Werner knallhart

Schafft endlich das Tanzverbot an Ostern ab!

An Karfreitag darf man in allen deutschen Bundesländern nicht öffentlich zu Musik tanzen. Wie lange fühlt sich der Staat eigentlich noch dafür zuständig, allen 81 Millionen Bürgern christliche Andächtigkeit aufzuzwingen?

In mehreren Bundesländern herrscht am Karfreitag Tanzverbot. Quelle: dpa

Mal ganz spontan aus der Hüfte: Welches Bild springt Ihnen automatisch als erstes in den Kopf, wenn ich sage: "Ostern!"? Bei mir ist es ein Hase und daneben gefärbte Eier. Eine kunterbunte Frühlingsphantasie.

Haben Sie an Jesus am Kreuz gedacht? An Karfreitag gedenken die gläubigen Christen ja dem Tod von Jesus Christus - und Sonntag und Montag seiner Wiederauferstehung.

Viele wissen das gar nicht. Für die ist es einfach ein richtig schön langes Wochenende mit Stau vorne und hinten. Und das ist deren gutes Recht. Man darf sich die Idee von Ostern völlig egal sein lassen. Genauso wie es das gute Recht eines jeden ist, in tiefer Dankbarkeit und Ehrfurcht dem Tod von Jesus Christus zu gedenken, weil man der Meinung ist, dass Gott mit dessen Kreuzigung seinen Sohn den Menschen zu liebe geopfert hat.

Es herrscht in unserem Land aber offenbar eine Stimmung, die es dem Staat erlaubt, jeden zu Andächtigkeit zu verdonnern. Der Staat schwingt sich mal wieder zum Anwalt der Kirche auf (wie etwa auch beim Ladenschluss am Sonntag und wenn er quasi im Auftrag die Kirchensteuer eintreibt): Der Staat verbietet den Menschen an Karfreitag das öffentliche Tanzen.

"Wir dürfen heute nicht tanzen." Wie das klingt! Im Jahr 2016 in Deutschland.

Osterbräuche aus aller Welt
IrlandDie Iren markieren das Ende der Fastenzeit mit einer symbolischen Herings -Beerdigung. Denn der Fisch ist das Hauptnahrungsmittel während des 40-tägigen Fastens. Quelle: dpa
ÖsterreichWie in einigen Regionen Deutschlands läuten auch in Österreich von Gründonnerstag bis zur Osternacht keine Kirchenglocken. Dafür laufen Kinder mit Ratschen (Holzklappern) durch die Straßen. Ein am Gründonnerstag gelegtes Ei zu essen, bringt nach altem Volksglauben Glück. Quelle: dpa
FrankreichAuch in Frankreich läuten in den Tagen vor Ostern die Kirchenglocken nicht. Das Geläut „fliegt“ angeblich nach Rom zum Papst, um gesegnet und mit Ostereiern gefüllt zurückzukehren. Traditionell stellen die Pariser „Chocolatiers“ in Handarbeit große Osterglocken und andere oft teure Schokoladenfiguren her. Quelle: dpa
ItalienIn vielen Dörfern gibt es Inszenierungen des Leidensweges Christi und Oster-Prozessionen. Back-Spezialitäten sind süßes Gebäck in Form einer Taube und herzhafte, mit Gemüse und Ei gefüllte Kuchen. Quelle: REUTERS
SpanienBei Prozessionen frommer Bruderschaften werden riesige Jesus- und Heiligenfiguren durch die Straßen getragen. Vielerorts sind die Teilnehmer mit spitzen Kapuzen vermummt, einige tragen als „Büßer“ eiserne Ketten. Quelle: AP
UngarnDas „Begießen“ von Frauen und Mädchen am Ostermontag geht auf einen vorchristlichen Fruchtbarkeitsbrauch zurück. Männer besuchen verwandte oder befreundete Frauen und besprengen sie mit Parfüm. Dafür werden sie mit Ostereiern, Kuchen und Alkohol bewirtet. Quelle: dpa
SchwedenKinder verkleiden sich mit langen Röcken, Schürzen und Kopftüchern als Osterweiber und ziehen von Haus zu Haus, um Süßigkeiten zu sammeln. Dafür verteilen sie selbstgemalte Osterkarten. Quelle: dpa
USAIm Weißen Haus, dem Amts- und Wohnsitz des US-Präsidenten in Washington, ist das Ostereierrollen eine beliebte Tradition. Im Garten dürfen Kinder Eier suchen und mit einem großen Löffel über den Rasen bugsieren. In vielen Städten gibt es zudem Osterparaden. Quelle: AP
MexikoIn Mexiko-Stadt zieht der festliche Passionszug zur Erinnerung an die Leiden Christi durch die Straßen des Ortsteils Iztapalapa. Tausende verkleidete Menschen inszenieren dort den Kreuzweg Jesu. Die Passionsspiele gehören zu den ältesten ihrer Art in Mexiko und entstanden nach einer Cholera-Epidemie. Quelle: dpa
AustralienAuf dem unter einer Kaninchenplage leidenden Kontinent sind auch Hasen verpönt. Eier bringt stattdessen das Osterbilby, ein Beuteltier mit großen Ohren. Süßwaren-Hersteller haben Bilbys aus Schokolade im Angebot. Quelle: dpa Picture-Alliance
PhilippinenIn einem umstrittenen Karfreitagsritual lassen sich in einigen Dörfern Menschen an Kreuze nageln. Sie betrachten das als Sühne für Sünden, die katholische Kirche verurteilt das Ritual. Quelle: dpa
Piñata Argentinien Quelle: AP
Griechenland weiße Kerzen Quelle: dpa/dpaweb

