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Werner knallhart
Ein Stempelkarussell (Stempelhalter) steht neben einem Stapel Akten auf einem Schreibtisch in einer Behörde. Quelle: dpa

Deutschland braucht den Online-Pranger für Irrsinns-Bürokratie im Job

„Die Regelung ist bescheuert. Aber ist halt so“? Wir dürfen uns den gesunden Menschenverstand nicht schulterzuckend abgewöhnen. Gnadenlos den Finger in die Wunde. Wir brauchen Kanäle, damit wir alle den Regelungs-Stuss aufdecken können.

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In den vergangenen Monaten und Jahren haben wir Deutschen erkannt: Das mit unserer Organisations-Effizienz – das war mal. Masken und Impfstoff: Hammwa nicht da, kriegen wa auch so schnell nichts rein.

Luftfilter für Schulen: Da sagen Behörden zu Eltern, die die Geräte aus eigener Tasche bezahlen wollen: Können Sie gerne machen, wenn Sie die Schäden tragen, sollte so eine Maschine anfangen zu brennen.

Junge Leute dürfen aus Müllcontainern auf Supermarkt-Parkplätzen keine weggeworfenen Lebensmittel retten, weil der Supermarkt-Inhaber ja trotzdem noch Eigentümer ist. Wer die wirtschaftlich wertlosen Sachen mitnimmt, die zum Vernichten dort rein geschmissen worden sind, begeht Diebstahl. Weil das so geregelt ist. Könnte man ändern. Tut aber keiner.

Radwege enden bündig am Heck parkender Autos, weil ab da eine andere Abteilung oder Behörde zuständig ist.

Kioske ohne Schanklizenz dürfen den Kunden mitunter keinen Flaschenöffner zur Verfügung stellen. Die Leute kriegen dann ihre gekühlte Bierflasche vor Ort nicht auf.

Solche Fälle des Versagens öffentlicher Stellen sorgen immer wieder für nationales Kopfschütteln. Aber es gibt eben auch den Irrsinn im Detail und im Verborgenen. Im Mietshaus, im Arbeitsalltag oder im Zusammenspiel von Kunden und Verkäufern oder Dienstleistern. Wo sich nicht selten beide Seiten an den Kopf fassen. Regelungs-Bullshit fängt schon in unserem direkten Umfeld an. Nicht nur, aber oft genau dort, wo viele Konstellationen unter einen Hut gebracht werden sollen. Regelungswut wegen des Drangs nach Einheitlichkeit.

Eine wahre Geschichte, durch Fakten belegt, aber ein Betroffener will das Unternehmen nicht genannt sehen: Da bittet in einem großen deutschen Unternehmen ein Mitarbeiter darum, in seinem neuen Büro den Info-Monitor an die Wand schrauben zu lassen. Das Facility-Management beauftragt damit eine Fachfirma, die aber erst in vielen Wochen Zeit dafür schaffen kann. In der Zwischenzeit bemerkt der Mitarbeiter, dass der Standort für den Monitor ungünstig gewählt ist, weil an besagte Wand die Sonne scheint, und teilt dem Facility-Management mit: Bitte den Monitor nicht montieren. Ich stelle ihn mit dem Standfuß auf das Sideboard vor die andere Wand.

Zwei Wochen später hängt der Monitor an der falschen Wand. Begründung: Die Fachfirma war beauftragt, dafür fallen unweigerlich Kosten an, also muss die Dienstleistung auch in Anspruch genommen werden. Ergebnis: Zusätzlich zu den Kosten haben sich die Arbeitsbedingungen für den Mitarbeiter verschlechtert. Weil das eben so ist.

Auf die Idee zu diesem Text bin ich letztendlich auf einer Fahrt im ICE vor einigen Tagen gekommen. Da bestelle ich am Fenster des Bordbistros einen Rotwein, um ihn im Restaurant zu trinken, das ohne mich komplett leer gewesen wäre.
Die Angestellte holt das Fläschchen und sagt: „Da kann ich Ihnen aber nur einen kleinen Weinkelch aus Plastik dazu geben.“ Ich sage: „Hä? Wie ich gesehen habe, bekommen die Fahrgäste in der 1. Klasse doch Gläser und Tassen und Teller aus Keramik. Warum bekomme ich Plastik?“
„Wegen Corona.“

Wir schweigen. Ich ganz nachdenklich. Die Frau dann doch: „Fragen Sie mich nicht, was der Unsinn soll. Das hat sich jemand in irgendeinem Büroturm ausgedacht. In der 1. Klasse Gläser, im Restaurant Plastik.“

Von dieser Regel haben mir schon mehrere Bahn-Bedienstete berichtet und die Bahn bestätigt dies offiziell über @DB_Bahn.
„Na gut“, sage ich, „dann eben Plastik. Nicht sehr nachhaltig allerdings.“
„Oh, ich sehe, wir haben keine Plastikkelche mehr.“
Wenn Bürokratie auf Logistikchaos trifft.

