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Werner knallhart

Links gehen, rechts stehen: Wir sind dafür zu sehr Tier

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Markierungen und Schlange stehen

In anderen Ländern haben die Menschen mehr ÖPNV-Selbstachtung. In Bangkok ist auf den Boden markiert, an welchen Stellen des Bahnsteigs die Türen zum Halten kommen. Links und rechts vor diesen Bereichen stellen sich die Menschen hintereinander in eine Schlange. Ist an einer Markierung schon viel los, geht man in aller Ruhe zur nächsten Markierung drei Meter weiter.

Zug kommt an, Türen auf, Leute rauschen durch den Korridor raus, Leute strömen über die Seiten rein, buddhistische Mönche haben Vorrang, Türen zu und ab. Wir hier in Europa sind zu diesem kleinen Kniff nicht bereit. Mit welcher Begründung? Weil wir uns nicht in Formationen pressen lassen? Nennen wir es doch einfach Choreografie. Die Pendler-Choreografie.

Was ist los auf unseren Rolltreppen? Ich habe mir das überlegt und habe verstanden: Hier zeigt sich, warum Europa vom Rest der Welt bald abgehängt wird. Weil wir uns aufgegeben haben.

Zehn Benimm-Regeln für den Aufzug
Regel 1: Halten Sie AbstandViele Menschen im Aufzug, viele unterschiedliche Auffassungen zum gebotenen Abstand. Jeder hat schließlich seine eigene Wohlfühlzone, in die niemand eindringen soll. Also gilt es, den größtmöglichen Abstand zu halten, den ein Aufzug zulässt. Das heißt: Zwei Personen platzieren sich stets an den zwei gegenüber voneinander liegenden Wänden, drei bis vier Menschen nehmen die Ecken des Aufzugs ein. Fünf oder mehr Leuten verteilen sich gleichmäßig, schauen nach vorne und lassen die Hände gerade am Körper herunter, um niemanden zu berühren. Quelle: Fotolia
Regel 2: Nicken und lächeln Sie Ihren Mitfahrern kurz zuEin Lächeln bricht das Eis. Wer einen vollen Aufzug betritt, sollte jedem Mitfahrer kurz freundlich zunicken und anlächeln, um die unangenehme Situation des engeren Beieinanderstehens zu entspannen. Wichtig ist, das tatsächlich kurz zu machen, und niemanden anzustarren. So wird nur das Gegenteil erreicht: Die Situation wird noch unangenehmer. Quelle: dpa Picture-Alliance
Regel 3: Blockieren Sie die Türen nur, wenn der Lift nicht zu voll istAufzug blockieren oder nicht? Zählt Anstand oder Zeit? Das müssen Menschen abwägen, wenn sich die Türen schließen und gerade jemand dem Lift entgegen rennt. Wer allein oder nur mit wenigen Menschen im Aufzug ist, sollte die Tür aufhalten. Anders sieht es aus, wenn der Aufzug voll ist. Schließlich müssen die anderen Liftfahrer auch berücksichtigt werden. Quelle: Fotolia
Regel 4: Kümmern Sie sich um die KnöpfeBei wenigen Menschen drückt jeder selbst den Knopf für seine Etage. Anders sieht es aus, wenn der Aufzug voll ist. Dann kümmert sich die Person, die der Tür am nächsten ist, dass jeder an sein Ziel kommt. Der Aufwand ist gering und so kommt jeder – auch der freundliche Helfer selbst – schneller zum Ziel. Wenn jemand neues den Aufzug betritt, gilt es also nicht beiseite zu gehen und ein zeitraubendes Rücken zu verursachen, sondern direkt zu fragen: „Auf welche Etage möchten Sie?“ Quelle: Fotolia
Regel 5: Benutzen Sie den Lift nicht für nur eine EtageWer böse Blicke und rollende Augen der anderen Aufzugfahrer vermeiden will, sollte den Aufzug nur benutzen, um mindestens zwei Stockwerke weiter zu fahren. Wer nur in die nächste Etage möchte, ist mit dem Aufzug kaum schneller – und stiehlt die Zeit der anderen. Quelle: AP
Regel 6: Ladies First – nur in der FreizeitOb Ladies First oder nicht, hängt von der Situation ab: Bei einer Aufzugfahrt in der Freizeit steigen Damen zuerst ein oder aus, auf der Arbeit macht das die Person, die am nächsten zur Tür steht. Schließlich erwarten männliche und weibliche Kollegen gleich behandelt zu werden. Quelle: Fotolia
Regel 7: Machen Sie Platz für AussteigendeDamit Menschen aus einem vollen Aufzug aussteigen können, müssen alle ihren Beitrag leisten. Das heißt beiseite treten oder – für Leute, die an der Tür stehen – auch kurz aussteigen und mit einer Hand die Tür fest halten. Quelle: REUTERS

