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Wahlsager

Das Scheitern mit Ansage von Schwarz-Gelb und AfD

Konrad Fischer Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Konrad Fischer Ressortleiter Erfolg, Innovation, Digitales

Am Freitag haben die WirtschaftsWoche-Wahlsager zehn Thesen über das Wahlergebnis aufgestellt. Sieben davon traten ein.

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Wir haben getan, was Demoskopen (und die meisten Wissenschaftler) nie wagen würden: Konkrete Wahlergebnisse prognostizieren (s.o.). Die Umfrageinstitute führten diesmal zwar sogar noch am Samstag Wählerbefragungen durch, konkrete Prognosen wollte daraus aber keiner ableiten. Wir sind das Risiko eingegangen. In zehn Thesen haben wir am Freitag verpackt, was aus unserer Sicht der große Vorteil von wahrscheinlichkeitsbasierten Wahlprojektionen ist: Man kann – bedingte – Prognosen wagen. Zwar wussten auch wir nicht, wie die Wahl ausgehen würde, wir wussten aber, was sich aus den prognostizierten Werten WAHRSCHEINLICH ableiten lässt. Und das haben wir aufgeschrieben. In sieben von zehn Fällen lagen wir richtig. Angesichts der generellen Überraschung, mit der das Ergebnis am Sonntagabend von der Öffentlichkeit aufgenommen wurde, ist das ein sehr guter Wert. Insbesondere der Erfolg unserer beiden Kernthesen bestätigt unsere Berechnungen.

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1. Schwarz-Gelb erreicht keine eigene Mehrheit – richtig

Unsere Berechnung hatte eine Wahrscheinlichkeit von 29 Prozent für eine schwarz-gelbe Mehrheit ergeben. Dieser geringe Wert wurde wesentlich von der Unsicherheit des FDP-Einzugs beeinflusst. Auch wenn wir persönlich an einen FDP-Einzug glaubten (s. These 5) bestätigt das Ergebnis unser Modell und den Nutzen von Koalitionswahrscheinlichkeiten. Denn am Ende war der laut Berechnung wichtigste Einflussfaktor auch der ausschlaggebende: Wäre die FDP ins Parlament eingezogen, hätte es locker für eine Mehrheit gereicht.

Impressionen aus den Wahllokalen
Umringt von Kameraleuten und Sicherheitskräften kommt Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem Ehemann ins Wahllokal. Sie kamen gegen 13.30 Uhr zu Fuß. Quelle: REUTERS
Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ist frohen Mutes: Er habe gut geschlafen, sagte der SPD-Politiker. Der Wahlkampf habe ihm Spaß gemacht. Die SPD sei in der letzten Zeit in der Lage gewesen, sich deutlich zu profilieren. Das habe ihn gefreut. „Ich hoffe, dass sich das auch im Wahlergebnis widerspiegelt.“ Quelle: dpa
Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) und sein Lebenspartner Michael Mronz wählten in einem Wahllokal in Bonn. Er warb auf der Abschlusskundgebung der FDP um die Zweitstimme. Die Freidemokraten müssen um den Wiedereinzug in den Bundestag bangen. Quelle: dpa
Gregor Gysi, Spitzenkandidat und Fraktionsvorsitzender der Partei Die Linke im deutschen Bundestag wählte in Berlin-Pankow. Seine Partei muss nicht um den Wiedereinzug bangen, allerdings wird sie es wohl auch nicht in die Regierungsverantwortung schaffen: Eine Rot-Rot-Grüne-Koalition scheidet aus, weil SPD und Grüne eine Koalition mit der Linkspartei ausgeschlossen haben. Quelle: dpa
Einer der ersten an der Wahlurne war Bundespräsident Joachim Gauck, der gegen 9.30 Uhr gemeinsam mit Bundeswahlleiter Roderich Egeler und seiner Lebensgefährtin Daniela Schad seine Stimme abgab. Quelle: dpa
Tradition wird groß geschrieben: In niedersorbisch-wendischer Festtagstracht gibt diese Frau im Wahllokal im Spreewalddorf Leipe (Brandenburg) ihre Stimme für die Bundestagswahl 2013 ab. Quelle: dpa
Diese Trachten kommen traditionell aus dem Schwarzwald - und dort trägt man sie sicher nicht nur am Wahltag. Quelle: REUTERS

