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Werner knallhart

Ätsch! Der echte Berliner ist ab jetzt der zugezogene

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Der Zugezogene ist jetzt das Original

Warum gilt auf regionaler Ebene als auf goldige Weise unverbesserlich folkloristisch, was auf nationaler Ebene fremdenfeindlich ist?

Es gibt nicht wenige Experten, die damit rechnen, dass in der zunehmend globalisierten Welt die Bedeutung von Nationalstaaten und Ländern mittelfristig abnehmen wird. Die Bedeutung von Regionen als kulturelle und wirtschaftliche Einheiten wird dafür zunehmen. Außerdem zieht es schon jetzt die Menschen vom Land in die Städte. Unsere traditionelle Zugezogenen-Feindlichkeit ist da nicht nur peinlich, sondern schädlich.

Erprobte Metropolisten wie die New Yorker können über das typisch deutsche Ausgrenzen Zugezogener aus Tradition denn auch nur mitleidig lächeln.

Die unbeliebtesten Großstädte Deutschlands
Bremen Quelle: DPA
Hamburg Quelle: DPA
Köln Quelle: DPA
Dortmund Quelle: dpa
Essen Quelle: DPA
Platz 5: Frankfurt am MainNoch unbeliebter ist Frankfurt am Main, die größte Stadt in Hessen. Fast 8,5 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, hier am wenigsten gerne leben zu wollen. Unter den 45 bis 54-Jährigen geben sogar 11 Prozent an, Frankfurt als Wohnort meiden zu wollen. In der Altersgruppe der 35 bis 44-Jährigen haben dagegen nur fünf Prozent etwas gegen die Stadt einzuwenden. Quelle: DPA
Platz 4: MünchenBei der Millionenstadt München sind sich die Studienteilnehmer erneut nicht einig: Unter den attraktivsten Städten ist München ganz weit oben vertreten (Platz 2), doch auch bei den unbeliebten Städten landet die Stadt im Freistaat Bayern unter den Top 5 auf Platz vier. Fast neun Prozent der Befragten gaben an, hier "am wenigsten gerne" leben zu wollen. Quelle: Dpa

So kann das nicht weitergehen. Nehmen wir als Paradebeispiel Berlin. Seit etwa zwei Jahren sind laut Statistik die zugezogenen Berliner den gebürtigen Berlinern zahlenmäßig überlegen. Ein Großteil kommt übrigens aus Ost- und Norddeutschland.

Und in einer Demokratie ist 50 Prozent+ eine durchaus relevante Größe. Theoretisch könnten die Zugezogenen Politik allein für Zugezogene machen. Da sollte jeder gebürtige Berliner den Ball schön flach halten und jeden Zugezogenen, der sich einfach als Berliner ohne Vorzeichen zieht, mit Liebe und Zuneigung begegnen.

Die Zugezogenen geben der Stadt zur Hälfte das Gesicht, das die Welt so liebt. Viele Zugezogene kommen in die Stadt wegen des Jobs und zahlen dort ihre Steuern. Viele gebürtige Berliner profitieren davon. Wie traurig stünde Berlin da ohne die neuen Berliner? So gesehen ist dieses „Du bist kein Berliner“ ja regelrecht undankbar.

Der typische Deutsche hat heute ein Mobiltelefon. Auch wenn das vor 20 Jahren noch nicht so war. Und der typische Berliner ist heute zugezogen. Auch wenn das vor zehn Jahren noch nicht so war. Sorry, Ur-Berliner, der Zugezogene ist jetzt das Original.

Und das ist nicht nur eine Floskel. In Kreisen der Tech-Start-ups über die Clubszene, die Medien bis hin zur Gastronomie – also in den Bereichen, in denen Berlin weltweit ganz vorne mitspielt – geht man automatisch davon aus, dass Berliner ein Vorleben in einer anderen Region der Welt haben. Sagt dort jemand: „Ich bin hier geboren“, dann ist das mitunter etwas ganz Besonderes. Und trotzdem ist der gebürtige Berliner natürlich herzlich willkommen. Man ist ja weltoffen.

Das sollte auf Gegenseitigkeit beruhen. Alles andere ist ein Zeichen von schlechtem Selbstwertgefühl. Und nicht zukunftssicher. Ich bin Berliner und auch Nordrhein-Westfale. Und ein bisschen Schleswig-Holsteiner mit einem Hauch Ostfriesland und Baden. Eigentlich ist es mir egal. Aber wenn es schnell gehen muss: „I am from Berlin.“ Das ist eine Tatsache.

Wolfgang Thierse hat damals als Reaktion auf Proteste tausender Zugezogener übrigens alle Schwaben in Berlin ausdrücklich willkommen geheißen. Wie edel von diesem gebürtigen Breslauer - und Berliner. Der Mann hat offenbar verstanden: Weltoffenheit fängt schon beim Bäcker an der Ecke an, wenn man Schrippen, Weckle und Berliner bestellt.

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