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Whistleblower Gute Gier gegen schlechte Gier

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Mitarbeiter spielen Polizei am Arbeitsplatz

Es sind nicht einzelne Elemente des Gesetzes, die die Wirtschaftsvertreter stören, es geht ums Prinzip. Denn mit den hohen Prämien bekämpft der Staat letztlich illegale Praktiken, die auf dem gleichen Mechanismus beruhen, der die Finanzkrise 2008 mit auslöste – dem ungebremsten Gewinnstreben. Oder zugespitzt: Gier gegen Gier, getreu dem Chemiker-Latein „Similia similibus solvuntur“, Gleiches löst Gleiches.

Mitarbeiter, vermutet die Handelskammer, könnten aus Geldgier direkt zur SEC laufen, statt Straftaten intern zu melden. Dies unterwandere die Bemühungen um Compliance, also um gesetzestreue Unternehmensführung, schimpft David Hirschmann, Präsident der Kapitalmarkt-Abteilung der Handelskammer. Firmen müssten Gelegenheit haben, Missstände selbst abzustellen. Sonst sei das, „als würde man bei einem Brand nicht die Feuerwehr rufen, sondern einen Anwalt beauftragen, damit er wegen des Feuers jemanden verklagt“.

Die SEC will nicht ausschließen, dass manche Mitarbeiter zuerst Behörden einschalten. Allerdings sehen die Börsenwächter in erster Linie die Unternehmen in der Pflicht. Diese müssten sicherstellen, dass es interne Stellen gibt, an die sich Whistleblower vertrauensvoll wenden können. Dann würden die Mitarbeiter auch den internen Weg als ersten Schritt vorziehen. Zahlen geben der SEC recht. Laut einer Erhebung des Ethics Resource Center in Arlington bei Washington wenden sich über 90 Prozent der Mitarbeiter in US-Unternehmen, die Missstände anzeigen, zunächst an interne Stellen.

David Zaring, Jura-Professor an der Wharton School in Philadelphia, poltert über einen anderen Aspekt des staatlich geförderten Whistleblowing. Es ermutige gewöhnliche Bürger, am Arbeitsplatz „Polizei zu spielen“, sagt Zaring. Heerscharen von Rechtsanwälten würden ermuntert, Spitzel anzuwerben. „So gesehen“, meint Zaring, „ist das Whistleblower-Programm eine Privatisierung der Strafverfolgung, vergleichbar mit der Auslagerung eines Gefängnisbetriebs an eine Firma.“ Offenbar vertraue der Gesetzgeber eher auf private Spitzel statt auf Ermittlungen der Behörden, sagt Haring, und spielt auf die frühere SEC-Chefin Mary Schapiro an, die „limitierte Ressourcen“ der SEC einräumte.

Ex-SEC-Strafverfolger Thomas hingegen sieht in den Whistleblowern keine Privatisierung der Strafverfolgung: „Die Behörde tut das, was sie muss: Sie gestaltet die Strafverfolgung so effizient wie möglich, und die Whistleblower sind dabei das vielleicht wichtigste Mittel.“

Zwar kommentiert die SEC die Güte der Whistleblower-Informationen nicht, doch aus ihrem Umfeld verlautet, dass die Zahl der unbrauchbaren Tipps „erstaunlich gering“ sei. Offenbar steht die Behörde eher vor dem Problem, die Tausenden vorgetragenen Fälle zu sichten und die gravierendsten herauszufiltern. Mehrfach musste die Behörde dazu ihr Personal aufstocken.

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