Wirtschaftsforscher warnen "Zündeln am Erfolg des Arbeitsmarktes"

Exklusiv

Führende Ökonomen warnen Regierung und Opposition davor, die durch die Agenda 2010 erreichte Flexibilisierung des Arbeitsmarktes rückgängig zu machen, wie sie es in ihren Wahlprogrammen versprechen.

Marcel Fratzscher Quelle: dpa

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sagte der WirtschaftsWoche: „Ich warne davor, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes wieder zurückzudrehen. Gerade in der Krise war diese Flexibilität besonders hilfreich.“ Zwar seien Mindestlöhne nicht generell falsch. „Aber man darf nicht vergessen, dass Lohnhöhe und Beschäftigung eng zusammenhängen“, mahnt Fratzscher. „Ich warne deshalb davor, Mindestlöhne zu schnell zu hoch einzuführen. Wichtig ist, dass sie branchenbezogen sind und vor allem die regionalen Unterschiede berücksichtigen.“

Warum Hartz-IV-Empfänger kein Fleisch essen sollen
Das Jobcenter Kreis Pinneberg bei Hamburg hatte eine gute Idee: In seinem Ratgeber
Kein Fleisch mehr essenDer Familie geht der Bescheid zu, dass das Arbeitslosengeld I ausläuft. Man setzt sich zusammen und bespricht, wie mit der neuen Situation umzugehen ist. Einer der Vorschläge ist, am Essen zu sparen. So heißt es beispielsweise:
Als nächstes muss die Ehefrau, die selbstverständlich nur einen Minijob hat, in Lohn und Brot gebracht werden:
Ohne Umschulung geht natürlich nichts: Wer wie der Protagonist der Broschüre älter als 50 und arbeitslos ist, muss zum Bewerbungstraining, bekommt einen Englisch- und einen Computerkurs und dann wird es auch wieder was mit der Festanstellung. So sagt auch die in der Broschüre auftretende Sachbearbeiterin, beziehungsweise
Danach folgt ein Umzug: Ist die eigene Wohnung zu groß oder zu teuer, müssten Bezieher von Arbeitslosengeld II nämlich die Differenz zwischen tatsächlichem Mietpreis und dem von der Behörde genehmigten Preis selber zahlen. Sylvia tippt mit dem Finger auf die letzten Seiten des Bescheids.
Im nächsten Schritt werden Möbel verhökert. Möbel und Einrichtungsgegenstände dürfen nämlich verkauft werden, ohne dass die Erlöse angerechnet werden, weil diese nicht zum Vermögen zählen. Die Fischers haben sich für diesen Samstag viel vorgenommen. Sie wollen den Dachboden entrümpeln und alles von Wert auf dem Flohmarkt am nächsten Wochenende verkaufen. Knut hat bereits vor einigen Tagen eine Kommode und einen Kleiderschrank bei einem Internet-Auktionshaus eingestellt. Quelle: dpa
Wer vorher nicht auf die Preise beim Einkaufen geachtet hat, muss es spätestens jetzt tun:

Auch Klaus Zimmermann, Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit, hält eine branchen- und regionenbezogene Untergrenze für „das kleinere Übel“ als einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn, also einen Einheitstarif. „Wie stark der Mindestlohn schaden würde, wissen wir nicht. Aber weltweit wissen wir, dass er in den meisten Fällen Arbeitsplätze gekostet hat.“ Dass neben der Opposition inzwischen auch die Union Mindestlöhne einführen will, macht Zimmermann Sorge. „In neun von zehn Fällen läuft das, was die Politik machen will, in die falsche Richtung.“ Zimmermann fordert die Politik deshalb auf, mit Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt zu warten. „Im Ganzen läuft es doch gerade fürchterlich gut. Da sollte man erst mal abwarten. Was jetzt vorgeschlagen wird, ist ein Zündeln am Erfolg des Arbeitsmarktes.“

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