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Wahlsager

Eine Herde von Individualisten

Jan Eric Blumenstiel Politikwissenschaftler, Soziologe, Verwaltungswissenschaftler

Wahlumfragen sorgen vor allem dann für Aufsehen, wenn sie einen vermeintlich neuen Trend aufzeigen. Welches Institut profiliert sich in dieser Hinsicht am stärksten?

In dieser Woche war es eine Forsa-Umfrage, welche die größte Aufmerksamkeit bekam. Nur noch 22 Prozent für die SPD, sogar weniger als bei der vergangenen Bundestagswahl – diese Schlagzeile ließen sich die wenigsten Medien entgehen. Aber sind das die tatsächlich erhobenen Ergebnisse oder steckt dahinter Methode? Zumindest vermuten das einige Beobachter, so schrieb der Medienkritiker Stefan Niggemeier tags darauf von Forsa, dem „Institut mit dem Umfrage-Schock-Generator“. Wissenschaftlich belastbare Belege für die These bleibt er aber schuldig.

Wahlversprechen, und was daraus wurde
1988: „ Eins ist sicher: die Rente“ (CDU)Noch im Sommer forderte Bundessozialministerin Ursula von der Leyen, eine Zuschussrente einzuführen. Das soll die Armut im Alter verhindern, die viele Deutsche fürchten. Denn die staatliche Rente allein reicht längst nicht mehr. Schon 2001 führte die Bundesregierung mit der Riester-Rente eine zusätzliche Vorsorge-Möglichkeit ein. 1988 klangen noch andere Töne: Einen abgesicherten Lebensabend versprach damals CDU-Sozialminister Norbert Blüm im Wahlkampf. Mit dem Spruch „Eins ist sicher: die Rente“ hatte die CDU für sich geworben. Quelle: AP
1990: CDU will Aufbau Ost aus der Porto-Kasse zahlen„Blühende Landschaften“ versprach Kanzler Helmut Kohl 1990 in den neuen Bundesländern. Dafür hatte er vor der Bundestagswahl ausgeschlossen und wollte die Wiedervereinigung „aus der Portokasse“ finanzieren. Stattdessen kam der Solidaritätszuschlag. Dieser sollte aber nicht lange bleiben. 1996 versprach Kohl: „Der Solidaritätszuschlag ist bis Ende 1999 endgültig weg.“ Heute gibt es ihn immer noch. Quelle: dapd
2005: SPD schließt eine höhere Mehrwertsteuer ausFranz Müntefering fand es 2005 als Vizekanzler „unfair“, dass die Regierung „an dem gemessen wird, was in Wahlkämpfen gesagt worden ist“. Seine SPD hatte im damaligen Wahlkampf gesagt, dass es mit ihre keine höhere Mehrwertsteuer geben würde. Die CDU hatte sich für eine Erhöhung um zwei Prozentpunkte eingesetzt. Schließlich wurden es drei Prozentpunkte – mit der SPD als Koalitionspartner. Quelle: dpa/dpaweb
2005: CDU will erst raus aus dem Atomausstieg - und dann doch nichtSchon im Wahlkampf 2005 stellt die CDU den unter der SPD beschlossenen Atomausstieg in Frage. Raus aus dem Ausstieg wagt sie sich jedoch erst 2010 in einer Koalition mit der FDP. Lange fest hält sie daran nicht. Kanzlerin Angela Merkel änderte ihre Haltung ein knappes Jahr später nach der Atom-Katastrophe von Fukushima. Im Juni 2011 beschlossen Bundestag und Bundesrat, die sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke und das Kraftwerk Krümmel sofort stillzulegen sind. Die restlichen deutschen Kernkraftwerke sollen bis 2022 abgeschaltet werden. Quelle: AP
2008: Hessens SPD will erst ohne, dann mit der LinkenRoland Koch als hessischen Ministerpräsidenten zu Fall bringen: Das war 2008 das Ziel von SPD-Spitzenkandiidatin Andrea Ypsilanti im hessischen Wahlkampf. Dafür wollte sie sogar ihr Wahlversprechen brechen, keine Koalition mit der Linken einzugehen. „Wir werden uns nicht einmal von ihr tolerieren lassen. Auch nach dem Wahlabend nicht, garantiert!“ Das waren Ypsilantis Worte vor der Wahl gewesen. Als sie sich nach der Wahl doch von der Linken tolerieren lassen wollte, ließ sie nach heftigem Widerstand von ihrem Vorhaben ab und trat zurück. Quelle: dpa
2009: CDU und FDP wollten das Kindergeld auf 200 Euro erhöhen200 Euro Kindergeld versprach die FDP vor der Bundestagswahl 2009. Die Koalition mit der CDU einigte sich sogar auf diese Erhöhung – geschehen ist seit dem nichts: Der Kindergeld-Satz liegt derzeit bei 184 Euro für das erste und zweite Kind, sowie 190 Euro für das dritte Kind. Laut einem Bericht der Bild-Zeitung von November 2012 können Eltern immerhin auf eine Erhöhung von zwei Euro bis spätestens 2014 rechnen. Quelle: AP
2009: CDU will Eingangssteuersatz senkenZum Jahresbeginn2013 dürfen sich die Steuerzahler über eine Erleichterungen freuen. Der Grundfreibetrag steigt ab jetzt schrittweise bis 2014 von 8.004 auf 8.354 Euro. Der Eingangssteuersatz bleibt jedoch gleich. Dabei hatte die CDU im Wahlkampf 2009 versprochen, ihn in zwei Schritten von 14 auf zwölf Prozent zu senken. Quelle: dpa

