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Wien, Izmir und Kalkutta So denken die Stadtoberen der Großstädte über das Thema Wohnungsnot

annDer Wohnungsmarkt in Berlin ist angespannt. Die Debatte über Lösungen wird hitzig geführt. Kann Deutschland etwas von der Situation in Großstädten im Ausland lernen? Quelle: imago images

Vom Mietendeckel bis zur Zwangsenteignung – der Wohnungsmarkt in Großstädten sorgt hierzulande für Diskussionen. Wir haben mit Verantwortlichen aus Wien, Izmir und Kalkutta gesprochen. Wie ist die Situation bei ihnen?

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Es war ein Treffen von Bürgermeistern aus der ganzen Welt: Auf dem zweiten internationalen „Mayors Summit“ haben sich in Düsseldorf rund 75 Delegierte aus 28 Ländern zusammengefunden, um über Chancen und Herausforderungen für Städte zu diskutieren. Ein wichtiges Thema: der soziale Wohnraum in Großstädten. Drei Blickwinkel aus dem Ausland.

Wien, Österreich: Knapp 1,9 Millionen Einwohner auf rund 414 Quadratkilometern

Jürgen Czernohorszky, Stadtrat für Bildung, Jugend, Integration und Personal: „Wien hat eine 100-jährige Historie des sozialen Wohnbaus. Daher sind wir derzeit in einer sehr glücklichen Position. 62 Prozent der Wiener leben in sozial geförderten Wohnungen. Dort liegen die Mieten zwischen sieben und acht Euro fünfzig pro Quadratmeter. Wir haben kürzlich eine neue Kategorie der Flächenwidmung eingeführt, mit dem Namen „Sozialer Wohnbau“. Mindestens zwei Drittel der Wohnungen, die dort gebaut werden, müssen Sozialwohnungen sein. Damit bestärken wir unseren Grundsatz: „Wohnen ist ein Grundrecht“. Der soziale Wohnbau ist bewusst keine Armenförderung. Vor allem der Mittelstand profitiert davon. Der soziale Status soll in Wien nicht von der Adresse abzulesen sein. Der geförderte Wohnbau wirkt natürlich auch stark preisdämpfend auf den Wohnungsmarkt; die privaten Investitionen in Neubauten gehen zurück. Dem begegnen wir mit Wohnungsbauförderungen, die in Wien nahezu voll ausgeschöpft werden. Es ist wichtig, als Stadt die Flächen konsequent zu sichern und den Griff darauf zu behalten. Privatisierung ist irrsinnig schwierig umzukehren.  Das ist nicht nur ein Thema des Wohnens. Mehr Menschen brauchen auch mehr Infrastruktur – für Bildung zum Beispiel. Wien ist eine beliebte Universitätsstadt. Außerdem kommen auch mehr Kinder in die Stadt, also benötigen wir Flächen für neue Schulen. Wenn die Einwohnerzahl wächst, die Stadt aber kaum noch Kontrolle über Wohnflächen hat, verursacht das natürlich Probleme.“

Der Wiener Wohnungsmarkt wird in Debatten um sozialen Wohnraum immer wieder als Vorbild eingebracht. Quelle: imago images

Izmir, Türkei: Knapp 4,2 Millionen Einwohner auf 7340 Quadratkilometern

Tunç Soyer, Oberbürgermeister: „Jede Großstadt auf der Welt hat im Endeffekt die gleichen Probleme. Nur die Lösungsansätze variieren. Als Bürgermeister kontrollierst du keinen Zauberstab, das Problem der Wohnungsnot ist nicht einfach zu bewältigen. Am Ende liegt die Lösung in den Händen der Menschen. Die Wohnungen im Stadtzentrum sind teuer. Diese politisch nach unten zu drücken, halte ich nicht für die beste Lösung. Ich würde eher einen Schritt vorher ansetzen. Wir müssen versuchen die Armut zu bekämpfen. Außerdem sollten wir die Infrastruktur in den ländlichen Regionen außerhalb der Stadt verbessern. Wenn wir dort das Leben wieder lebenswerter machen, entlasten wir den Wohnungsmarkt in den Städten.“

Der Oberbürgermeister der türkischen Millionenstadt Izmir hält Mietendeckel für keine gute Idee. Der Wohnungsmarkt in der Großstadt müsse entlastet werden. Quelle: imago images

Kalkutta, Indien: Offiziell leben rund 4,5 Millionen Menschen im Stadtgebiet von Kalkutta, auf einer Innenstadtfläche von 205 Quadratkilometern. Zusätzlich fluten jeden Tag mindestens zehn Millionen Menschen aus den Randbezirken in die Stadt.

Atin Ghosh, Vize-Oberbürgermeister: „Das Thema Wohnen ist das größte Problem in Kalkutta. 90 Prozent der Wohnungen sind in privatem Besitz. Die Mieten sind zu niedrig, Eigentümer können nur sehr schwer in Renovierungen investieren. Die Bausubstanz der Stadt verfällt nach und nach. Alte Mieter, also Menschen die schon zehn, zwanzig oder mehr Jahre in den Wohnungen leben, akzeptieren Mieterhöhungen nicht. Gerichtsverhandlungen ziehen sich häufig über Jahre, daher scheuen Hausbesitzer eine Zwangsumsiedlung. Daher haben wir sogenannte „leave and license“-Verträge erlaubt. Hausbesitzer treffen Vereinbarungen mit den Mietern, die nur elf Monate gültig sind. Danach wird wieder neu verhandelt. Die Mieten für diese Wohnungen sind rasant gestiegen. Allerdings sind nach wie vor 65 Prozent der Wohnungen durch alte Mieter regelrecht besetzt.“

In Kalkutta sind zu hohe Mieten kein Problem, ganz im Gegenteil. Quelle: imago images

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