WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Winfried Kretschmann "Durchgreifende Reformen in kleinen Schritten"

Seite 3/5

Bei den Grünen gibt es, überspitzt formuliert, viele Sozialwissenschaftler und Kunstverständige, aber wenig Ökonomen und Ingenieure. Reicht das für die Regierungsverantwortung?

Wir sind personell gut aufgestellt. Moderne Regierungen müssen die Impulse der Zivilgesellschaft – und da zähle ich die mittelständische Wirtschaft ausdrücklich dazu – aufnehmen und ihr Wissen nutzen. Ich bin fest entschlossen, einen dialogischen Politikstil zu etablieren, der der wachsenden Sachkenntnis verpflichtet ist. Er schöpft Kraft aus der Mitarbeit und Kreativität der Bevölkerung und öffnet sich ihren Verbesserungsvorschlägen. Vor allem das ist gemeint, wenn der Koalitionsvertrag unter der Überschrift steht: Der Wechsel beginnt.

In der Energiepolitik stellen Sie sich unter Wechsel vor allem neue Windräder vor. Wie viele davon wollen Sie denn bauen?

Das kommt ganz auf die Leistung der Windräder an. Derzeit gewinnen wir in Baden-Württemberg nur 0,7 Prozent unseres Stroms aus der Windkraft. Damit stehen wir am Schluss aller Flächenstaaten. Zum Vergleich: Rheinland-Pfalz kommt auf sieben Prozent. Insofern ist unser Ziel ambitioniert, aber erreichbar. Es werden, vor allem in den Mittelgebirgen, also auf der Schwäbischen Alb und im Schwarzwald, ganz neue Windparks entstehen: große, moderne Anlagen.

Sie wollen den Schwarzwald verspargeln? Eine deutsche Kulturlandschaft? Eine touristische Vorzeigeregion?

Es wird Widerstände geben, dessen sind wir uns bewusst. Deshalb wollen wir die Landschaft nicht verspargeln, sondern möglichst kompakte Windparks schaffen.

Das wird den Protest nicht beruhigen.

Eine Änderung der Industriegesellschaft verändert die Landschaft – das ist der Preis, den wir für den Fortschritt bezahlen müssen. Man kann nicht aus der Atomenergie aussteigen, die Kohleverstromung verdammen, den Wohlstand halten wollen und gleichzeitig fordern: Die Landschaft verändert sich nicht. Wenn wir in 50 Jahren bessere Ideen haben, um unseren Energiebedarf zu decken, dann können wir die Windräder ja wieder abbauen und recyceln. Windmühlen-Schrott ist ein bisschen was anderes als Atommüll, der eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren hat.

Welche Pläne haben Sie mit dem Energieversorger EnBW, an dem das Land mit 45 Prozent beteiligt ist?

Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) hat uns schwere Wackersteine in den Rucksack gelegt. Er hat die Aktien nicht nur zu einem weit überhöhten Preis, sondern auch noch auf Pump gekauft – nicht gerade das, was man unter schwäbischer Solidität versteht. Wenn wir den Landeshaushalt nicht belasten wollen, muss die Dividendenausschüttung über der Zinsbelastung liegen. Die Kunst wird darin liegen, den Ertrag des Unternehmens zu steigern, ohne den nötigen Umbau zu gefährden – und umgekehrt: den Umbau voranzutreiben, ohne die Ertragskraft des Unternehmens zu schwächen.

Geht’s ein wenig konkreter?

Bald. Für heute nur so viel: Wir werden einen „Masterplan Energie“ aufstellen und sind auf der Suche nach strategischen Partnern.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%