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Wahlsager

Wie der Wahl-O-Mat die Wahl beeinflusst

Konrad Fischer Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Konrad Fischer Redakteur Blickpunkte

Jeder zehnte Wähler nutzt das Tool vor seiner Stimmabgabe. Damit hat es erheblichen Einfluss auf die Stimmverteilung zwischen den Parteien – vor allem bei der Mobilisierung der Stammwähler. Wem das nützt.

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Es ist wohl die ehrlichste Art, seine Wahlentscheidung zu treffen: Einmal durch die Fragen im Wahl-O-Mat der  Bundeszentrale für politische Bildung klicken, die Partei mit der größten Trefferquote auswählen, Kreuzchen machen, gut ist es. Aber wer macht das wirklich? Erstaunlich viele. Vor der Bundestagswahl 2009 haben fast sieben Millionen Menschen den Wahl-O-Mat genutzt, dieses Mal dürften es noch deutlich mehr werden. Dabei ist das Tool nicht nur gute Unterhaltung, sondern hat auch für die Wahlentscheidung eine große Bedeutung. Ja, inzwischen lässt sich sogar nachweisen, dass der Wahl-O-Mat einigen Parteien tatsächlich zusätzliche Stimmen bringt. Das geht aus den Zahlen der German Longitudinal Election Study (GLES) hervor.

Erfunden wurden Online-Wahlhilfen in den Niederlanden, wo es inzwischen knapp 40 Prozent der Wahlberechtigten nutzen. Als die Bundeszentrale für politische Bildung das Instrument in Deutschland einführte, war das erklärte Ziel, damit die Wahlbeteiligung unter jungen Menschen zu erhöhen. Die hatten sich in Umfragen oft beklagt, dass sie gar nicht wüssten, wofür die einzelnen Parteien eigentlich stünden. Offenbar hält das viele von der Wahl ab. Diese Lücke sollte die Konfrontation mit den konkreten Positionen der Parteien lösen. Zumindest zum Teil scheint der Wahlautomat das zu leisten. Gleichzeitig geht aus den GLES-Daten allerdings hervor, dass den Test vor allem die Wähler nutzen, bei denen die Wahrscheinlichkeit der Wahlbeteiligung ohnehin besonders groß ist: Junge, gut Gebildete und politisch Interessierte.

60 Prozent der Testnutzer waren bei der vergangenen Wahl unter 40 Jahre alt, in der Gesamtbevölkerung liegt dieser Anteil nur bei 36 Prozent.  Nur etwa 10 Prozent der Nutzer haben ein geringes politisches Interesse. Die meisten Nutzer des Wahlautomaten (90 Prozent) haben sich zudem bereits vorher dazu entschlossen, wählen zu gehen. Als Grund für die Nutzung geben 56 Prozent der politisch Interessierten an, dass sie ihren Standpunkt überprüfen wollten. Bei den Politikfernen hingegen überwiegt der Wunsch, überhaupt eine passende Partei zu finden: 50 Prozent dieser Teilnehmer gaben 2009 an, dass sie nach Rat bei der Wahlentscheidung suchten.

Nach dem Selbsttest fühlen sich die meisten Wähler bestätigt: Zwei Drittel der Nutzer gaben an, das Ergebnis habe ihren Erwartungen entsprochen. Besonders in diesem Fall hat der Wahlautomat dann auch Auswirkungen auf das Wahlverhalten. So gaben insgesamt 81 Prozent der Befragten an, zur Wahl gehen zu wollen. Bei den Nutzern des Tests, die vom Ergebnis überrascht waren, lag der Anteil bei 85 Prozent, bei denen, die sich bestätigt fühlten, sogar bei 91 Prozent.

Mobilisierende Wirkung auf Parteianhänger

Diese Zahlen alleine verleiten jedoch dazu, die Bedeutung des Wahlautomaten zu überschätzen. Denn die Unterschiede werden ganz stark davon überlagert, dass der Test in erster Linie von politisch Interessierten ausgefüllt wird. Doch selbst wenn man das beachtet hat der Wahl-O-Mat dennoch eine mobilisierende Wirkung, die über den Effekt von politischem Interesse, Bildung oder Alter hinausgeht. Er kann also offensichtlich bei der Mobilisierung der Parteianhänger helfen. Insgesamt ist bei Parteianhängern, die den Selbsttest nutzen und sich vom Ergebnis bestätigt sehen, die Wahrscheinlichkeit um bis zu zehn Prozent höher, die Stimme auch tatsächlich für die Partei abzugeben. Widerspricht das Wahl-O-Mat Ergebnis dagegen den eigenen Erwartungen, lassen sich nur sehr wenige Wähler davon überzeugen – der Wahl-O-Mat kann also bestehende Wahlabsichten verstärken, aber kaum umstimmen.

Das bedeutet: Wenn eine Partei ohne Wahl-O-Mat 20 Prozent der Stimmen erhält, könnte sie diesen Anteil auf maximal 22 Prozent steigern – wenn alle Anhänger den Selbsttest nutzen und sich von diesem bestätigt fühlen. Zugegeben: Das sind eine ganze Menge Randbedingungen. Für ein kleines Online-Tool ist es dennoch erstaunlich viel, verglichen mit der nicht nachweisbaren Wirkung von lastwagenweise Kugelschreibern.

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Dabei gibt es zudem Unterschiede zwischen den Parteien. Besonders beliebt war der Wahl-O-Mat  2009 offenbar bei den Anhängern der Grünen. In der GLES-Befragung gaben 23 Prozent der Grünen-Sympathisanten an, das Instrument genutzt zu haben. Bei der FDP waren es immerhin 17 Prozent bei CDU und SPD hingegen weniger als zehn Prozent. Das heißt jedoch keineswegs, dass die Grünen auch an meisten von der Existenz des Wahl-O-Mat profitierten. Denn bei Ihnen ist zugleich die Quote derjenigen, die sich durch den Test bestätigt fühlen, recht gering. Nur 70 Prozent der Grünen-Wähler geben an, dass das Ergebnis Ihrer Erwartung entsprach. Nur bei der Linken waren es noch weniger (65 Prozent), bei der CDU hingegen waren 81 Prozent und bei der SPD sogar 87 Prozent. Dennoch  dürfte ein leichter Vorteil für die Grünen geblieben sein. Auch die FDP, die eine recht hohe Beteiligungsquote mit einer ausgezeichneten Übereinstimmungsquote (86 Prozent) verbindet, gewinnt einige Stimmen durch den Wahl-O-Mat. Als Verlierer steht hingegen die Linke dar: Ein leicht überdurchschnittlicher Anteil der Sympathisanten (14 Prozent) beteiligt sich zwar an dem Test. Zugleich merken besonders viele Linken-Sympathisanten dabei, dass die Forderungen der Partei gar nicht zu ihren persönlichen Einstellungen passen.

Die Beliebtheit des Wahl-O-Mat hat inzwischen einen kleinen Markt entstehen lassen. Neben dem Vorreiter gibt es inzwischen einige weitere Online-Wahlhilfen. Dazu zählen der „Bundeswahlkompass“, der an die erfolgreichste niederländische Wahlhilfe angelehnt ist oder das „Parteinavi“. Beide Tools bieten dem Nutzer graphische Darstellungsformen der Ergebnisse, die über die reine Zahl übereinstimmender Aussagen hinausgeht.

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