Whistleblower Gute Gier gegen schlechte Gier

Staatliche Prämien für Beschäftigte, die gesetzwidriges Verhalten des Arbeitgebers melden, machen in den USA aus Tippgebern Millionäre. Die Unternehmen laufen Sturm gegen das Belohnungs-System.

Die bekanntesten Whistleblower
James E. CartwrightDrei Jahre nach einem Hackerangriff auf das iranische Atomprogramm ermitteln die US-Behörden gegen den damaligen Vize-Generalstabschef wegen der Weitergabe von Informationen. Die Untersuchungen gegen den früheren General James Cartwright stünden im Zusammenhang mit Veröffentlichungen über das Computervirus Stuxnet, berichtete der Sender NBC unter Berufung auf Justizkreise. Das Virus Stuxnet, das von den USA und Israel entwickelt worden sein soll, hatte das iranische Atomprogramm angegriffen. Die Urananreicherung kam deswegen vorübergehend ins Stocken. Über die Attacke berichtete im vergangenen Jahr die "New York Times". Demnach beschloss Präsident Barack Obama, die unter seinem Vorgänger George W. Bush begonnenen Cyberangriffe auszudehnen. Quelle: AP
Edward SnowdenWhistleblower Edward Snowden soll die Daten-Spionage, die unter dem Schlagwort PRISM bekannt wurde, publik gemacht haben. Bei PRISM handelt es sich um ein bislang unbekanntes Überwachungsprogramm mit dem der Geheimdienst seit 2007 direkt auf die Server der führenden amerikanischen Internet-Firmen zugreifen könne, um Informationen abzugreifen: E-Mails, Dokumente, Chatprotokolle und Verbindungsdaten etwa. Was es mit dem Programm auf sich hat, lesen Sie hier. Quelle: AP
Bradley Manning (geb. 1987)Der US-Militär soll 2010 der Plattform Wikileaks ein Video zugespielt haben, das die Luftangriffe auf Bagdad am 12. Juli 2007 dokumentiert. Die Filmdateien belegen, dass aus einem amerikanischen Kampfhubschrauber Zivilisten erschossen wurden. Außerdem soll Manning Depschen amerikanischer Botschaften an Wikileaks weitergeleitet haben, die veröffentlicht wurden und weltweit für Furore sorgten. Quelle: U.S. Army
William Mark Felt (1913-2008)Der ehemalige amerikanische FBI-Agent ist vor allem unter seinem Pseudonym Deep Throat bekannt. Am 31. Mai 2005 fanden die Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein nach 33 Jahren Geheimhaltung heraus, wer hinter dem wichtigsten Informationen der Watergate-Affäre steckt. Felts Informationen führten letztlich zum Rücktritt von Präsident Nixon. Quelle: dpa
Rudolf Schmenger und Frank WehrheimSchmenger (im Bild) und Wehrheim waren für die Aufdeckung von Steuerhinterziehungen der Commerzbank und Deutschen Bank in Höhe von 500 Millionen Euro verantwortlich. Sie wurden beim Kampf gegen die Steuerhinterzieher von ihrer Behörde ausgebremst - bis hin zur falschen Diagnose einer Berufsunfähigkeit. Beide kritisierten dieses Vorgehen stark und machten das Vorgehen öffentlich. Die komplette Geschichte dazu veröffentlichte 2008 das Magazin "Stern". Quelle: dpa
Christoph Meili (geb. 1968)Der ehemalige Wachmann einer privaten Sicherheitsfirma, die für die schweizerische Großbank UBS tätig war, schmuggelte 1997 vermeintliche Holocaust-Dokumente aus der Bank und rettete sie vor dem Schredder. Die Vernichtung von Akten über solche nachrichtenlosen Vermögenswerte wurde erst ein Jahr zuvor in seiner Heimat verboten. Um die Dokumente, die zerstört werden sollten, zu prüfen, nahm er sie mit nach Hause, um sie anschließend einer jüdischen Organisation zu überreichen. Diese gab die Papiere sofort an di e Kriminalpolizei weiter. Im Nachgang wurde klar, dass die Akten aus den Jahren 1897 bis 1927 stammten und somit gar keine Holocaust-Dokumente sein konnten. Daraufhin stellte die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich Strafanzeige gegen Meili wegen Verstoßes des Bankgeheimnisses, das 1998 wieder eingestellt wurde. In der Zwischenzeit hatte Christoph Meili mit seiner Familie Asyl in den USA erhalten. Quelle: GNU
Roger Boisjoly (1938-2012)Der amerikanische Raumfahrtingenieur hatte seit Juli 1985 vergeblich vor einem Defekt an Dichtungsringen des Space Shuttle gewarnt. Er fand kein Gehör, mit dem fatalen Effekt, dass aufgrund eben dieses Fehlers am 28. Januar 1986 die Challenger abstürtzte. 73 Sekunden nach dem Start zerbrach die Raumfähre. Die gesamte Besatzung kam bei dem Unglück ums Leben. Quelle: dapd
Margrit Herbst (geb. 1940)Bereits 1990 stellte die Amtstierärztin aus dem Kreis Segeberg (Schleswig-Holstein) erste Verdachtsfälle von BSE fest. Daraufhin verweigerte sie die Freigabe zur Verwendung als Lebensmittel. Das Landratsamt stellte sich gegen ihre Entscheidung, gab das Fleisch frei. Herbst stellte weitere Fälle fest und gab daraufhin Fernsehinterviews, in denen sie von dem Skandal berichtete. Aufgrund ihres Engagements verlor sie ihre Arbeitsstelle fristlos. 1997 entschied das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein jedoch, dass die Unterlassungsklage gegen Margrit Herbst nach Eindruck des Gerichts mit konkreter Informationsunterdrückung innerhalb der Behörde in Verbindung zu bringen waren. Außerdem stellte man fest, dass die öffentlichen Äußerungen von Herbst weder dem Inhalt noch der Form oder der Art der Veröffentlichung nach beanstandet werden durften. Quelle: REUTERS

