WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Werner knallhart
Quelle: imago images

Standortnachteil Regionalstolz: Von wegen Deutsche Einheit

Viele Einheimische grenzen andere Deutsche aus und nennen es Regionalstolz. Mal ist das lustig und harmlos, mal einfach nur feindselig. Ein echter Standortnachteil. Aber Zugezogene können selbstbewusst kontern.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Ausgrenzung aus Regionalstolz ist wie Rassismus, nur noch provinzieller. Eine flüchtige Bekannte erzählte vor einiger Zeit auf einer Party in Berlin: „Ich bin keine echte Berlinerin. Obwohl ich mein ganzes Leben in Berlin verbracht habe. Weil: Ich bin in Potsdam geboren. Meine Eltern lebten damals zwar in Berlin und sind noch am Tag meiner Geburt mit mir nach Hause gefahren. Aber ich war eben einige Stunden zu Beginn meines Lebens in Potsdam. In meinem Ausweis steht: Geburtsort Potsdam. Und mein Leben lang bekomme ich jetzt zu hören: Sorry, aber eine echte Berlinerin bist du nicht.“

Die Frau neben ihr schwenkte versonnen ihr Weißweinglas: „Ja, bist du ja auch nicht.“

Nun bin ich selbst ein nach Berlin Zugezogener. Als ich einst einem neugierigen Tischnachbarn in einem Restaurant in Bangkok erzählte, dass ich aus Berlin sei, mischte sich ein Deutscher von einem dritten Tisch aus ein: „Sind Sie in Berlin geboren?“

„Nein, das nicht.“

„Dann erzählen Sie doch auch nicht herum, dass Sie aus Berlin sind.“

Jesses! Da grenzte mich doch glatt ein Berliner auf der anderen Seite der Erde aus.

Ginge es nach der Logik vieler Ur-Berliner, dürfte ich mich mein Leben lang praktisch nirgends richtig dazugehörig fühlen.

Irre! Keinem New Yorker würde es in den Sinn kommen, die Zugehörigkeit zur Stadt an die Bedingung der Geburt in einem New Yorker Krankenhaus (oder Taxi) zu knüpfen. Man gehört dazu, wenn man das New Yorker Leben lebt. Wenn man mitmacht.

Aber nicht nur in Berlin, in ganz Deutschland fühlt es sich so an, als wäre man nur dort wirklich zu Hause, wo man geboren ist.

Im badischen Bühl war ich von der siebten bis zur zehnten Klasse als der Junge aus Niedersachsen immer der Fischkopp. Noch in der Oberstufe sagte mir eine Mitschülerin, mein Hochdeutsch klinge arrogant. Dabei hatte ich mir in meiner Not im Laufe der Jahre unbewusst ein Hochdeutsch mit badischem Singsang angewöhnt, um nicht allzu sehr aus dem Rahmen zu fallen. Wenn ich heute alte Videos aus Teenagerzeiten angucke, kann ich kaum hinhören.

Auch das Nachbarmädchen durfte nicht so oft mit meiner Schwester spielen, damit es ihren badischen Dialekt nicht verlernt.

Aber man musste nicht von der Küste kommen, um zu merken, wie fremd man war. Schwaben erging es nicht anders. Zwar wusste keiner der Teens mehr, warum Baden und Schwaben was gegeneinander hatten, aber es war ihnen von den Eltern so erklärt worden. Ausgrenzung als Ausdruck von Regionalbewusstsein - das hat in manchen Familien Tradition.

Erst zu Beginn meines Studiums in Freiburg fühlte ich mich nach Jahren nicht mehr als Sonderling. Weil an der Uni Leute von überall herkamen.

In meinen 13 Jahren in Köln verstand ich nie so recht das Gekabbel zwischen der Domstadt und Düsseldorf. Es klang immer lustig. Aber alles nur Spaß? Wer in Köln ein Düsseldorfer Alt statt eines Kölsch bestellt, wird zwar nicht geköpft, aber so blöd angeguckt, als bestellte er einen Whopper bei McDonald´s. Weil Köln und Düsseldorf irgendwie Konkurrenten sind. Weiß heute noch jemand wieso?

Im Fußball ist die Rivalität der Regionen und Städte ja Teil des Spiels. Aber im alltäglichen Zusammenleben? Bei großen Entscheidungen von wirtschaftlicher und politischer Tragweite?

Aus Angst, gegenüber dem Nachbarn den Kürzeren zu ziehen, versäumen es auch die Städte im Ruhrgebiet, sich zu einer schlagkräftigen Ruhrstadt zu verschmelzen. Einer der größten Metropolregion Europas gelingt das nur über ein städteübergreifend abgestimmtes Stadtmarketing und sie kommt bislang über einen Regionalverband nicht hinaus. Weil keiner der mittelgroßen Einzelstädte gerne zurückstecken will. Altes bewahren auf Kosten der Zukunft. Denn wer will schon Stadtteil seines Nachbarn werden? Gibt es keine Lösung, das fair zu organisieren? Was wäre eine Ruhrstadt wohl für ein prächtiger Haudegen? Sogar ganz ohne Kohleindustrie...