Ich habe das mal erlebt. Ich dürfte so 18 Jahre alt gewesen sein. Da bin ich am Donnerstag vor Ostern mit einem Kumpel in die Disko gefahren. In so eine Großraumdisko in einem Gewerbegebiet am Rande von Offenburg. Pures Baden-Württemberg. Als plötzlich die Musik verstummte und der DJ zum Mikro griff: "Eigentlich darf heut nicht getanzt werden. Wegge Oschtern. Des steht so im G'setz. Also: Wenn wir die Musik ausmache, dann alle sofort runter von der Tanzfläche. Weil dann isch die Polizei da und kontrolliert des Tanzverbot."

Das Verrückte: Das ist in Deutschland heute immer noch so. Im Land, das den Nationalsozialismus überwunden hat, hindert einen im Zweifel die Polizei am Fröhlichsein.

So müssen sich heute die Menschen im Iran fühlen, wenn sie hinter verschlossenen Türen heimlich ein Glas Gin Tonic trinken. Beispiele:

Baden-Württemberg definiert im Feiertagsgesetz: „Öffentliche Tanzunterhaltungen sind von Gründonnerstag 18 Uhr bis Karsamstag 20 Uhr … verboten."

Bayern schreibt im Gesetz über den Schutz der Sonn- und Feiertage: "An den stillen Tagen sind öffentliche Unterhaltungsveranstaltungen nur dann erlaubt, wenn der diesen Tagen entsprechende ernste Charakter gewahrt ist. ... Am Karfreitag sind außerdem in Räumen mit Schankbetrieb musikalische Darbietungen jeder Art verboten."

NRW verbietet seinen freien Bürgern am Karfreitag in der "Hauptzeit des Gottesdienstes" sogar Theater- und musikalische Aufführungen, Filmvorführungen und Vorträge jeglicher Art - "auch ernsten Charakters".

Tss, dass sich Deutschland so eine Bevormundung der eigenen Bevölkerung herausnimmt. Dabei ist mir der Hintergedanke schon klar: Karfreitag ist aus Sicht der gläubigen Christen ein Tag zum stillen Innehalten.

Aber eben nur für die!

Ja, an Ostern müssen auch die Geschäfte geschlossen bleiben. Auch so ein Eingriff in die Freiheit vieler Menschen. Und auch darüber kann man diskutieren.

Aber das ist etwas anderes. Das Ladenschlussgesetz ermöglicht es immerhin allen Arbeitnehmern, Ostern in Ruhe zu begehen. Unabhängig von der Frömmigkeit ihrer Arbeitgeber. So gesehen gewährleistet das Gesetz hier die Ausübung der Religion.

Aber das Tanzverbot schränkt viele Menschen in ihrer Freiheit ein, ohne anderen bei der Religionsausübung zu helfen. Kein frommer Christ im Gottesdienst profitiert davon, wenn in Deutschlands Clubs die Leute regungslos am Strohhalm kauen, statt sich rhythmisch im Takt zu bewegen.

Oder fühlt sich für Sie der Alltag auf der Straße irgendwie besinnlicher an, wenn zeitgleich in den Clubs nicht getanzt werden darf?

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%