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Wahlsager

Das TV-Duell ist Steinbrücks letzte Chance

Konrad Fischer Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Konrad Fischer Redakteur Blickpunkte

Trotz der erwarteten Langeweile: Kein Wahlkampfereignis hat so einen großen Einfluss auf das Wahlergebnis wie das Fernsehduell der Kandidaten.

Es war Frank-Walter Steinmeiers großer Moment. 14 Millionen Zuschauer verfolgen das Duell mit Angela Merkel, die erste Frage gehört dem Kandidaten. Und, was unterscheidet Sie von Frau Merkel? „Bevor ich zu den Unterschieden komme, möchte ich einen Blick zurückwerfen.“ Er und die Kanzlerin, sie hätten „gemeinsam viel erreicht in den vergangenen Jahren“. Es braucht nicht viel Fantasie, um in diesem Moment eine ganze Wahlkampfmannschaft verzweifeln zu sehen.

Steinbrücks Pannen im Wahlkampf
Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig ist Mitglied in Peer Steinbrücks Kompetenzteam und hat nach Spiegel-Informationen jahrelang doppelte Gehälter kassiert. Das könnte Steinbrück jetzt um die Ohren fliegen Machnig habe sowohl sein Einkommen als Minister in Thüringen als auch Übergangsgeld und Ruhegehalt aus seinem vorherigen Amt als Staatssekretär im Bundesumweltministerium erhalten, schreibt der Spiegel. Quelle: dpa
Den von Peer Steinbrück vorgestellten SPD-Slogan für die Bundestagswahl - "Das Wir entscheidet" - nutzt ausgerechnet eine Leiharbeitsfirma schon seit 2007. Da der Spruch nicht rechtlich geschützt ist, will das Unternehmen ProPartner allerdings nicht rechtlich gegen die SPD vorgehen. Unglücklich ist die Parallele auch deshalb, weil sich die SPD thematisch gegen die zunehmende Leiharbeit positioniert hat. Quelle: dpa
Es gibt viele Arten, sich unangreifbar zu machen. Der SPD-Kanzlerkandidat forderte von seinen Genossen gleich am Anfang: "Das Programm muss zum Kandidaten passen, der Kandidat zum Programm. Ihr müsst dem Kandidaten an der einen oder anderen Stelle auch etwas Beinfreiheit einräumen." Peer Steinbrück wollte damit volle Richtlinienkompetenz - und das Recht, das sagen zu dürfen, worauf er gerade Lust hat. Steinbrück hat von diesem Recht reichlich Gebrauch gemacht. Quelle: AP
In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung attestierte Steinbrück seiner Gegnerin Angela Merkel (CDU) einen Sympathievorsprung. "Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat", sagte Steinbrück der FAS. Das klang nicht nur nach der beleidigten Ausrede eines Kandidaten, der sich damit schon als künftigen Verlierer outet, sondern war auch nicht feinfühlig - und das zu einer Zeit, in der viele Frauen darum kämpfen müssen, ihren Beruf mit der Familie in Einklang zu bringen. Quelle: dapd
Der Peer Steinbrück folgte dem Rat seiner Kommunikationsberater: Er müsse auch im Internet Präsenz zeigen. Gesagt, getan. Aber nicht allein. Beim Twitterview konnte man sehen, wie Steinbrück seinem Nebenmann die Antworten diktierte. Der SPD-Finanzexperte machte dazu einen unbeholfenen Eindruck. Prompt meldete sich der politische Gegner: Bundesumweltminister Altmaier (CDU), der selbst aktiv zwitschert, forderte Steinbrück auf, kenntlich zu machen, wann er persönlich auf Twitter aktiv ist. Quelle: dpa
Es gibt kaum etwas solideres als die gute alte Sparkasse. Steinbrück findet, dass man den Sparkassendirektor für sein Gehalt beneiden kann. Vor allem, wenn man Regierungschef ist. „Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin“, sagte Steinbrück zum Jahresende 2012. Auch wenn der Satz faktisch richtig ist: Vielen Genossen dürften ihrem Kanzlerkandidaten diese Aussage nicht verzeihen. Auch andere Wähler nicht. Zumal im internationalen Vergleich sich das derzeitige Gehalt der Bundeskanzlerin sehen lassen kann. Quelle: dapd
Überhaupt hat Herr Steinbrück für einen SPD-Genossen ein eher untypisches Verhältnis zum Geld. Für Reden vor Banken, der Finanzindustrie und betuchtem Publikum ließ er sich gut bezahlen, mittlerweile hat er damit mehr als eine Millionen Euro Honorargeld erhalten. Auch von der Stadt Bochum, die mit einem Haushaltsdefizit in Höhe von 125 Millionen Euro zu kämpfen hat, ließ er sich ein Honorar von 25 000 Euro pro Vortrag auszahlen. Der Aufschrei war groß - allein weil ein sozialdemokratischer Kanzlerkandidat, der die Finanzbranche bändigen will, mit solch lukrativen Nebenjobs nicht glaubwürdig ist. Quelle: dapd

Umso überraschender, dass Steinmeier das Duell nach Ansicht der meisten Zuschauer dennoch für sich entschied. Man könnte daraus schließen: Das direkte Duell ist nicht die größte Stärke der Kanzlerin. Die Chance zur Aufholjagd für Peer Steinbrück also? Zumindest Wählerbefragungen legen das nahe. Anders als es in der Öffentlichkeit gerne dargestellt wird, besitzt das Duell durchaus eine Bedeutung im Wahlkampf. Das geht aus den Daten der German Longitudinal Election Study (GLES) hervor. Dabei wurde eine Gruppe von Wählern 2009 vor und nach dem Fernsehduell nach ihren Einstellungen zu den Kandidaten befragt.

Die wichtigste Erkenntnis lautet dabei: Es gibt deutliche Unterschiede. Selbst wenn man langfristige Überzeugungen, die Kanzlerpräferenz und die Beurteilung der Parteien berücksichtigt, hat das TV-Duell immer noch einen Einfluss auf die Wahlentscheidung. Stellen wir zwei Wähler mit ansonsten genau gleichen Einstellungen vor, die sich nur in ihrer Bewertung des TV-Duells unterscheiden. Für Wähler 1, der Angela Merkels Auftritt im Duell als sehr gut bewertet ergab sich 2009 eine Wahrscheinlichkeit von 38 Prozent die Union zu wählen. Bei Wähler 2, der Merkels Auftritt als sehr schlecht bewertete, waren es nur 30 Prozent. Beim Herausforderer Steinmeier betrug dieser rechnerische Unterschied sogar elf Prozentpunkte. Man kann daraus die maximalen Auswirkungen des Kanzlerduells simulieren.

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