Regionalstolz aus Fürsten- und Hansezeiten

Die Existenz von Bundesländern wie dem Saarland, Bremen oder Brandenburg um Berlin herum zeigt auch, dass die Pflege von Regionalstolz aus Fürsten- und Hansezeiten vielen immer noch mehr gilt, als eine effiziente Verwaltung, bei der Synergien den deutschen Steuerzahlern Milliarden sparen würden. Und dann über den sauteuren doppelten Sitz des Europaparlaments in Brüssel und Straßburg mosern...

Man könnte doch bei der Zusammenlegung von Bundesländern all das so deichseln, dass die Gemeinsamkeit aller und die Einzigartigkeit der Regionen gleichsam gepflegt würde. Stattdessen wird die Diskussion als Sommerlochfüller abgetan. So absurd wirkt die vernünftige Überlegung auf viele.

Die Eigenheiten der deutschen Regionen und Unterregionen und Unterunterregionen sind ja typisch deutsch und meistens unbedingt erhaltenswert. Wir dürfen stolz sein auf das, was unsere Regionen heute leisten. Wussten Sie etwa, dass Ostwestfalen-Lippe rund um Bielefeld bundesweit als Vorzeigeregion bei der Verzahnung von Mittelstand, Konzernen, Forschung und Lokalpolitik gilt? Haut damit auf die Pauke! Und: Erfurt ist wunderschön. Gebt damit an!

Diese Städte haben sich am besten entwickelt
Fürth Quelle: Fotolia
Heilbronn Quelle: Fotolia
Nürnberg Quelle: DPA/Picture-Alliance
Fuggerei in Augsburg Quelle: dpa
Regensburg Quelle: Dpa
Frankfurt
Würzburg Quelle: DPA

Aber leider werden die lokalen Eitelkeiten im Kleinklein eben oft zur Bremse. Und im schlimmsten Fall zeigt sich Regionalstolz in Fremdenfeindlichkeit. Gegenüber Deutschen.

Dann steht da „Schwaben raus“ auf Häuserwänden. Oder es kleben Sticker auf Laternen: „Du bist kein Berliner“ (ob ironisch oder nicht - es zeigt, worüber die Stadt spricht).

Wer zu einem Deutschtürken sagt: „Du wirst niemals ein richtiger Deutscher sein“, der stellt sich selbst als Rassist ins Abseits. Aber wenn ein Berliner einem zugezogenen Deutschen sagt: „Du wirst niemals ein richtiger Berliner sein“, dann ist das also eine herrlich schrullige Eigenheit der Berliner? Sie tut manchen Menschen trotzdem weh. Ausgrenzung nicht aus falschem Nationalstolz, sondern aus falschem Regionalstolz. Und das soll charmant sein?

Niemals wäre ich ein Badener geworden. Niemals werden Sie ein Sachse, wenn Sie aus Hamburg hinziehen. All das wäre ja egal, wenn die Verwehrung dieser Ehre nicht einherginge mit Ausgrenzung - an Schulen, am Arbeitsplatz, beim Sport, in der Lokalpolitik.

Zugezogene sollten selbstbewusst kühl kontern. Als Teenager habe ich mein Hochdeutsch verteidigt: „Ich will Fernsehsprecher werden. Das geht nicht mit Badisch.“

In Berlin etwa sind die dort Geborenen seit Kurzem in der Minderheit. Das trägt zwar nicht gerade zu deren Selbstwertgefühl bei, was ihre Stellung in der Stadt angeht, sollte sie aber erst recht umstimmen, was ihre Definition vom „echten“ Berliner angeht.

Die Berliner, die Berlin mehrheitlich ausmachen, die Kultur und das Stadtbild zum größten Teil prägen und der Metropole zumindest ein wenig Weltgewandtheit einhauchen, die, die den Glanz der Stadt mit ihren Steuergeldern zu einem großen Teil finanzieren, das sind die Menschen aus allen Regionen Deutschlands, Europas und der Welt. Die dort ihr Glück suchen. Das ist das New-York-Gefühl in Ostdeutschland. Und das ist nun mal das Berlin der Zugezogenen.

Der in Berlin Geborene, der immer noch dort lebt, ist insofern eine kuriose Minderheit. Er hat wohlmöglich noch nicht viel von der Welt gesehen. Aber meine Güte, jeder wie er will.

Ich würde sagen: Die in Berlin Geborenen sind in unserem Berlin der Zugezogenen natürlich weiter herzlich willkommen. Und ich unterstelle, das sehen alle anderen Zugezogenen in sämtlichen Regionen Deutschlands bei sich vor Ort auch so. Die Eingeborenen sind auch die Originale. Auch! Keine Stadt, keine Region Deutschlands ist bedeutsam genug, um sich die Arroganz leisten zu können, andere nicht anzunehmen.

Auf die deutsche Einheit!

Dem Autor auf Twitter folgen:



© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%