Werner knallhart

Links gehen, rechts stehen: Wir sind dafür zu sehr Tier

Rolltreppe fahren, in die U-Bahn steigen, an der Kasse anstehen, am Gepäckband warten. Der Mensch macht sich dort zum Affen. Weil der Egoismus die Vernunft abwürgt.

Menschen auf einer Rolltreppe in einem Bahnhof Quelle: REUTERS

Wir Menschen sind zu so vielem in der Lage. Wir können Seil springen, die Polkappen abschmelzen und in drei Zügen seitlich rückwärts einparken. Das kann nach heutigem Stand der Wissenschaft so geballt keine andere Kreatur auf diesem Planeten.

Aber in den beiläufigen Alltagsmomenten fehlt uns einfach das kleine Fünkchen Grips, das es allen so viel leichter machen würde, den verdienten Feierabend zu genießen.

Ich meine Folgendes: Es haben sich in unserer Gesellschaft Verhaltensmuster ein geschliffen, die es uns leicht machen, uns gegenseitig zu ertragen. Das ist gut.

Beispiel: Wenn wir eine Arztpraxis betreten, dann läuft das meist so: Klingeln, es summt, man öffnet die Tür, tritt ein und schließt die Tür hinter sich wieder. Das Gleiche gilt für Behörden, Restaurants, Zugabteile und Klassenzimmer. Wer die Tür nicht zu macht, wird zumindest blöd angeguckt von der Sprechstundenhilfe oder wird vom Lehrer zusammengestaucht.

Die zehn Knigge-Basics

Wer eine öffentliche Toilette benutzt, der betätigt am Ende die Wasserspülung. Man könnte es auch lassen. Man selber ist ja ohnehin im Aufbruch und der Nachfolger wird nicht wissen, wer es war. Dennoch: Es ist in uns drin. Wir tun es, ohne jedes Mal von Neuem abzuwägen. Fertig.

Warum ziehen wir dieses Prinzip nicht einfach durch? Warum sind wir nicht auch sonst so konsequent rücksichtsvoll?

Da würde sich Knigge im Grabe umdrehen
SchulmeisterereiOberlehrerhaftes Verhalten scheint typisch deutsch zu sein. Wachsender Trend: Deutsche schulmeistern gerne ihre Mitmenschen. „Sie sind ein schlechtes Vorbild für mein Kind, wenn Sie bei Rot über die Ampel gehen“ „Hier ist Ballspielen verboten“ „Hier raucht man nicht“: Schulmeistern hat nichts mit gutem Verhalten zu tun. Die Deutsche Kniggegesellschaft urteilt sogar: „Wir entwickeln uns zu einem Volk von Zurechtweisern. Das muss besser werden.“ Quelle: V.V.V.-Verlag
Sitz mit Aktentasche blockierenNerv-Trend Nummer zwei speziell bei Geschäftsreisenden: ein einziges Ticket kaufen und den Nebenplatz dennoch mit der Aktentasche blockieren. Andere Fahrgäste müssen stehen, das Gepäck hat´s bequem. Sehr effektiv, um von Hamburg bis Frankfurt ungestört zu sein, sozial aber nicht kompatibel, findet die deutsche Kniggegesellschaft. Quelle: dpa
Zu viele Löcher, labberige Hemden, kurze Ärmel mit KrawatteDer Businessmann macht laut der Kniggegesellschaft noch viel falsch. Darum: Perfekte Gürtel haben nur fünf Löcher, das Hemd muss zwei Zentimeter aus dem Ärmel schauen und kurze Arme mit Krawatte sind ein No Go. Damit sich diese Fashion-Fauxpas nicht wiederholen, raten die Benimm-Experten, auch als Mann mal hin und wieder einen Blick in eine Modezeitschrift zu werfen. Quelle: dpa
Lautstark in der Öffentlichkeit telefonierenEbenfalls auf der Kniggeliste steht der Handybrüller, vorzugsweise in Bus und Bahn. Den ganzen Waggon zu beschallen, ist schon ein Klassiker und bleibt dadurch weit oben auf der Liste der Benimm-Fehler der Deutschen. Dass leise und weniger und höflicher ist, ist immer noch nicht bei allen angekommen: Rechtsanwälte etwa posaunen immer noch die Namen und Aktenzeichen ihrer Mandaten durch den Zug (Gab´s da nicht eine Schweigepflicht?), andere lassen Mitreisende lautstark Anteil an Familien- und Beziehungsproblemen nehmen. Übrigens: Man kann auch leise in seinen Laptop hacken. Das muss nicht wie die alte Schreibmaschine MG klingen. Quelle: dpa
Vor dem Abbiegen nicht blinkenBlinken ist uncool, ist schon klar. Das machen nur Spießer. Der Selfmade-Man biegt ohne ab. Davon gibt es immer mehr, geißelt die Kniggegesellschaft. Da weiß man dann gar nicht, was der andere will und schon kracht es. Das ist extrem unsolidarisch. Also: Blink mal wieder! Quelle: dapd
Besteck falsch haltenJeder Zweite kann's nicht richtig, dabei ist es nicht schwer, Messer und Gabel richtig zu halten. Ein Messer ist kein Bleistift, also kein Grund, es wie einen Griffel zu halten. 50 Prozent der von der Knigge-Gesellschaft getesteten Besucher von Biergärten machten Besteckfehler beim Essen. Ein Vorsatz: Dringend Tischsitten updaten. In der Muße liegt der Genuss, dann klappt´s auch mit dem Knigge. Quelle: dpa
Daneben-Benehmen auf BetriebsfeiernAlle Jahre wieder immer dieselben Fehler. Vorsicht mit dem Alkohol, nicht Sexy-Hexy spielen und kein Geknutsche mit dem Chef. Das Betriebsfest ist nach wie vor vermintes Gelände. Hier enden immer wieder Karrieren. Überlebenstipp: Klappe halten, nichts ausplaudern und nicht am nächsten Tag krankfeiern. Quelle: dpa