2. Die Union bekommt weniger als 40 Prozent der Stimmen – falsch

Der Union ist es gelungen, die Beliebtheit der Kanzlerin in ein sehr gutes Wahlergebnis umzusetzen, der Aufruf gegen Leihstimmen war offenbar erfolgreicher als von vielen gedacht. Zwar liegt das Ergebnis im Bereich des Zufallsfehlers der meisten vor der Wahl veröffentlichten Projektionen, aber mit 38 bis 40 Prozent stuften alle Institute die Union etwas zu niedrig ein. Daran zeigt sich, dass es nicht immer klug ist, wenn die Institute versuchen, aus ihren Fehleinschätzungen bei vergangenen Wahlen zu lernen. Denn in den Rohdaten der Institute lag die Union bis zuletzt deutlich über 40 Prozent. Nach den Erfahrungen von 2005 und 2009, bei denen die Union weniger Stimmen bekam als vorhergesagt, wurden dieses Mal die gemessenen Zustimmungswerte stark nach unten korrigiert.

3. Die SPD erreicht mehr als 26 Prozent  - falsch

Knapp daneben. Nach dem historischen Tief von 23 Prozent in 2009 ging es für die SPD wieder leicht bergauf, allerdings etwas geringer als wir gedacht hätten.

Wahlabend - das Lustigste bei Twitter
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4. Die Grünen erreichen ein schlechteres Ergebnis als 2009 – richtig

Mit dieser These lagen wir richtig, die Grünen haben deutlich verloren und wurden am Ende sogar noch von der Linken überholt. Besonders bitter: Ein Wert von weniger als neun Prozent wurde im Politbarometer zuletzt im Herbst 2008 gemessen.

5. Die FDP schafft den Wiedereinzug in den Bundestag – falsch

Bei dieser These lagen wir daneben, erstmals wird die FDP nicht im Bundestag vertreten sein. Dass es knapp werden würde, hatte sich abgezeichnet, unser Modell hat die FDP aber leicht über der 5-Prozent-Marke gesehen. Zuletzt sahen alle Institute die FDP bei mindestens 5 Prozent, auch in Prognosemärkten und Expertenbefragungen gab es kurz vor der Wahl kaum Zweifel, dass es die FDP schaffen würde.

Das Ergebnis ist aber auch eine Erinnerung an die Grenzen der Zufallsstichprobe: wenn eine Partei in den Umfragen bei 5 Prozent liegt, dann ist ein Nicht-Einzug genauso wahrscheinlich wie ein Einzug. Bei einem Wert zwischen 5 und  6 Prozent liegen eben auch Werte unter 5 Prozent im Bereich des Zufallsfehlers, genauer können Umfragen nicht sein – auch wenn die politische Aussage eines Umfragewertes eine andere zu sein scheint. In der Tendenz lagen die Rohdaten mit zuletzt 4 bis 5 Prozent näher am Ergebnis, da es weniger Leihstimmen gab als vermutet. Wir hatten die Wahrscheinlichkeit für den Einzug der FDP mit 69 Prozent berechnet, ein Scheitern lag also rein nach den Zahlen sehr wohl im Bereich des Möglichen, es konnte nur niemand so recht daran glauben.

