WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Whistleblower Gute Gier gegen schlechte Gier

Seite 6/6

Das SEC-Programm wird zum internationalen Vorbild

Es gibt zwei gute Gründe, warum der Anteil der Prämien-Glücksritter gering ist: Weil nur Fälle, die zu Strafen von mehr als einer Million Dollar führen, belohnt werden, werden Zeugen kleinerer Straftaten abgeschreckt. Und da sich die meisten Whistleblower auf ihre Anwälte verlassen, werden die zur zweiten entscheidenden Qualitätshürde. Nur wenn Thomas und Co. Erfolgschancen sehen, werden sie Mandanten unterstützen und deren Fälle bei der SEC einreichen.

Die meisten Befürchtungen, die Kritiker der SEC-Belohnungen vorbrachten, haben sich nicht bewahrheitet. Von einer Abschaffung des Programms im Fall eines republikanischen Wahlsiegs bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2016 spricht in Washington deshalb kaum noch jemand. Vielmehr wird derzeit diskutiert, mit welchen gesetzlichen Maßnahmen darauf reagiert werden kann, dass zahlreiche Unternehmen das SEC-Programm torpedieren. Viele Unternehmen lassen sich von ihren Mitarbeitern nämlich vertraglich zusichern, dass sie auf ihr Recht verzichten, an dem Whistleblower-Programm teilzunehmen. Der Chef des SEC-Programms, Sean McKessy, hat deshalb angekündigt, dass der Kampf gegen solche Praktiken für ihn künftig „höchste Priorität“ habe.

Unterdessen scheint das SEC-Programm zum Vorbild für Börsenaufsichtsbehörden und Strafverfolger in anderen Ländern zu werden. So erwägt die britische Regierung, ein Verfahren zu etablieren, bei dem analog zum US-System Whistleblower mit Prämien belohnt werden. Neuen Auftrieb bekamen die Überlegungen im vergangenen Jahr, als die Zahl der Whistleblower-Hinweise an britische Behörden sprunghaft anstieg. Die Börsenaufsichtsbehörde Financial Conduct Authority registrierte eine Zunahme von „wertvollen, substanziellen Whistleblower-Hinweisen um rund 70 Prozent“. Francesca West, Strategie-Chefin der britischen Whistlerblower-Organisation Public Concern at Work, führt den Anstieg auf die Präsenz von Hinweisgebern in den Medien und die „Darstellung mancher Whistleblower als Helden“ zurück.

Deutschland



Die Entwicklung in Großbritannien steht in krassem Widerspruch zu Deutschland, wo es kaum gesetzlichen Schutz für Whistleblower gibt. Trotz des Drängens etwa der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist ein deutsches Whistleblower-Schutzgesetz nicht absehbar. SPD, Grüne und Linke haben zwar Gesetzesentwürfe vorgelegt. Doch weil die Union – anders als nach dem Gammelfleischskandal in Bayern 2007 – von einem zusätzlichen gesetzlichen Whistleblower-Schutz derzeit nichts wissen will, wird es einen gesetzlichen Vorstoß auf absehbare Zeit wohl nicht geben.

„Deutschland ist beim Whistleblower-Schutz auf einem Niveau, das man sonst nur aus Drittweltländern kennt“, kritisiert der amerikanische Whistleblowing-Experte Devine. Er könne die Skepsis der Politik gegenüber Whistleblowern in einer „starken Wirtschaftsnation wie Deutschland“ zwar nachvollziehen, trotzdem sei sie fehl am Platz. Die Hälfte seiner Arbeitszeit verwende er darauf, Unternehmen zu erklären, welch wertvolle Ressource Whistleblower seien: „Sie sind als aufrechte, aufmerksame und motivierte Menschen nicht nur gute Mitarbeiter. Sie sind die Warnlampe, die leuchtet, bevor die Fahnder oder Zivilkläger anrücken und es richtig teuer wird.“

Über eine besondere Wertschätzung für Whistleblower wird laut Steve Pearlman, Partner bei der New Yorker Rechtsanwaltskanzlei Proskauer, derzeit in einigen US-Firmen diskutiert: nämlich über Prämien des Arbeitgebers. Offenbar prüfen US-Unternehmen, ob sie mit den SEC-Prämien gleichziehen müssen, damit Whistleblower intern Alarm schlagen – und nicht zur Börsenaufsicht gehen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%