Zum einen ist hierzulande genau genormt: Wie viele Treppenstufen müssen beim Zutritt zur Treppe flach durchlaufen, bevor sie sich erheben. Wie schnell darf die Treppe fahren, was ist mit den Handläufen und so weiter. Noch nicht einmal mit Gummistiefeln darf man drauf. Steht seit Jahrzehnten auf dem Piktogramm. Aber eins ist nicht geregelt: rechts stehen, links gehen.

Das gilt sonst überall! Nicht nur auf der Straße gelten Regeln des Miteinanders. Achten Sie mal in der Fußgängerzone auf die Laufrichtungen. Vor allem, wenn es voll wird, herrscht Rechtsverkehr. Die Menschen strömen mit System. Weil wir das so gewohnt sind, entwirren wir intuitiv das Chaos. Aber auf der Rolltreppe klappt es nicht. Motto: Ich stehe. Um mich rum die Sintflut. Welche Sicherung brennt durch, sobald wir eine Rolltreppe betreten? Ich vermute, die Rolltreppen-Penner denken: "Wenn jemand laufen will, soll er die normale Treppe nehmen." Wieso? Sollen die, die stehen wollen, doch den Aufzug nehmen. Mit Sollen-die-anderen-doch-Parolen kommen wir also nicht weiter. Damit hat sich seinerzeit schon die Tabaklobby ins Aus geschossen: Sollen die Nichtraucher doch zuhause bleiben.

In Arbeit
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Links stehen, rechts gehen. Wie kriegt man das bei den Leuten in die Birne? Einige versuchen es und mähen einfach verächtlich schnalzend und mit den Augen rollend durch die auf der Rolltreppe hier und da versprengt stehenden Massen. In der Hoffnung, dass der Schreck über den von hinten plötzlich durchschnalzenden Wirbelwind ein Umdenken bewirkt. Ich empfehle bei uns Deutschen einfach einen Aufkleber mit Piktogramm am Eingang. Oder wann haben Sie das letzte Mal jemanden mit Gummistiefeln auf der Rolltreppe gesehen?

Neulich im ICE: "Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Hannover." Solch eine Durchsage löst eine automatische Prozedur aus. Leute, die am nächsten Halt aussteigen wollen, springen prompt von ihren Sitzplätzen auf, treten einen Schritt zur Seite und stellen sich in den Gang. Dort stehen sie dann fünf bis zehn Minuten herum, bis der Zug den Bahnhof erreicht. Ausgerechnet innerhalb dieses Zeitfensters kam ich auf die Schnapsidee, mir im Bistro einen Kaffee kaufen zu wollen. Ich bat einen jungen Mann in Barbour-Jacke, mich eben mal kurz vorbeizulassen. Da schüttelt der fassungslos den Kopf und raunzt: "Wo wollen Sie denn jetzt bitte hin?" Gerade so, als sei ein Gang kein Gang mehr, sobald ein Bahnhof angekündigt wird. Ist Aussteigen so aufregend, dass es einen nicht mehr in den Sesseln hält? Ist der Zug schneller am Ziel, wenn man sich vor den Türen balgt? Seit kurzem weisen die Zugbegleiter in ihren Durchsagen darauf hin: "Achten Sie beim Aussteigen bitte auf die Lücke zwischen Zug und Bahnsteig." Als ob diese Vorsicht bei uns Fahrgästen plötzlich verloren gegangen wäre. Mir wäre diese Durchsage lieber: "Regen Sie sich nicht auf. Sie kommen alle raus. Wir evakuieren hier nicht die Titanic." Oder noch besser: "Wenn Sie gleich mit dem Aussteige-Procedere beginnen, dann fragen Sie sich: Was würde jetzt wohl eine Gruppe von Pinguinen tun? Und dann machen Sie es anders."

Aber es gibt natürlich Wichtigeres.

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