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Welternährung Brot für den Tank

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Der fruehere Quelle: AP

Das Biodrama hat dabei gerade erst begonnen. Bis 2022 will die US-Regierung die Produktion von Biosprit auf 36 Milliarden Gallonen (rund 136 Milliarden Liter) steigern. So hat es Präsident George W. Bush 2007 im "Energy Independence and Security Act" festgelegt, und so hat es jüngst Präsidenten Barack Obama bekräftigt. Die dafür erforderliche Ackerfläche entspricht dem doppelten Anbauareal Deutschlands.

Die Europäer wollen die Beimischung von Biokraftstoff bis zum Jahr 2020 auf zehn Prozent im Transportsektor verdoppeln. Brasilien peilt sogar mehr als 50 Prozent Biosprit an. Und auch aufstrebende Schwellenländer wie China und Indien wollen, schon um ihre Abhängigkeit vom Erdöl zu reduzieren, Bioenergie fördern.

Der Kampf um die Scholle nimmt weltweit an Härte zu. Der schöne Traum vom ökologisch korrekten Essen, der sauberen Energie und von der Rettung des Weltklimas – endet er womöglich in einem schrecklichen Erwachen?

Klimaschützer Albert "Al" Gore, einst Amerikas Vizepräsident unter Bill Clinton und im Jahr 2007 wegen seines Umweltengagements mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, war einst leidenschaftlicher Befürworter von Bioethanol und zählt mittlerweile zu dessen bekanntesten Kritikern. Er bedauere seine damalige Unterstützung für Biosprit aus Getreide, sagte Gore auf einer Umweltkonferenz Ende vergangenen Jahres in den USA. "Biosprit trägt wenig bis gar nichts zu einer besseren Ökobilanz bei", so Gore.

Vernichtendes Urteil

Für die Produktion von Maisbenzin sei mehr Energie aus herkömmlichen fossilen Rohstoffen wie Öl oder Gas notwendig, als am Ende Energie in der produzierten Gallone Biosprit stecke, urteilt David Pimentel, Wissenschaftler von der Cornell-Universität und Hauptautor der Studie "Food Versus Biofuels: Environmental and Economic Costs". Das liegt beispielsweise daran, dass Mais den Boden auslaugt und deshalb große Mengen Stickstoff- und Phosphatdünger eingesetzt werden. Pimentels Verdikt: "Die Produktion von Ethanol aus Mais ist aus ökologischer Sicht völlig ineffizient." Ökonomisch auch: Jährlich pumpt die US-Regierung Subventionen in Höhe von zwölf Milliarden Dollar oder umgerechnet neun Milliarden Euro in die Biosprit-Branche. Dabei ersetzt das "grüne Erdöl", so der Euphemismus der Ethanol-Enthusiasten, in den USA gerade einmal 1,4 Prozent des Ölverbrauchs.

Auch diesseits des Atlantiks fällt das wissenschaftliche Urteil vernichtend aus. Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) kommt zu dem Ergebnis: Wegen der geringen Energieproduktivität pro Fläche bringe Biosprit "nur begrenzte Einsparungen bei den Klimaemissionen", treibe aber die Bodenpreise hoch und verteuere die Lebensmittel. Die noch ungewissen Klimafolgen der Stickoxyd-Emissionen, die bei der Düngung frei werden, "könnten den Klimaschutzbeitrag noch weiter verringern". Konsequenz müsste deshalb "die stufenweise Zurücknahme der Biokraftstoffquote bis zu ihrer völligen Abschaffung sein", schlussfolgert das TAB.

Autofahren wird wieder teurer

Die Bundesregierung müsste deshalb in Brüssel intervenieren, wo der EU-Ministerrat nach Vorlage durch die Kommission und Abstimmung im Europaparlament eine Ausweitung der Beimischung beschlossen hatte. Das wird nicht einfach. Europapolitik ist wie ein Supertanker, der einen langen Bremsweg hat und noch länger braucht, um die einmal eingeschlagene Richtung zu korrigieren. Skeptisch ist das TAB auch, weil die Wende zurück "auf den Widerstand der europäischen Biokraftstoffindustrie stoßen würde". Die hat sich inzwischen gut an die Subventionen gewöhnt – und die Erneuerbare-Energie-Verbände gehören zu den aggressivsten unter den Lobbygruppen, die Berlin und Brüssel aufzubieten haben.

Deutschland pflegt deshalb den Biosprit-Hype vorerst weiter. Der jüngste Dreh heißt E10. Millionen Halter von älteren Fahrzeugen befürchten nun Motorschäden, da das dem Benzin zu zehn Prozent beigemischte Ethanol Leitungen und Dichtungen angreifen kann. Dafür kommen sie mit der gleichen Menge Sprit nicht mehr so weit. Der Wirkungsgrad von E10-Benzin liegt um ein bis zwei Prozent unter dem bisher mit fünf Prozent Ethanol angereicherten Kraftstoff.

Für die Bundesbürger wird Autofahren damit wieder einmal teurer. Dieselfahrer wurden schon zwangsbeglückt mit einer Beimischungsquote von sieben Prozent Biodiesel, der meist aus Raps gewonnen wird. Rund vier Milliarden Euro hat die grüne Beimischungspflicht die Autofahrer seit 2007 gekostet, schätzt der Mineralölverband. Der Umwelt nützt das nicht, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) spricht von einer ökologischen „Mogelpackung“. Die Ausweitung der Ethanolproduktion aus Weizen, Zuckerrüben oder Mais könne im Vergleich zu fossilem Kraftstoff „sogar höhere Kohlendioxyd-Emissionen verursachen“, kritisiert der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger.

Doch was soll’s? Nicht Brot für die Welt, sondern Brot für den Tank – so lautet das Credo des grünen Zeitgeistes.

Die Ökobewegung belastet die angespannte Welternährungslage noch auf andere Weise: Denn kommen die Eier von frei laufenden Hennen, wird der Acker nicht mit mineralischem Dünger bestreut, werden Weizen, Äpfel und Schwarzwurzeln nicht chemisch vor Ungeziefer geschützt, stammen Rinderfilets und Lammrippchen von Tieren, die großzügigen Auslauf genießen – dann entspricht dies alles zwar dem Bedürfnis der Verbraucher in gesättigten Volkswirtschaften. Aber es kostet Ertrag und Fläche.

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