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Welternährung Brot für den Tank

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Kartoffeln der umstrittenen Quelle: dapd

Nach einer Auswertung des Bundes- landwirtschaftsministeriums erwirtschafteten Betriebe des ökologischen Landbaus 2008/09 Weizenerträge von 31 Doppelzentnern pro Hektar, konventionell bewirtschaftete Höfe kamen auf 70 Doppelzentner. Bei Kartoffeln war das Verhältnis 240 zu 389 Doppelzentner, der Viehbesatz war um 20 Prozent geringer, die Milchleistung um zehn Prozent niedriger. Die Verkaufspreise für Ökoprodukte waren dagegen bei Kartoffeln mehr als dreimal so hoch wie bei konventionellen Knollen, bei Weizen fast dreimal so hoch und bei Milch immerhin um ein Drittel höher .

Die Nachfrage nach teurer Ökoware ist bei kaufkräftigen Bundesbürgern riesig. Die entsprechende Anbaufläche in Deutschland wächst stetig und hat 2010 die Grenze von einer Million Hektar überschritten. Selbst in China, Kenia und Peru wachsen Ökobohnen, Ökoknoblauch und Ökobananen, auch die Erzeuger dieser Länder profitieren von unserer Sehnsucht nach unbeschwertem Genuss und ruhigem Gewissen.

Doch damit nicht genug. Für das ärmste Drittel der Weltbevölkerung kommt noch ein drittes Wohlstandsproblem hinzu. In den aufstrebenden Schwellenländern steigt der Fleischkonsum rasant. Der Pro-Kopf-Verbrauch der 1,3 Milliarden Chinesen nimmt seit Jahren kontinuierlich um jeweils ein Kilogramm zu, und mit zuletzt 53 Kilogramm ist noch lange nicht Schluss, setzt man den Fleischverbrauch der Deutschen (87 Kilogramm) oder Amerikaner (123 Kilogramm) als Maßstab. Das Problem dabei: Für ein Kilo Schweinefleisch werden drei Kilo Futter benötigt, für ein Kilo Rindfleisch sogar sieben Kilo. Das, so warnt die Welthungerhilfe, „trägt zur Verknappung und damit zur Verteuerung von Getreide bei“.

Weltweit schrumpft die Ackerfläche

Biosprit, Biofood und hoher Fleischverbrauch bilden die neuen Geißeln für die Hungerländer, vergleichbar den biblischen Plagen Heuschrecken, Hagel oder Stechmücken.

Dabei bräuchte die wachsende Erdbevölkerung – Mitte 2011 dürfte die Zahl von sieben Milliarden Menschen überschritten werden – dringend mehr Nahrungsmittel und eine Strategie zur Steigerung der Flächenerträge. Denn zu allem Überdruss verringern sich die Ertragszuwächse. Die grüne Revolution der Sechzigerjahre, in der neu gezüchtete Weizen- und Reissorten, ein verstärkter Maschineneinsatz und verbesserte Schädlingsbekämpfung die Produktivität stark steigen ließen, ist verebbt. Nötig und möglich wäre eine "zweite grüne Revolution – unter Einbezug der Biotechnologie", sagt Sandra Peterson, Vorstandsvorsitzende der Bayer CropScience. Doch gerade die Gentechnik als Teil der Biotechnologie wird von Ökobewegten stark bekämpft.

Derweil schrumpft die Ackerfläche je Mensch. Standen im Jahr 1960 im statistischen Durchschnitt noch 4300 Quadratmeter für jeden Esser zur Verfügung und waren es 2005 noch 2200 Quadratmeter, so soll die Anbaufläche bis 2030, wenn es voraussichtlich mehr als acht Milliarden Menschen gibt, auf 1800 Quadratmeter sinken. Und das ist noch geschönt, weil Tank, Trog und Bioteller ihren Anteil vom Acker fordern.

Der Klimawandel ist dabei nicht einmal berücksichtigt. Steigende Temperaturen beeinträchtigen die Landbewirtschaftung vor allem in den Entwicklungsländern, prognostiziert die FAO. Günstigere Anbaubedingungen, die der Klimawandel etwa in Russland oder Kanada schaffen könnte, dürften die Verluste kaum ausgleichen.

"Das Ernährungssystem kommt an seine Grenze"

"Das Ernährungssystem kommt an seine Grenze", sagt Stefan Schmitz, Referatsleiter für Ländliche Entwicklung und Welternährung im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Politik muss ihre Prioritäten neu ordnen. Bundesernährungsministerin Aigner stellt klar: "Der Anbau von Nahrungsmitteln muss Vorrang vor dem Anbau von Energiepflanzen haben".

Aigner ist sich mit ihrem Kollegen aus dem Entwicklungshilferessort Dirk Niebel einig, dass die Nahrungsmittelproduktion vor allem in der Dritten Welt angekurbelt werden muss. Deutsche Hilfen sollen nicht länger aus barem Geld bestehen, das oft in die Taschen der Herrscherfamilien geflossen ist. Niebel spricht von "ungenutzten Potenzialen, die Produktivität in der Landwirtschaft zu steigern".

Da hat der Minister recht. Simbabwe zum Beispiel war einst als Südrhodesien die Kornkammer des britischen Empire, doch Diktator Robert Mugabe hat das Land im südlichen Afrika zum Hungergebiet heruntergewirtschaftet. Nicht nur die Erträge sind in vielen Ländern mies. Schlechte Vorratslager und mangelnde Rattenbekämpfung, fehlende Transport- und Verarbeitungskapazitäten führen zu unfassbaren Nachernteverlusten von oft 30 bis 70 Prozent.

Die Bekämpfung der Missstände wäre die beste Hilfe. Doch sie braucht neben Investitionen und stabilen politischen Rahmenbedingungen viel Zeit.

Das aber verhindert der grüne Zeitgeist. Der Biorausch hat eine verheerende Hungerspirale in Bewegung gesetzt, die am Ende arme Bauern ihr knappes Saatgut verzehren lässt. Wer aber heute hungert, denkt nicht an Investitionen für morgen.

Der rasante Preisanstieg schafft noch ein weiteres Problem: Land grabbing, die Inbesitznahme großer Landflächen durch ausländische Konzerne, die die -heimischen Bauern vertreiben und dann Rohstoffe für den lukrativen Biospritmarkt in Europa und Amerika anbauen.

Viel Zeit bleibt nicht, um das Unheil abzuwenden. "In spätestens drei Jahren", befürchtet der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Hans Heinrich Driftmann, "könnten wir eine globale Hungerkatastrophe erleben". 

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