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Was ist liberal? Zweifelhafter Weckruf

Ob Hayek-Gesellschaft oder AfD - wo sich Wirtschaftsliberale tummeln, taucht auch eine diffuse Protestbewegung auf. Warum eigentlich?

Friedrich August von Hayek Quelle: imago images

Da wird der Gründer der AfD auf deren Parteitag von einem rechten Pöbel mit Rufen wie „Lucke raus“ niedergeschrien und eine tumultuöse Mitgliederversammlung der bislang als bürgerlich wohlanständig geltenden Hayek-Gesellschaft stürzt ihre langjährige Vorsitzende, Karen Horn, weil diese in einem Zeitungsartikel eine rechte Unterwanderung liberaler Aktivitäten als Gefahr bezeichnete.

Da sie in diesem Artikel die Hayek-Gesellschaft gar nicht erwähnte, hat sie auch nicht gefragt, wie notorisch Rechtslastige überhaupt Mitglieder einer solchen Vereinigung von Wissenschaftlern und Publizisten werden konnten, die den einflussreichsten liberalen Theoretiker des vergangen Jahrhunderts zu ihrem Namenspatron gewählt hat.

Zur Person


Ebenso wie um Stil und gute Sitten geht es dabei um die Wiederkehr alter unerfreulicher Bekannter. Dass etwa Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Antiliberalismus, um nur einige der miteinander verwandten Antiaffekte zu nennen, nicht nur auf der linken Seite des politischen Spektrums zu finden sind, war längst bekannt, doch hat man die Konvergenz der Extreme meist ignoriert.

Die neue Radikalisierung

Spätestens Alexis Tsipras‘ Auftritt vor dem Europaparlament, wo er von den Flügeln beklatscht und von den Abgeordneten der Mitte ausgebuht wurde, erinnerte aber nun daran, dass die Europakritik der Linken inzwischen so wie die der Rechten klingt, dass Putins Autoritarismus bei beiden Verständnis wenn nicht gar Sympathie findet, dass sie wirtschaftliche Entwicklungen stets als das Ergebnis von Verschwörungen verstehen und schließlich, dass alle ebenso verächtlich vom System, von der Politik und von der Presse sprechen. Dass sie all das jeweils aus ganz verschiedenen Motiven tun, bietet keinen Trost.

Diese Ökonomen haben unsere Welt geprägt
Korekiyo Takahashi Quelle: Creative Commons
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Dabei sah es lange so aus, als sei der Zangengriff einer Radikalisierung von beiden Rändern her in der Bundesrepublik nicht zu befürchten. Union und SPD sogen die zunächst noch vorhandenen kleinen Konkurrenten auf und ließen jeweils links oder rechts von sich nichts wachsen, während die FDP als der geborene Juniorpartner den jeweiligen Kanzler vor seiner eigenen Partei schützte.

Dieser konnte behaupten, nur der Koalitionspartner hindere ihn daran, Parteitagsbeschlüsse umzusetzen. Jedenfalls drängten alle in die Mitte und die rechten und linken Ränder blieben unbesetzt, weil solche Positionen gründlich diskreditiert waren und weil die Orientierung an stetiger Mehrung des Wohlstandes und politischer Mäßigung dem Lebensgefühl einer Gesellschaft entsprach, die nun im Westen angekommen war. Die 68er und die Grünen lebten als Luxusprodukt von der demonstrativen Distanz zu dieser Mitte.

Doch was vordergründig als Vierparteiensystem erschien, erwies sich als Herausbildung zweier Lager. Linksliberal-emanzipatorische Positionen waren nun von den fest im linken Lager verankerten Grünen besetzt, weshalb die FDP keinen Spielraum mehr hatte.

Produktive Zerstörung

Alles änderte sich jedoch, als die Folgen der Wiedervereinigung sich mit der Wahrnehmung der Europapolitik verknüpften. Während die Bonner Republik entscheidend dadurch geprägt war, dass Sozialisten, Liberale und katholische Parteien - die sogenannte Weimarer Minderheit - nun bestimmend wurden, so veränderte die Wiedervereinigung auch die Parteienstruktur.

Es gab wieder eine orthodoxe Linke, FDP-Wähler waren in der Sozialstruktur der ehemaligen DDR nicht vorgesehen, weshalb die Partei andauernd in den Abgrund der Sperrklausel blickte und die Union, von allen noch in der komfortabelsten Lage, hat darauf keineswegs mit einer Betonung ihrer marktwirtschaftlichen Tradition reagiert.

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa


Hinzu kamen die problematischen sozioökonomischen und kulturellen Kontinuitäten des Ostens. Besonders im Nordosten fehlte ein starker Mittelstand ebenso wie selbständige Bauern. Die Landarbeiter jedoch waren gegenüber dem Herrn Baron, dem Genossen LPG-Direktor und dem holländischen Agro-Unternehmer in der gleichen Lage, nur dass der letztere sie kaum noch benötigt. Als ähnlich langlebig erweisen sich Ideen, bei deren Propagierung die DDR sich auf den Gleisen weiterbewegte, die von früheren Volksgenossen gelegt wurden.

Gemeinschaft und Solidarität als Bemäntelung des allumfassenden Staates, von dem tatsächlich auch alles erwartet wird. Außerdem finden sich die bekannten Gegenbilder, also Amerika, der Westen, der Kapitalismus und eine Prise Antisemitismus in der zugelassenen Form der Abneigung gegen Israel. Schließlich ist da noch der früher unter dem Deckel gehaltene Nationalismus, der im Westen stärker tabuisiert ist, sich im Osten aber leicht mit dem larmoyanten Populismus der Deklassierten verbindet: Wir sind das Volk und keiner beachtet uns.

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Doch als die europäischen Regeln unentwegt gebeugt wurden und keine Partei gegen eine Politik opponierte, die auf ein „Koste es was es wolle“ hinauszulaufen schien und eine tiefe Kluft zwischen den politischen Eliten und der Öffentlichen Meinung entstand, machte sich dieses Ressentiment auch im Westen bemerkbar . Die AfD war der gesamtdeutsche Versuch, europapolitische Opposition mit rechtem Populismus zu verbinden.

Das Misslingen könnte sich als produktive Zerstörung erweisen, denn die europäische Krise wie die große Koalition bieten reichlich Raum für liberale Politik und verlangen geradezu nach Ideen, wie man sie beispielsweise von der Hayek-Gesellschaft erwartet hat. Beides gelingt umso besser, je unabhängiger von anderen Ideologien der Liberalismus auch unter den gegenwärtigen Bedingungen sein Ziel betont, die Eigenständigkeit des Einzelnen zu stärken und Bevormundung abzuwehren.

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