„Na, da habe ich ja Glück“, sage ich vergnügt mit einem Anflug von Triumph.
„Nö, Sie kriegen jetzt von mir einen Kaffeebecher aus Pappe.“
„Ist das Ihr Ernst?“ Ich lache in der Hoffnung, dass sie mitlacht. Sie aber zieht ernst die Augenbrauen hoch: „Leider ja. Keine Gläser im Restaurant.“
Fast hätte ich gesagt, dann trinke ich halt aus der Flasche, da sagt sie plötzlich mit fester Stimme: „Wissen Sie was? Wir machen es so: Ich gebe Ihnen ausnahmsweise ein Glas mit. Und einen Pappbecher. Und sobald ein zweiter Gast dazukommt, gießen Sie den Wein aus dem Glas schnell rüber in den Kaffeebecher. Damit das mit dem Glas keine Schule macht.“

Corona-Management bei der Deutschen Bahn. Und ein bis zur Verzweiflung eingenordeter Mensch, der sich überwindet, gegen alle Regeln und Angst vor Entdeckung eine halbwegs praktikable Lösung zu entwickeln. Es mag ja mal Sinn ergeben haben, das Restaurant aus hygienischen Gründen zu schließen, nur am Fenster zu verkaufen und dann auch nur Einweg-Geschirr rauszugeben, weil die Kunden damit in irgendwelchen Waggons verschwinden. Aber in der konkreten Situation war das einfach nur total lächerlich. Und wir wussten es beide. Und dann sagt sie noch: „Beschweren Sie sich gerne an offizieller Stelle. Damit sich was ändert.“

Und da dachte ich: Warum höre ich das so oft? Warum haben die Beschäftigten in Supermärkten, Verkehrsunternehmen, Lieferdiensten und Hotels immer wieder das Bedürfnis, Kunden zu bitten, sich selbst zu melden, weil es sonst nichts bringe? Ich glaube nicht, dass dies aus Faulheit der Angestellten passiert. Sondern, dass die internen Wege für Bürokratie-Verirrungen fehlen. Missstände werden hingenommen, weil zu hinterfragen und Alarm zu schlagen als widerspenstig, besserwisserisch oder unkollegial verstanden wird.

Das gilt nach meiner Erfahrung für viele Unternehmen. Wer intern den Mund aufmacht, schlägt Wellen und stört im einheitlichen Strom die gemütliche Fließgeschwindigkeit. Weil es halt so ist.

Aber Kopfschütteln reicht nicht. Deutschland fällt noch weiter zurück, wenn wir uns mit Kleinkariertheit und fehlendem Pragmatismus abfinden. Das kann nicht nur für den Gesetzgeber gelten. Das gilt auch für unser berufliches Umfeld.

Natürlich ist es schwer, ungewollte Effekte von einheitlichen Regelungen in ungewöhnlichen Konstellationen vollends zu verhindern, wie etwa im Frühjahr, als hier und da Impfwillige weggeschickt wurden, obwohl Vakzine in Impfzentren übrig waren. Weil die Interessierten aus der noch falschen Personengruppe stammten. Weil man eben das komplette Kuddelmuddel verhindern wollte. Vielleicht hat dies in Corona-Hochzeiten auch im ICE-Restaurant gegolten.

Aber wenn Regelungen himmelschreiender Unsinn sind, müssen wir alle einen Weg geboten bekommen, den Finger in die Wunde zu legen. Am besten öffentlich. Dann tut es besonders weh und sorgt bestimmt für schnelle Abkehr – oder zumindest für Diskussion. Wir brauchen den öffentlichen Pranger für Irrsinns-Bürokratie. Es geht hier ja nicht darum, einzelne Menschen vorzuführen oder anzuschwärzen, oder rechtswidrige Zustände offenzulegen wie gemeinhin beim Whistleblowing. Es geht um die Regeln, die wir uns in unserer freien Gesellschaft in gutem Glauben an die effiziente Wirksamkeit selbst auferlegt haben, die sich auf Dauer aber als Murks herausgestellt haben. Die müssen weg.

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Ob dieser Pranger redaktionell begleitet werden muss, nach Branchen oder Behörden oder Bundesländern aufgeteilt, ob Missstände anonymisiert oder mit Klarnamen gemeldet werden sollen, und wie die Kritik die richtigen Entscheider erreicht, das müssten wir diskutieren. Aber es wäre doch ein Weg, uns alle für mehr Effizienz zu sensibilisieren. Dass wir schnell, schlank, clever nicht mehr gewohnt sind, merken wir doch daran, wie wir uns alle die Augen reiben, wenn Tesla bei uns baut. Intuitiv haben wir das Gefühl: Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen da. Ist da alles ordentlich geregelt?
Unsinn und Ineffizienz müssen endlich wieder peinlich werden. Sonst steigen wir weiter ab. Das regelt sich dann nämlich leider von alleine.

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Mehr zum Thema: Nirgendwo klafft die Wahrnehmung zwischen Regierung und Wirtschaft weiter auseinander als bei Bürokratielasten. Während Unternehmer unter dem Aufwand stöhnen, rechnet sich das Bundesfinanzministerium die Kosten schön.

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