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Whistleblower Gute Gier gegen schlechte Gier

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USA - Heimat des Whistleblowing

Weil die mächtigste Börsenaufsicht der Welt häufig sechsstellige Millionen- und mitunter sogar Milliardenstrafen verhängt, hat sich eine regelrechte Whistleblowing-Branche entwickelt. Mehr als 7000 Informanten aus den USA und 68 weiteren Ländern haben die Börsenchecker seit 2011 mit Insider-Informationen über Regelverstöße ihrer Arbeitgeber geflutet. SEC-Chefin Mary Jo White pries vergangene Woche das „enorm erfolgreiche Whistleblower-Programm, das sehr signifikante Informationen über schwere Verbrechen liefert“.

Drei Jahre nach dem Inkrafttreten des Gesetzes zeigt die Statistik, dass das staatlich geförderte Ausplaudern zunehmend Betrüger, Bestecher und Berufsmanipulateure in Unternehmen auffliegen lässt. Aus Tausenden von Anzeigen hat die SEC bislang etliche Hundert besonders viel versprechende ausgewählt und verfolgt. 431 davon mündeten bis Ende 2013 in Verfahren, die zu Strafen von einer Million Dollar oder mehr geführt haben.

Die meisten der erfolgreichen Whistleblower erhielten Prämien unter einer Million Dollar. Doch die Fälle üppiger Zahlungen nehmen zu. Einem Tippgeber, der eine Immobilienbetrügerei meldete, überwies die SEC im vergangenen Jahr 14 Millionen Dollar. Vor einigen Wochen transferierte die Behörde 30 Millionen Dollar auf ein Konto außerhalb der USA. Es war der erste SEC-Whistleblower, der aus dem Ausland Tipps lieferte. Weitere Multimillionenprämien hat die Behörde angekündigt.

Informationen zum Whistleblower-Programm SEC Quelle: SEC

„Das Gesetz funktioniert“, frohlockt die SEC. Ihre Pipeline sei prall gefüllt mit hochkarätigen Fällen. Die neue Generation der Whistleblower sei gut informiert, hoch spezialisiert und für die Fahnder unverzichtbar. „Der Staat käme allein nie an diese Informationen“, verlautet es aus der Behörde: „Womöglich sind diese Whistleblower das schärfste Schwert im Kampf gegen Wirtschaftskriminalität.“

Dass der Whistleblower-Millionär in den Vereinigten Staaten erfunden wurde, ist kein Zufall. Die USA sind das Mutterland des Whistleblowing. Früher als jede andere Nation haben die Vereinigten Staaten erkannt, wie nützlich Hinweisgeber für die Strafverfolgung sein können. Schon 1778, da waren die USA gerade zwei Jahre alt, wurde das erste Gesetz zu ihrem Schutz verabschiedet. Auslöser war die Diskriminierung zweier Soldaten, die Missstände in der Kriegsmarine angezeigt hatten. 1863 folgte ein weiteres Gesetz: Die Regierung musste während des Bürgerkriegs Betrug durch Armeeausrüster eindämmen und setzte dabei auf Tippgeber.

Den großen Durchbruch erlebte das Whistleblowing 1974 durch den Watergate-Skandal. US-Präsident Richard Nixon trat damals zurück, weil ein FBI-Beamter Belastendes an die Zeitung „Washington Post“ durchgestochen hatte.

Denunzianten, Verräter, Spitzel – die Bezeichnungen für diskrete Tippgeber waren aber auch in den USA nicht immer höflich. Deshalb ersann der US-Verbraucherschützer und grüne Politiker Ralph Nader das Whistleblowing, zu Deutsch: in die Trillerpfeife blasen, Alarm schlagen, um Missstände in Staat und Wirtschaft zu bekämpfen. Heute schützen in den USA Dutzende Gesetze Whistleblower vor Entlassung, Strafverfolgung oder Schadensersatzklagen – und verhelfen zahlreichen Anwälten zu einem einträglichen Geschäft.

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