Werner Knallhart: Wasserknappheit: Das neue schlechte Gewissen bei der Klospülung
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Foto: imago imagesHier kommt sozusagen eine „Gegendarstellung in eigener Sache“. Denn ich muss mich leider, leider korrigieren. Vor sieben Jahren war die Welt nämlich eine andere. Nein, nicht Corona, nicht Krieg, nein, in diesem Fall Stichwort Klimawandel.
Weltgeschichtlich „bis vor Kurzem“ galt es in Sachen Leitungswasser noch mit einem Irrsinn aufzuräumen. Nämlich damit, dass Leitungswasser zu sparen gut für uns sei. Wasserverschwendung war damals das neue Vernünftig. Das neunmalkluge Kind, das seine Eltern mahnend anblickte, wenn die beim Zähneputzen den Wasserhahn tröpfeln ließen, war gar nicht mehrfach klug, sondern lag einfach falsch in seinem naseweisen Ungestüm.
Wasser zu sparen, war eine Idee aus den Achtzigerjahren, als zu befürchten stand, dass wir immer und immer mehr Wasser verbrauchen würden, bis es irgendwann zu viel für unsere Wasser-Infrastruktur werden würde. Also kam die Zeit der Spartaste an der Toilette und eben die Zeit der neunmalklugen Kinder, die in der Schule in Sachkunde gesagt bekommen hatten, sie sollten doch mal zuhause vorschlagen, einen Sparaufsatz für die Dusche zu installieren.
Als Folge ging unser Pro-Kopf-und-Tag-Verbrauch nach und nach von 150 Liter auf rund 125 Liter bis heute zurück. Was wiederum ein Problem für die Wasserinfrastruktur wurde. Denn insbesondere die Abwasserleitungen werden nicht mehr ausreichend durchspült. Sie drohen zu verdrecken und müssen aufwändig extra gespült werden.
Und die Appelle der Expertinnen und Experten lauteten vor einigen Jahren im übertragenen Sinne: Sagt euren Kindern, sie sollen wieder voll aufdrehen! Und macht es ihnen vor.
Die Logik war einfach. Wir hatten genug Wasser. Die eine Metapher fand ich besonders einleuchtend: In Mitteleuropa Trinkwasser zu sparen, nur weil es im fernen Spanien zu wenig davon gibt, das sei so, als würde man in Spanien bei Sonnenschein die Fensterläden schließen, nur weil es in Finnland dunkel ist. Sollte heißen: Hier den Verbrauch einer Ressource auszuschlagen, wo es sie im Überfluss gibt, hilft den Mangelregionen null.
Aber jetzt ist plötzlich alles anders. Zwar bekommen die Spanier weiter nichts von unserem Wasser ab. Aber wir sind selbst Mangelgebiet geworden. Deutschland trocknet aus. Und wir müssen tatsächlich Wasser sparen. So schnell ging der Wandel! Und das liegt nicht an ein paar trockenen Wochen im Frühjahr 2023. Sondern an einem schleichenden Prozess besonders seit 2017.
Dietrich Borchardt ist Professor für Aquatische Ökosystemanalyse und -management an der TU Dresden und er sagt: Seit 2017 erlebt Deutschland eine Dürre am Stück. Also nicht einfach ein paar Dürrejahre zwischendurch, sondern eine Dürreperiode. Eine Dürreperiode, wie es sie in den vergangenen 2000 Jahren in Mitteleuropa so nicht gegeben hat. Seit 2000 Jahren nicht. Es gebe Regionen in Deutschland, die seien derartig trocken, dass es dort anderthalb Jahre am Stück ohne Unterbrechung regnen müsste, um den Grundwasserpegel auf das vor einigen Jahren noch normale Maß ansteigen zu lassen.