Wie in den ersten Wahlsager-Beiträgen gezeigt, veröffentlichen Institute nicht die erhobenen Rohdaten, sondern gewichten diese zunächst nach geheimer Methode. Das bietet Spielraum für Ergebniskosmetik. Die in den Umfragen erhobenen Rohdaten, welche die Forschungsgruppe Wahlen mit ihren Umfragen veröffentlicht, zeigen, wie groß dieser Spielraum ist. Aus ihren Erfahrungen wissen die Institute jedoch, dass das tatsächliche Wahlverhalten ziemlich stabil ist. Sie glätten deshalb die Ausschläge. Die Frage ist bloß, wie stark. Gibt es wirklich ein bestimmtes Institut, das die Ausschläge seltener korrigiert und so besonders häufig dramatische Bewegungen verzeichnet?

Da es an realen Vergleichswerten zur Überprüfung der Daten mangelt (schließlich findet nicht jeden Sonntag eine Bundestagswahl statt),  bleibt nur die Möglichkeit, die Werte der Institute untereinander zu vergleichen. Das sagt zwar nichts über die Realitätsnähe von Umfragen, aber etwas darüber, welches Institut besonders oft ausschert.

Um dies herauszufinden werden die Institute, die in gleichen Abständen Befragungen durchführen, verglichen. Wöchentliche Daten erheben zurzeit Emnid, Forsa und Infratest dimap. Da Infratest dimap seinen Befragungsmodus im Laufe der Wahlperiode verändert – je größer der Abstand zur Wahl, desto seltener wird abgefragt – werden nur die Daten aus dem Jahr 2013 verglichen. Als Indikatoren zum Vergleich eignet sich zunächst (a) die durchschnittliche wöchentliche Veränderung der Werte einer Partei. Je dramatischer die ausfällt, desto eher lässt sich eine gute „Geschichte“ rund um die Werte erzählen („SPD stürzt ab“, „Piraten stürmen ins Parlament“ etc.).

 

Mittlere wöchentliche Veränderung

 

CDU/CSU

SPD

Grüne

FDP

Durchschnitt

Infratest dimap

0,78

1

0,74

0,26

0,7

Emnid

1

0,61

0,56

0,48

0,66

Forsa

0,96

0,65

0,87

0,52

0,75

Die Institute unterscheiden sich in dieser Hinsicht jedoch kaum. Für die vier etablierten Parteien CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP erzielt Forsa zwar mit 0,75 Prozentpunkten die größte durchschnittliche Veränderungsrate. Infratest dimap (0,7) und Emnid (0,67) liegen jedoch nicht wirklich weit zurück.

Auch ein Vergleich  für die einzelnen Parteien ergibt kein klares Bild. Bei der CDU weist Emnid mit einer Veränderungsrate von einem Prozentpunkt die größte Dynamik auf, bei der SPD liegt Infratest dimap vorne (1 Prozentpunkt), bei den Grünen (0,87) und der FDP (0,52) Forsa.  

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