Piraten und AfD

"Die bitterste Stunde für die Liberalen seit vielen Jahrzehnten"
Der nordrhein-westfälische FDP-Vorsitzende Christian Lindner sprach nach dem Ausgang der Bundestagswahl am Sonntagabend von der „bittersten Stunde für die Liberalen seit vielen Jahrzehnten“. Man habe in der Öffentlichkeit nicht überzeugt. „Da kann es ja überhaupt keinen Zweifel daran geben.“ Die FDP schafft es nach der ersten Hochrechnung nicht mehr in den Bundestag. Auf die Frage, ob die Partei jetzt auseinanderbricht, sagte Lindner, es gebe ausreichend liberales Wählerpotenzial. Das gelte es jetzt abzurufen. Quelle: dpa
Der Kieler FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki kritisierte die Wahlkampfstrategie seiner Partei. „Ich finde das eine beachtliche Leistung, dass man mit fünf Ministern der größten Bundestagsfraktion aller Zeiten innerhalb von vier Jahren die FDP von 14,6 auf 5 Prozent oder darunter bringt“, sagte Kubicki am Sonntag der Nachrichtenagentur dpa. „Eine ordentliche Wahlkampfstrategie mit einem souveränen Auftreten sieht anders aus.“ Quelle: dpa
Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel hat sich hocherfreut über das Ergebnis der Union bei der Bundestagswahl gezeigt. „Das ist ein Superergebnis“, sagte die strahlende CDU-Chefin unter dem Jubel ihrer Anhänger. „Wir werden damit verantwortungsvoll und sorgsam umgehen.“ Neben den CDU-Mitgliedern bedankte sich Merkel besonders bei der CSU und ihrem Vorsitzenden Horst Seehofer vor die Unterstützung. Quelle: dpa
Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte in der ARD: „Wir haben einen klaren Auftrag der Wähler, die Regierung zu bilden.“ Das Ergebnis zeige, dass die Wähler wollten, dass Angela Merkel Kanzlerin bleibe. Die Union freue sich riesig. Ein Ergebnis von weit mehr als 40 Prozent habe man für eine Volkspartei schon gar nicht mehr für erreichbar gehalten. Quelle: dapd
Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat sich begeistert vom Wahlerfolg der Union gezeigt. „Das ist fantastisch. So deutlich über 40 Prozent, das haben wir seit über 20 Jahren nicht geschafft“, sagte die stellvertretende CDU-Vorsitzende in der ARD. „Wir hoffen sehr für die FDP, dass die Zahlen im Laufe des Abends noch steigen.“ Zu einer möglichen großen Koalition mit der SPD wollte sich von der Leyen nicht äußern. „Deutschland muss stark bleiben in Europa, das ist das Motto des Abends“, sagte sie. Quelle: dpa
SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles wollte nach dem Ausgang der Bundestagswahl am Sonntagabend in einer ersten Reaktion keine Koalitionsaussage treffen. Dies werde zuerst in den Gremien besprochen. Man habe sich sicherlich einen höheren Zuwachs gewünscht, sagte sie im ZDF. Nun sei die Gewinnerin der Wahl gefragt, CDU-Vorsitzende Kanzlerin Angela Merkel. Quelle: dpa
CDU-Vize Armin Laschet wertete das Ergebnis als Regierungsauftrag für Kanzlerin Angela Merkel. „Die Deutschen wollen, dass sie vier Jahre weiter regiert“, sagte Laschet, der auch CDU-Chef in Nordrhein-Westfalen ist. Das Ergebnis sei „in erster Linie Anerkennung für die Arbeit von Angela Merkel“. Laschet lobte den zurückhaltenden Kurs der Parteivorsitzenden in den vergangenen Wochen ohne starke Angriffe auf den politischen Gegner: „Der Wahlkampf war richtig, die Themen waren richtig, und die Zukunftsidee war richtig.“ Quelle: dpa

6. Die Piraten scheitern an der Fünfprozenthürde – richtig

Die Piratenpartei spielte am Wahlabend keine Rolle, sie konnte sich gegenüber 2009 nur minimal um 0,2 Prozentpunkte verbessern.

7. Die AfD scheitert an der Fünfprozenthürde – richtig

Bei dieser zentralen Frage lagen wir doppelt richtig. Wir haben prognostiziert, dass es eng werden würde und uns darauf festgelegt, dass es eher nicht reicht. Auch hier gilt: das Ergebnis liegt im Bereich des Zufallsfehlers der vorher veröffentlichten Umfragen und der finalen Wahlsager-Projektion und bestätigt damit auch die Theorie der Zufallsstichprobe. Eine saubere Zufallsstichprobe sagt eben immer noch deutlich mehr aus als die gefühlte Wahrheit in manchen Internetforen. Verschwörungstheorien, wonach der AfD-Wert systematisch nach unten korrigiert würde haben sich nicht bewahrheitet.

