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Wirecard-Ausschuss am 15. April 2021 Warum Ex-Geheimdienstler Wirecard auf dem Schirm hatten

Quelle: dpa Picture-Alliance

Wirecard hatte gleich mit zwei ehemaligen Geheimdienstkoordinatoren der Bundesregierung Kontakt. Einer will schon 2018 einem Agenten-Thriller auf die Spur gekommen sein.

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Thema des Tages:
Ist der Fall Wirecard ein Agenten-Thriller?

Die Zeugen:
- Klaus-Dieter Fritsche, ehemaliger Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung
- Bernd Schmidbauer, ehemaliger Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung

Klaus-Dieter Fritsche, bis 2018 Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung, hatte sich nach seinem Ausscheiden als Berater für Wirecard verdingt. Honorar: 6000 Euro. Wirecard sei zwar bereits ein Dax-Unternehmen gewesen, habe aber den Kontakt zur Bundesregierung verbessern wollen, erklärte Fritsche bei seiner Vernehmung im U-Ausschuss. Seine Kontaktperson war Ex-Wirecard-Finanzvorstand Burkhard Ley. Es habe nach einem Kennenlernen noch ein, zwei Treffen bei Wirecard in Aschheim gegeben. Er sei motiviert gewesen, sich einzusetzen, weil "Herr Ley gesagt hat, dass der CEO von Wirecard regelmäßig im österreichischen Bundeskanzleramt ein- und ausgeht.“ Das hat Fritsche offenbar an der Ehre gepackt: Er wollte die Tür zum deutschen Kanzleramt öffnen. Und hatte Erfolg: Fritsche beschaffte dem Wirecard-Finanzvorstand Alexander von Knoop und Ley im September 2019 einen Termin beim Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Lars-Hendrik Röller.

Die kritische Berichterstattung über Wirecard habe er wahrgenommen. Dass die Bafin 2019 ein Leerverkaufsverbot erlassen hatte und Anzeige gegen die Shortseller und Journalisten erhoben hatte, habe ihn beruhigt. Zudem habe ihn Ley beruhigt. 

Auffällig bei Fritsche ist: Er ließ sich in dieser Zeit auch vom damaligen österreichischen FPÖ-Innenminister Herbert Kickl anheuern, um bei der Reform des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorbekämpfung (BVT) zu helfen. Das ist der Geheimdienst, mit dem auch Marsalek in Verbindung gebracht wird. Marsalek, so viel ist bekannt, hat mit seinen Geheimdienstkontakten geprahlt. „Wer so behauptet, was er alles macht, da stimmt nicht mal ein Zehntel“, sagte Fritsche.

Hat Marsalek mit dem russischen Geheimdienst angebandelt? „Wenn er das gemacht haben sollte, dann gnade ihm Gott. Weil die russischen Dienste nur zum Wohl Russlands arbeiten, nicht zum Wohl von Herrn Marsalek. Wenn er dort sein sollte, hat er eine erhebliche Gegenleistung zu erbringen, damit er geschützt wird.“ Wie attraktiv Wirecard für Geheimdienste gewesen ist? „Für deutsche Geheimdienste nicht. Für ausländische Nachrichtendienste sicher“, sagte Fritsche.

Bernd Schmidbauer, in den 90er-Jahren Geheimdienstkoordinator unter Bundeskanzler Helmut Kohl, sagte vor dem Ausschuss, dass er am 19. November 2018 Jan Marsalek getroffen habe. „Es gab drei, vier Punkte, die mich nicht nur interessierten, die auch die Sicherheit unseres Landes betrafen.“ Das sei das einzige Treffen gewesen. Ihn habe „elektrisiert“, dass Marsalek damit geprahlt habe, er habe die Formel des Nervengifts Nowitschok. „Ich habe mich bemüht, von Herrn Marsalek mehr zu erfahren. Das gelang nicht.“

Marsalek sei gut über Nachrichtendienste informiert gewesen, sagte Schmidbauer. Auch darüber, wie wichtig Wirecard für Geheimdienste sein könnte. Marsalek habe Wissen über Kommunikationstechnologien gehabt und auch Kontakte zu den Entwicklern solcher Technologien gehabt. Das seien deutsche und ausländische Firmen gewesen. Diese hätten etwa Abwehrmechanismen gegen Ausspäh-Attacken entwickelt. Marsalek habe „zu sehr am Rad der Weltgeschichte drehen wollen“, sagte Schmidbauer.

Schmidbauer sprach in seiner Vernehmung häufig von „wir“. Wen er damit meinte? „Wir sind Leute, die sich ihr Leben lang beschäftigen mit diesen Fragen. Aber darüber möchte ich gar nicht berichten, weil das ist nicht wichtig.“ Damit meinte er offenbar ehemalige Geheimdienst-Leute. Jens Zimmermann von der SPD zeigte sich überrascht, dass Ex-Geheimdienstkoordinator Schmidbauer Marsalek auf dem Schirm hatte - und die Bundesregierung nicht. „Warum soll ich jetzt glauben, dass Sie alles auf dem Schirm hatten - was ich Ihnen glaube. Und dieser Riesen-Apparat in der Chausseestraße den Namen Marsalek ins System eingibt und sagt, sie haben den Namen noch nie gehört“, so Zimmermann. Schmidbauer sah die Sache so: „Jeder Nachrichtendienst, der etwas auf sich gehalten hat, muss Marsalek auf dem Schirm gehabt haben.“

Der große Wirecard-Liveblog zum Nachlesen: So berichteten die WiWo-Reporter aus dem Wirecard-Untersuchungsausschuss

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Mehr zum Thema: Bei dem mittlerweile insolventen Wirecard-Konzern wurde seit jeher getäuscht. Das zeigt das Buch „Die Wirecard-Story“ zweier WirtschaftsWoche-Reporter. Die Erfolgsgeschichte war zu schön, um wahr zu sein. Von Anfang an.

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