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Wirtschaft und Grüne trauern um Jamaika „Eine Hängepartie dürfen wir uns nicht leisten“

Die Jamaika-Sondierungen sind geplatzt – wie geht es weiter? Auf der Jahrestagung der Stiftung 2 Grad in Berlin wurde eines klar: Die Wirtschaft fürchtet eine längere Durststrecke, auch beim Klimaschutz.

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Wie sieht der Verkehr in Zukunft aus? Wie klimafreundlich lebt Deutschland in 2050? Quelle: dpa

Berlin Für den Klimaschutz sind die geplatzten Verhandlungen um eine mögliche Jamaika-Regierung keine gute Nachricht. Mit den Grünen, Union und FDP gemeinsam, so hatten Umweltschützer und Wirtschaft gehofft, hätten sich Lösungen für eine wirtschaftsfreundliche Klimapolitik finden lassen. Noch Tage später ist die Enttäuschung über das Jamaika-Aus groß. „Wir haben gehofft, dass wir die ideologischen Grenzen überwinden, dass ein frischer Wind in die Debatte um unternehmerischen Klimaschutz hereinkommt“, sagte Sabine Nallinger, Vorstandsmitglied der Stiftung 2 Grad, die unter anderem durch Konzerne wie Puma, die Deutsche Bahn und die Telekom finanziert wird und Druck auf die Politik macht, den Kampf gegen die Erderwärmung energischer anzugehen.

Man habe sich viel von den Verhandlungen zwischen Union, FDP und Grünen versprochen, sagte Nallinger auf der Jahrestagung der Stiftung am Donnerstag in Berlin. „Nun wissen wir nicht, wie es weitergeht.“ Eines aber gehe gar nicht: „Eine Hängepartie dürfen wir uns nicht leisten.“

Die Diskussionen drehten sich vor allem um den Kampf gegen die Erderwärmung und auf die Rolle der Unternehmen dabei. Sie sehe, dass sich viele Unternehmen in eine treibhausgasneutrale Zukunft aufgemacht hätten oder sich zumindest mit dem Thema beschäftigten, sagte Nallinger. „Das gibt uns das Gefühl, dass wir an einem Wendepunkt angekommen sind.“ Was jetzt gefragt sei, seien Innovationen, denn ohne Innovationen, so die feste Überzeugung, sei das Pariser Klimaabkommen nicht schaffen.

Das vor zwei Jahren in der französischen Hauptstadt besiegelte Abkommen sieht vor, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius im vorindustriellen Vergleich zu begrenzen. Mehr als ein Grad hat die globale Mitteltemperatur indes schon zugelegt. Und im Moment steuert die Welt, Wissenschaftlern zufolge auf eine Drei-Grad-Erwärmung zu.

Bestärkt wurde Nallinger von Martina Koederitz, Vorsitzende der Geschäftsführung von IBM Deutschland. Die Sichtweise, „das war schon immer so“, sei längst keine Option mehr, sagte Koederitz. Sie forderte „Mut und Risikobereitschaft“, neue Dinge zuzulassen sowie eine positive Fehlerkultur in Unternehmen, damit neue Ideen und Innovationen überhaupt entstehen könnten. Das Thema Klima sei ein beherrschendes, auch in Deutschland nähmen extreme Wetterereignisse zu. Es sei Zeit, den Weg in eine klimafreundliche Wirtschaft anzusteuern.

Und das nicht nur im Energiebereich, auf den sich die gesamte Debatte im Klimaschutz in den vergangenen Jahren konzentriert hat. Es geht auch um eine Verkehrs- und Mobilitätswende, um eine Wende im Gebäudebereich und eine Wende in der industriellen Produktion. Wie entwickelt sich die Welt, wenn die klimaschädlichen Treibhausgase zunehmend auf null gebracht werden sollen? Wie leben wir im Jahr 2050? Wie bewegen wir uns fort? Wie produzieren wir? Und was sind die Schlüsselfaktoren?

André Reichel von der privaten Karlshochschule International University in Karlsruhe mahnte, im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung stets an Nachhaltigkeit als Orientierungsrahmen zu denken. Schließlich sei die Digitalisierung an sich keineswegs nachhaltig. Eine digitale Wirtschaft brauche beispielsweise viele Metalle, sagte er. Aber aus welchen Ländern kämen diese? Welche Arbeitsbedingungen herrschten in diesen Ländern? Wie könne der Ressourcenverbrauch gedrosselt werden? Die Kreislaufwirtschaft verbessert? Es sind eine Menge Fragen, die auf der Tagung gestellt werden. Und längst nicht auf alle gibt es bereits Antworten.

„Dürfen wir künftig überhaupt noch in die Städte hineinfahren, um unsere Läden zu versorgen?“, fragte beispielsweise Jens Ritschel, Mitglied im Verwaltungsrat von Aldi Süd. Es zeigt sich: Die Debatte um schadstoffbelastete Luft und mögliche Verkehrsverbote in den Städten sorgt für enorme Unsicherheit nicht nur bei privaten Autofahrern, sondern auch in der Wirtschaft. „Die Unternehmen wissen, es stehen Veränderungen an, aber was genau steht an?“, fragte Sabine Nallinger. Thomas Becker, Leiter Politik und Außenbeziehungen bei BMW, forderte Planungssicherheit für die Unternehmen.

Das sei einer der entscheidenden Faktoren. Und um am Ende wirklich sagen zu können, dass ein Produkt CO2-frei produziert worden sei, seien Unternehmen gefordert, sich ihre Lieferkette von Anfang bis Ende anzuschauen. Auch Politiker der gescheiterten Verhandlungspartner FDP und Grüne trafen aufeinander und Kerstin Andreae, stellvertretende Grünen-Fraktionschefin, bewertete rückblickend noch einmal die Sondierungsgespräche. „Ich war im Klimabereich gar nicht so unzufrieden“, sagte sie und ärgerte sich: Jetzt sei im Klimaschutz abermals wohl noch weniger umsetzbar.

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