So geht Deutschland wählen
Um 8 Uhr öffneten die Wahllokale. Rund 61,8 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, Erst- und Zweitstimme abzugeben. Darunter sind drei Millionen Erstwähler - und auch Deutschlands Spitzenpolitiker ... Quelle: dpa
Die fleißigen Wahlhelferinnen wurden von ihm herzlich begrüßt ... Quelle: dpa
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück inszeniert seinen Gang zur Urne und genießt den Applaus. Doch er weiß: Selbst wählen ist einfacher als zum Kanzler gewählt zu werden ... Quelle: dpa
Eigentlich braucht Steinbrück kein großes Geheimnis daraus machen, wo er jetzt gleich das Kreuz macht. Er hat übrigens in seinem Bonner Wahllokal gewählt. Quelle: AP
Dennoch zieht sich Steinbrück hinter die Box zurück. Er habe gut geschlafen, sagte er. Der Wahlkampf habe ihm Spaß gemacht. Die SPD sei in der letzten Zeit in der Lage gewesen, sich deutlich zu profilieren. Das habe ihn gefreut. „Ich hoffe, dass sich das auch im Wahlergebnis widerspiegelt.“ Steinbrück wurde von seiner Frau Gertrud begleitet. Anschließend wollte er an einem SPD-Frühschoppen teilnehmen. Quelle: dpa
Die beiden Kreuze sind schnell gemacht ... Quelle: dpa
... und schon ist er auf dem Weg in einen langen Sonntag: Peer Steinbrück und seine Frau Gertrud verlassen das Wahllokal und wünschen sich vermutlich, dass es endlich 18 Uhr wird und die ersten Prognosen da sind. Quelle: dpa

8. Die Wahlbeteiligung liegt über 70 Prozent – richtig

Entgegen vieler Befürchtungen haben wir Recht behalten, die Wahlbeteiligung stieg leicht an. Damit ist der von vielen Beobachtern beschworene lineare Abwärtstrend gebrochen. Das ist vor allem für die publizistische Öffentlichkeit eine Überraschung. Da wurde in den Wochen vor der Wahl ein vermeintlicher Trend zum Nichtwählen von fast allen Zeitungen und Zeitschriften thematisiert. Wir haben uns da lieber an die wissenschaftliche Expertise gehalten. Es gibt inzwischen zwar viele Nichtwähler, entscheidend für die Wahlbeteiligung ist aber nach wie vor die gefühlte Wichtigkeit einer Wahl. Und da ging es in diesem Jahr einfach um mehr als 2009.

9. Im nächsten Bundestag werden weniger als 650 Abgeordnete sitzen – richtig

Auch hier haben wir uns gegen den Mainstream gestellt. In den Wochen vor der Wahl hatten viele Journalisten über ein Plenum mit mehr als 700 Mitgliedern spekuliert, einzelne wollten gar erfahren haben, dass die Bundestagsverwaltung bereits neue Räume angemietet habe. In unseren Modellrechnungen sahen wir allerdings das Gegenteil: Nach dem neuen Wahlrecht ist ein Bundestag mit deutlich mehr als 700 Sitzen zwar theoretisch möglich, aber in der aktuellen Situation extrem unwahrscheinlich. Im neuen Bundestag werden 630 Abgeordnete sitzen, 8 mehr als bisher.

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Übrigens: nach Berechnungen von wahlrecht.de hätte der Bundestag nach dem alten Wahlsystem 602 Sitze gehabt, die Union wäre mit vier Überhangmandaten auf 299 davon gekommen. Die absolute Mehrheit hätte sie also auch nach diesem Wahlsystem verpasst, aber 49,7 Prozent statt 49,4 Prozent der Sitze bekommen (ihr Ergebnis entspricht 49,3 Prozent der im Bundestag vertretenen Parteien).

10. Nicht alle unsere Thesen werden stimmen – richtig 

Die Grundregeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung haben uns nicht im Stich gelassen. Die Quote von sieben richtigen Thesen ist aber sehr ordentlich, zumal da wir in den beiden zentralen Fragen – Schwarz-Gelb und AfD – richtig lagen. Das bestätigt aus unserer Sicht eindrucksvoll den Wert von wahrscheinlichkeitsbasierten Wahlprojektionen. Denn die deutsche Form der Demokratie ist ein relatives Konzept: Ob eine Partei am Ende einen Prozentpunkt mehr oder weniger erreicht, ist für die Machtverteilung nicht entscheidend. Wichtig ist, wer vorne liegt. Zugleich beinhalten die Wahrscheinlichkeit ein intuitiv verständliches Maß der Unsicherheit, während die Fehlermargen bei Umfragen meist noch immer im Kleingedruckten versteckt werden. Es ergibt daher Sinn, sich auf die Chancenverteilung rund um die wichtigsten Fragen zu konzentrieren: Fünfprozenthürde und Mehrheit.

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