Es ist noch warm in Washington. Die Aktivisten, die sich im Garten einer Villa unweit des Kapitols zu ihrem Jahrestreffen versammelt haben, suchen den Schatten. Viele haben ihre zerknautschten Sakkos abgelegt und die Hemdsärmel aufgekrempelt. Der eine hat gegen Rassismus in Behörden aufbegehrt, der andere Lauschattacken von Geheimdiensten enthüllt – und dafür gebüßt. Gesichtszüge lassen den Jobverlust, private Zerwürfnisse und zermürbende Gerichtsverfahren erahnen, die so mancher erlitten hat.

Einer passt nicht so recht ins Bild. Bradley Charles Birkenfeld – hochwertiges Tuch, markantes Gesicht – hat mit einer kleinen Entourage ein paar Stühle gekapert und beobachtet locker-interessiert das Treiben. Auch der 49-Jährige hat aufbegehrt, nämlich gegen seinen früheren Arbeitgeber, die Schweizer Bank UBS. Auch er hat etwas verraten: dass die eidgenössische Nobelbank Geld amerikanischer Steuerhinterzieher vor dem US-Fiskus auf Konten in der Alpenrepublik versteckt hat. Und auch er hat dafür seinen Job verloren.

Tippgeber die bereits ohne Belohnung auspackten

Doch Birkenfeld ist die Ruhe in Person. Denn er hat nicht nur vieles verloren, sondern auch einiges gewonnen: 104 Millionen Dollar bezahlte ihm 2012 die US-Steuerbehörde IRS für seine Insiderinformationen über amerikanische Steuersünderkonten in der Schweiz. Birkenfeld ist also Multimillionär – und wird zugleich als Robin Hood verehrt. Eine kurze Rede vor den Aktivisten, ein Preis, Applaus – dann rauschen er und seine Freunde wieder ab.

Leute wie Birkenfeld haben Hochkonjunktur in den USA. Während in Berlin die schwarz-rote Koalition über den gesetzlichen Schutz von Hinweisgebern ergebnislos streitet, ist jenseits des Atlantiks daraus ein Zig-Millionen-Geschäft geworden. Whistleblowing oder Tippgeben, wie der Verrat gesetzeswidrigen Verhaltens in Unternehmen und Behörden auf Deutsch heißt, nagt nicht nur an Konzernkassen, sondern schafft zugleich eine neue Klasse der Millionäre: Wer einer staatlichen Aufsichtsbehörde, ob für Börse, Militär oder Verbraucherschutz, ein Vergehen des Arbeitgebers gegen Vorschriften meldet, bekommt dafür eine Prämie in bis zu dreistelliger Millionenhöhe. Mit von der Partie sind Anwälte, die sich auf das Metier spezialisiert haben und ihren Anteil an der Belohnung abgreifen.

„Whistleblowing ist zum Big Business geworden, für die Informanten, für ihre Rechtsanwälte und für den Staat, dem die zu erwartenden Bußgeldmilliarden nicht ungelegen kommen“, sagt Tom Devine, Rechtsanwalt und einer der wichtigsten Whistleblowing-Experten der USA. „Es ist ein Goldrausch, aber ich kann nichts Schlechtes daran erkennen.“

Auslöser für den Run auf die neuen Nuggets ist vor allem der Dodd-Frank-Act aus dem Jahr 2011. Das nach den beiden demokratischen US-Politikern Chris Dodd und Barney Frank benannte Gesetz zur Zähmung der Finanzmärkte ermächtigt die US-Börsenaufsicht SEC wie die Steuerkontrolleure von der IRS und andere Behörden, Whistleblower für ihren Geheimnisverrat mit Prämien zu belohnen. Tipps, die zu Strafen von mindestens einer Million Dollar führen, honoriert die SEC mit 10 bis 30 Prozent der Bußgeldsumme.

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