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Wirecard-Ausschuss am 6. Mai 2021 Ein EY-Mitarbeiter und ein Wirecard-Anwalt packen aus

Quelle: dpa Picture-Alliance

EY-Forensiker Christian Muth berichtet, dass er verdächtige Vorgänge bei Wirecard fand und seine Bedenken an die Kollegen weitergab, die die Wirecard-Bilanz prüften. Diese befanden, die Vorwürfe hätten „keine Substanz“.

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Thema des Tages:
Die Rolle von EY, das Leerverkaufsverbot und die Vorgänge im Topmanagement von Wirecard

Die Zeugen:
- Christian Muth, EY
- Franz Enderle, langjähriger Wirecard-Anwalt
- Sabine Heinzinger, ehemalige Assistentin von Jan Marsalek bei Wirecard

Christian Muth, Forensik-Experte bei EY, sollte für EY das „Project Ring“ leiten. Dabei ging es um eines der großen Mysterien im Wirecard-Skandal: die Übernahme des indischen Zahlungsdienstleisters Hermes durch Wirecard im Jahr 2015. Es war die größte Übernahme der Firmengeschichte. Wirecard zahlte mehr als 300 Millionen Euro an den Fonds Emerging Markets Investment Fund 1A (Emif 1A) mit Sitz auf Mauritius. Später kam heraus, dass der Fonds den indischen Zahlungsdienstleister kurz zuvor selbst für nur 40 Millionen gekauft hatte. Bis heute steht der Verdacht im Raum, dass hinter Emif 1A der flüchtige Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek steckt – oder zumindest ihm nahestehende Personen wie der Marsalek-Kumpel James Henry O‘ Sullivan.

Muth berichtete den Abgeordneten, dass Ex-Wirecard-Finanzvorstand Burkhard Ley versucht habe, seine Untersuchungen zu beeinflussen. Ley habe schriftlich versucht, den Text der Forensiker zu beeinflussen, etwa dass sie die Vorwürfe angeblich nicht beweisen konnten. Dagegen hätte er sich gewehrt, sagte Muth. Wirecard habe Daten nicht vollumfänglich geliefert. „Es ist eine Art Puzzlespiel.“ Er habe stufenweise weiterarbeiten wollen. „Genau das ist uns verwehrt worden.“ Mit den Vorgängen befasste Personen sollten befragt werden, weitere Daten und Dokumente sollten besorgt werden. Aber auch Wirecard-Chef Braun habe sich beim Thema Beweisführung verdächtig gezeigt: Er habe ihn in eine „akademische Diskussion“ über forensische Beweisführung verwickeln wollen, sagte Muth.

Die Prüfung des Projekts Ring sei inhaltlich nie beendet worden, sie sei offen, sagte Muth. „Wir hatten Indikatoren, aber keinen Beweis.“ Die für die Bilanzprüfung zuständigen EY-Kollegen, die über seine Zweifel unterrichtet waren, hätten aus seinen Recherchen gefolgert, dass die Vorwürfe „keine Substanz“ hätten, sagte Muth. Damit könne er als Forensiker nicht zufrieden sein. Vor allem sein Kollege Andreas Loetscher sei über seine Unzufriedenheit informiert gewesen. War es richtig von EY, Wirecard dennoch ein uneingeschränktes Testat zu geben? „Das müssen andere beurteilen.“ Ob es Diskussionen bei EY gab, die Informationen zu Projekt Ring mit Behörden zu teilen? Ja, sagt Muth. Er habe angeregt, eine Geldwäscheverdachtsanzeige zu erstatten. „Dann ist mir mitgeteilt worden, dass die Voraussetzungen dafür nicht vorliegen.“

