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Weniger Zeit-, mehr Kurzarbeit Flaute am Arbeitsmarkt kostet erste Jobs

Die Flaute am Arbeitsmarkt kostet erste Jobs: Weniger Zeit-, mehr Kurzarbeit Quelle: imago images

Die Vorzeichen am Arbeitsmarkt sind deutlich zu erkennen: Es gibt weniger Zeit- und mehr Kurzarbeit. Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft kippt.

Das Ende des deutschen Langzeitbooms schlägt auf die Zeitarbeitsbranche durch und hinterlässt auch regional erste Bremsspuren. „Die Abkühlung der Konjunktur macht sich bei uns ganz klar bemerkbar“, heißt es bei Randstad. Deutschlands größtes Zeitarbeitsunternehmen spürt den Rückgang vor allem dort, wo traditionell die Automobilindustrie angesiedelt ist – vornehmlich im Süden Deutschlands. Sowohl bei den Herstellern als auch den Zulieferbetrieben würden weniger Zeitarbeitnehmer eingesetzt.

Den Abschwung in der Zeitarbeiterbranche, deren Geschäft generell als Frühindikator gilt, belegen auch Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA). Von Januar bis April sanken die Beschäftigtenzahlen der Personalverleiher im Schnitt um zehn Prozent pro Monat. Im April weist die Statistik noch 752.000 Beschäftigte aus, 88.000 weniger als im Vorjahresmonat. Der Anteil an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten lag im April 2019 bei 2,3 Prozent, im Vorjahresmonat waren es noch 2,6 Prozent.

„Die aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass sich die konjunkturelle Eintrübung auch am deutschen Arbeitsmarkt bemerkbar macht“, kommentiert Sebastian Lazay, Präsident des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP). Wie viele andere Branchen seien auch die Personaldienstleister von dieser Entwicklung betroffen, „wobei wir als Frühindikator schon seit längerem rückläufige Zahlen bei den Beschäftigten in unserer Branche feststellen mussten“. Demnach sei es besonders für Hartz IV-Empfänger schwieriger geworden, einen Job zu finden. „Die Zeitarbeit war natürlich immer ein Arbeitgeber, der auch Menschen aufgenommen hat, die es nicht so einfach haben und die vielleicht keine Ausbildung haben“, betont Scheele.

Umso ärgerlicher sei es, dass die Politik die guten Zeiten nicht genutzt habe, um für diesen Fall vorzusorgen. „Statt also die Zeitarbeitsbranche gesetzlich immer weiter zu regulieren, sollte sie von der Politik als strategisch wichtiger Partner des deutschen Arbeitsmarktes anerkannt werden. Nur so kann sie auch in konjunkturell raueren Zeiten ihre Kernkompetenz ausüben, nämlich sowohl für gut- als auch für weniger qualifizierte Menschen einen passenden Arbeitsplatz zu finden,“ fordert der Verbandschef.

Weitere Auswertungen der BA zeigen darüber hinaus, wo sich die Konjunkturflaute regional auf den Arbeitsmarkt auswirkt. In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen verzeichnete die BA in den Monaten Februar bis April 2019 bereits einen leicht sinkenden Bestand von sozialversicherungspflichtigen Jobs, insgesamt gab es ein Minus von rund 5000. In Bremen, im Saarland, in Sachsen-Anhalt und Brandenburg wiederum gab es in diesen drei Monaten unterm Strich keinen Aufbau mehr. Selbst in wirtschaftlich starken Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg schwächt sich die Dynamik laut der neuen BA-Daten mittlerweile stark ab. Das Jobwachstum fällt dort deutlich schwächer aus als noch 2018.

Das schlechte Wirtschaftsklima setzt die Industrie in Alarmbereitschaft, sie rechnet mit einem Anstieg der Kurzarbeit. So sollen 8,5 Prozent der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe Kurzarbeit in den kommenden drei Monaten erwarten, geht aus der jüngsten Umfrage des Münchner Ifo-Instituts hervor. Das wäre dann der höchste Wert seit Anfang 2013. Vor einem Jahr waren es noch 2,6 Prozent.

Die deutsche Industrie befinde sich seit Mitte vergangenen Jahres in einer Rezession. „Kurzarbeit ist ein Mittel der Wahl, wenn Unternehmen trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten ihre Fachkräfte halten wollen“, sagte Timo Wollmershäuser, Leiter der Ifo-Konjunkturprognosen.

Der Ifo-Umfrage zufolge fahren derzeit bereits 3,8 Prozent der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe Kurzarbeit. Das ist der höchste Wert seit Mitte 2013. Auf seinem letzten Tiefstand Ende 2017 hatte der Anteil nur 0,4 Prozent betragen. Seitdem steigt er fast kontinuierlich an.

Schon vor zwei Wochen hatte das Ifo-Institut sein Barometer für das Geschäftsklima veröffentlicht. Im Juni war es auf 97,4 Punkte von 97,9 Zählern gefallen. Es war der dritte Rückgang in Folge und zugleich der niedrigste Wert seit November 2014. Laut Ifo ist der Handelskonflikt zwischen den USA und China der größte Unsicherheitsfaktor. „Gesamtwirtschaftlich erwarten wir aber keine Rezession“, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Die schrumpfende Industrie ziehe die Stimmung nach unten, doch Handel, Dienstleister und Bau seien „noch immer sehr gut aufgestellt“.

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