Menschen, die am Gepäckband auf ihren Rollkoffer warten, sind wie Schweine am Futtertrog. Würde über dem Fließband ein Schild hängen: "Wer am dichtesten dran steht, bekommt seine Tasche als erster", dann könnte ich das Gedränge ja noch verstehen. Aber in Realität gilt: Wer vorne steht, bekommt die Taschen der anderen an die Schienbeine gepfeffert, wenn diese von hinten aus zweiter Reihe durchgreifen müssen. Sofern die Hinten ihr Gepäck zwischen dem Gewimmel an Hosenbeinen überhaupt erspähen können. In einigen Flughäfen sind mittlerweile gestrichelte Markierungen auf den Boden gemalt. Im Abstand von einem Meter um die Beförderungsanlage herum. Dort setzt man wenigstens auf die Vorschriftshörigkeit der Menschen. Auf die Vernunft der Passagiere hofft das Management dort offenbar längst nicht mehr.

Öffnen sich die Türen einer U-Bahn in Deutschland, dann starren die Passagiere, die aussteigen wollen, nicht selten in die Augen derer, die geschlossen als Pulk vor der breit geöffneten Tür lauern. Auch hier fühle ich mich an eine Tierfütterung erinnert. Es sind diese erwartungsvollen Blicke, die fragen: "Wann darf ich, wann darf ich?" Im Jahr 2015 sollen in einem U-Bahnhof bitte nicht mehr die Worte fallen müssen: "Erst aussteigen lassööön!" Wenn Sie mich fragen: Ich sage das nie. Ich versuche, die Menschen durch meine begeisterten Blicke spüren zu lassen, wie froh ich bin sie zu sehen. Das irritiert. Die Vorderen weichen, die Hinteren werden zurückgedrängt. Oder einer hinter mir quakt: "Erst aussteigen lassööön!" Geht natürlich auch. Dann quetschen sich die Leute raus, die ersten drängeln sich währenddessen schon seitlich rein. Und diagonal in allem steht ein Zwillingskinderwagen und die Mutter ruft: "Ey, Mann, ich hab nen Kinderwagen!"

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