Franz Enderle, langjähriger Wirecard-Anwalt, hatte seinen großen Auftritt im Februar 2019. Die „Financial Times“ hatte Ende Januar 2019 Umsatz-Schiebereien bei Wirecard in Singapur aufgedeckt, ein Whistleblower hatte Material geliefert. Doch Wirecard schlug zurück, Anwalt Enderle nahm Kontakt zur Münchner Staatsanwaltschaft auf – und präsentierte ihnen die folgende Geschichte: Die „FT“ stünde im Verbund mit Shortsellern, also Spekulanten, die auf fallende Kurse der Wirecard-Aktien wetten. Als Zeuge lieferte Enderle den Staatsanwälten die schriftliche Erklärung des Spekulanten Daniel Harris – einem Mann mit einem  fragwürdigen Ruf. Dieser erklärte, sein Broker habe am Tag vor Veröffentlichung des „FT“-Artikels mit einem „Freund“ gesprochen. Dieser habe ihm berichtet, dass es einen kritischen Artikel über Wirecard geben würde, weshalb sich eine Wette auf fallende Kurse lohnen würde. Weitere Belege? Gab es nicht. Ein paar Tage später legte Enderle nach, behauptete, dass Jan Marsalek von der Nachrichtenagentur Bloomberg erpresst worden sei: Sechs Millionen Euro solle Wirecard zahlen, sonst steige die Agentur in die kritische Berichterstattung über Wirecard ein. Den Vorwürfen, die Enderle vorbrachte, gingen die Staatsanwälte in München so gut wie nicht nach. Was sie jedoch taten: Sie tippten Enderles Vorwürfe ab und schickten sie an die Kollegen der Finanzaufsicht BaFin. Und die reagierte mit dem umstrittenen Leerverkaufsverbot.

Enderle hob in seiner Vernehmung sein gutes Verhältnis zur Münchner Staatsanwältin und Wirecard-Chefermittlerin Hildegard Bäumler-Hösl hervor. Er kenne sie seit langer Zeit. In dieser Zeit lerne man einander kennen und könne die Validität der Aussagen des anderen einschätzen. Das Vertrauensverhältnis ging offenbar so weit, dass ihn die Oberstaatsanwältin mehrfach von Medienanfragen zum Thema Wirecard unterrichtet haben soll. Dass er die Handynummer der Münchner Oberstaatsanwältin Bäumler-Hösl habe, sei doch ein Vorteil für die Staatsanwaltschaft, sagte Enderle. So komme die Staatsgewalt einfacher an Informationen, die sie für ihre Arbeit brauche.

Die Informationen, die er im Namen von Wirecard weitergegeben hatte, hätten aus „sehr konkreten Daten, Zahlen, Informationen und Personen“ bestanden. „Ich habe diese weitergegeben, weil das meine Aufgabe als Vertreter eines damals Verletzten in einem Marktmanipulationsverfahren war.“ Enderle weiter: „Ich bin nicht derjenige, der die Validität beurteilen muss.“ Er habe die Informationen lediglich an die Ermittler weitergegeben „wie ich sie erfahren habe und wie ich sie gesehen habe.“ Ob die Belege gefälscht waren, wisse er nicht.

Enderles Kanzlei hat pauschal zeitweilig 100.000 Euro im Monat von Wirecard erhalten - als eine Art Flatrate für die Betreuung. „Es ist auch nicht ungewöhnlich hoch“, sagte Enderle. Wann er gemerkt hat, dass er missbraucht wurde? Als der „eine verschwunden und der andere verhaftet worden ist“, sagte Enderle.

Sabine Heinzinger war die Assistentin von Jan Marsalek bei Wirecard. Hatten Braun und Marsalek das Sagen in der Firma? Das Verhältnis der beiden sei das engste innerhalb des Vorstands gewesen, sagte Heinzinger. Das ließe sich auch historisch begründen, weil die zwei Männer schon seit Anfang der Nullerjahre zusammengearbeitet hätten. Zudem habe der frühere Finanzvorstand Burkhard Ley zum Kreis der Vertrauten gehört. „Es war auf jeden Fall ein Trio.“ Waren Braun und Marsalek auf Augenhöhe? Ja, sagte Heinzinger, aber die finale Entscheidung lag immer bei Braun.
CDU-Mann Matthias Hauer: „Wussten Sie eigentlich immer, wo sich der Herr Marsalek aufhielt?“ Heinzinger: „definitiv nicht.“ Sie berichtete zudem, dass sie zweimal Bargeld für Kunden von Marsalek habe ausliefern müssen: einmal 300.000 Euro, einmal 200.000 Euro. 

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Mehr zum Thema: Bei dem mittlerweile insolventen Wirecard-Konzern wurde seit jeher getäuscht. Das zeigt das Buch „Die Wirecard-Story“ zweier WirtschaftsWoche-Reporter. Die Erfolgsgeschichte war zu schön, um wahr zu sein. Von Anfang an.

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