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Und das ist – da reichen ein paar Jahrzehnte Lebenserfahrung – illusorisch. Das wirklich Blöde ist außerdem: das lange Gedächtnis des Wasserkreislaufs. In der Sendung „Markus Lanz“ sagte Borchardt vergangene Woche: „Grundwasser, das wir heute aus unserem Wasserhahn bekommen und das von den Wasserwerken gewonnen wird aus vielleicht 100 Metern Tiefe, hat vielleicht 100 Jahre gebraucht, um dort hinzukommen. Wir reden über solche Zeitskalen. Und das kann durchaus länger gehen.“
Heißt: Ein paar nasse Tage helfen nicht spontan, das Grundwasser aufzufüllen. Und gerade die trockenen Winter seien da ein Problem. Denn die kalte Jahreszeit ist die, in denen unsere Natur die Grundwasserreserven auffüllt. Aber unsere Winter waren jüngst auch trocken.
Dazu kommt: Die Landwirtschaft in Mitteleuropa, die bislang laut Borchardt nur zwei Prozent ihrer Flächen künstlich bewässert, wird zum neuen Nutzkonkurrenten. Wenn das Oberflächenwasser aus Flüssen und Stauseen erstmal versiegt, müssen die Bauern Grundwasser nutzen. Doch wird das künftig noch ausreichend vorhanden sein?
Einige Landkreise fangen jetzt schon, im Juni (!), an, Nutzungsbeschränkungen für Leitungswasser auszusprechen. Oft noch als Appell und Bitte. Etwa weil das gleichzeitige Befüllen von Pools den Druck im System zu sehr abflauen lässt, so dass einigen Haushalte zwischenzeitlich kaum mehr Wasser zum Kochen und Trinken abzapfen können.
Im Laufe des Sommers werden es Verbrauchsverbote werden. Unsere Gärten werden dann verdorren, die aufgestellten Pools leer bleiben oder mit gammeligem alten Wasser befüllt grün versiffen.
Ökosystem-Professor Borchardt prognostiziert: 2050 bis 2060 werden 20 bis 40 Prozent Europas versteppt sein. Und da wird einem mulmig, weil klar:
Wir duschen uns mit einem Lebensmittel. Wir gießen unsere Gärten mit einem Lebensmittel. Wir waschen unsere Autos damit und wir spülen ausgerechnet jenes Lebensmittel jeden Tag die Toilette hinunter, auf das wir am wenigsten verzichten können: unser Trinkwasser.
Und trotzdem ist ja noch akut, was schon 2016 gegolten hat. Bei zu wenig Wasserverbrauch verstopfen unsere Abwasserrohre. Wie können wir sparen und spülen gleichzeitig?
Mein Vorschlag: Wir brauchen die konzertierte Spülung. Einen Moment, an dem wir 84 Millionen gleichzeitig die Toilette abziehen. Das geht. Klingt idiotisch. Aber der Klimawandel ist eben idiotisch.
Wie kriegen wir es hin, dass wir alle gleichzeitig auf den Knopf drücken? Thomas Gottschalk könnte bei „Wetten, dass…?“ drum bitten. Eine App im Stil einer Warnapp, die Spülapp, könnte je nach Bundesland, Region oder Stadtteil alle zuhause ins Badezimmer bitten. Per Push. „Bitte in 5 Minuten. 4, 3, 2, …noch 30 Sekunden. Jetzt!“
Niemand möchte sich von seinem Staat vorschreiben lassen, wann er die Toilette zu spülen hat. Aber man könnte sich als Gemeinschaft dran gewöhnen. Dafür sparen wir in den trockenen Wintern nun die Zeit beim Schneeschippen, zu dem uns der Staat ja auch verdonnert, zumindest wenn wir nicht für Stürze haften wollen.
Es ist irre – aber beim Blick ins Klo denke ich mittlerweile jeden Tag: Das hätte man auch trinken können. So ist das in Deutschland 2023, im Jahr Fünf der größten Trockenperiode seit 2000 Jahren.
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