Arten, sich unangreifbar zu machen. Der SPD-Kanzlerkandidat forderte von seinen Genossen gleich am Anfang: "Das Programm muss zum Kandidaten passen, der Kandidat zum Programm. Ihr müsst dem Kandidaten an der einen oder anderen Stelle auch etwas Beinfreiheit einräumen." Peer Steinbrück wollte damit volle Richtlinienkompetenz - und das Recht, das sagen zu dürfen, worauf er gerade Lust hat. Steinbrück hat von diesem Recht reichlich Gebrauch gemacht. Quelle: AP
In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung attestierte Steinbrück seiner Gegnerin Angela Merkel (CDU) einen Sympathievorsprung. "Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat", sagte Steinbrück der FAS. Das klang nicht nur nach der beleidigten Ausrede eines Kandidaten, der sich damit schon als künftigen Verlierer outet, sondern war auch nicht feinfühlig - und das zu einer Zeit, in der viele Frauen darum kämpfen müssen, ihren Beruf mit der Familie in Einklang zu bringen. Quelle: dapd
Der Peer Steinbrück folgte dem Rat seiner Kommunikationsberater: Er müsse auch im Internet Präsenz zeigen. Gesagt, getan. Aber nicht allein. Beim Twitterview konnte man sehen, wie Steinbrück seinem Nebenmann die Antworten diktierte. Der SPD-Finanzexperte machte dazu einen unbeholfenen Eindruck. Prompt meldete sich der politische Gegner: Bundesumweltminister Altmaier (CDU), der selbst aktiv zwitschert, forderte Steinbrück auf, kenntlich zu machen, wann er persönlich auf Twitter aktiv ist. Quelle: dpa
Es gibt kaum etwas solideres als die gute alte Sparkasse. Steinbrück findet, dass man den Sparkassendirektor für sein Gehalt beneiden kann. Vor allem, wenn man Regierungschef ist. „Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin“, sagte Steinbrück zum Jahresende 2012. Auch wenn der Satz faktisch richtig ist: Vielen Genossen dürften ihrem Kanzlerkandidaten diese Aussage nicht verzeihen. Auch andere Wähler nicht. Zumal im internationalen Vergleich sich das derzeitige Gehalt der Bundeskanzlerin sehen lassen kann. Quelle: dapd
Überhaupt hat Herr Steinbrück für einen SPD-Genossen ein eher untypisches Verhältnis zum Geld. Für Reden vor Banken, der Finanzindustrie und betuchtem Publikum ließ er sich gut bezahlen, mittlerweile hat er damit mehr als eine Millionen Euro Honorargeld erhalten. Auch von der Stadt Bochum, die mit einem Haushaltsdefizit in Höhe von 125 Millionen Euro zu kämpfen hat, ließ er sich ein Honorar von 25 000 Euro pro Vortrag auszahlen. Der Aufschrei war groß - allein weil ein sozialdemokratischer Kanzlerkandidat, der die Finanzbranche bändigen will, mit solch lukrativen Nebenjobs nicht glaubwürdig ist. Quelle: dapd
Steinbrück stellte auch seine Weinkenntnisse zur Schau. Auf die Frage der "Bild"-Zeitung, ob das Kindergeld erhöht werden solle, sagte er: „Schon zehn Euro Erhöhung würden den Staat eine Milliarde kosten. Und man weiß dann auch nicht, wo das Geld hingeht.“ Zehn Euro seien nur „zwei Schachteln Zigaretten, zweieinhalb Bier oder zwei Pinot Grigio“, dozierte der Finanzexperte Steinbrück – und meinte: „Also zwei Gläser Pinot Grigio, denn eine Flasche, die nur fünf Euro kostet, würde ich nicht kaufen.“ Quelle: AP
Als Gourmet muss Steinbrück auf andere Wege mit dem gemeinen Volk in Kontakt treten. Steinbrücks Rezept dafür: "Wohnzimmergespräche". Bei der Aktion will Steinbrück mit normalen Bürgern ins direkte Gespräch kommen. Doch kaum hatte der SPD-Kanzlerkandidat die Besuchsreihe initiiert, stellte sich heraus, dass der Ex-Finanzminister ausgerechnet die Eltern einer ehemaligen Mitarbeiterin von SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil besucht hatte. Immerhin brachte Steinbrück zum ersten Besuch Kuchen mit - was er für die "Wohnzimmergespräche" versprochen hatte. Quelle: dpa

Steinbrück, die One-Man-Show

Noch etwas erhofft sich Steinbrück: Er will auffallen, wo ihm bisher kaum einer größeren Ehrgeiz nachgesagt hat. Bei Bildung, Familienpolitik, Integration etwa. Bestenfalls kann er neue Akzente und eigene Themen setzen. Wie wäre es mit einer Integrationsrede in der Versammlungshalle einer großen islamischen Gemeinde? Wie mit einem Plädoyer zur Familienpolitik in einer Kita – samt anschließendem gemeinsamem Mittagsessen? Wie mit einer Verteidigungsrede mit aufgekrempelten Hemdsärmeln in einer Kaserne?

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Große Reden bedeuten aber auch: Ein-Mann-Show statt Team. Das entspricht womöglich dem Naturell Steinbrücks, ist aber in der SPD womöglich weniger populär.

Dem Wahlkampf schaden solche Auftritte sicher nicht. Wenn es ungünstig läuft, schaden sie allerdings dem Kandidaten. Vielleicht werden die Bürger aufmerksamer und hören hin, wie Steinbrück seine Sicht verbreitet. Sicher jedoch werden die Fernsehkameras und mitgereisten Journalisten genau hinhören und jeden Widerspruch und jede Hochnäsigkeit Steinbrücks offenlegen. Hinter dem Rednerpult im Scheinwerferlicht ist wenig Beinfreiheit.

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