Wirtschaftsnobelpreis Zwischen Konsum und Armut

Der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton hat neue Methoden zur Messung von Konsum und Wohlstand entwickelt – und zugleich ein Zeichen gesetzt, dass das einzelne Individuum stärker in den Mittelpunkt der Forschung gerückt werden muss.

Illustration des Ökonomen Angus Deaton von Johan Jarnestad/The Royal Swedish Academy of Sciences

Die jährlichen Entscheidungen des Nobelpreiskomitees zur Vergabe des „Preises der Schwedischen Reichsbank zum Andenken an Alfred Nobel“ (kurz: Wirtschaftsnobelpreis) sind nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein politisches Signal. Mit der Vergabe des diesjährigen Preises an den britisch-amerikanischen Ökonomen Angus Deaton von der Eliteuni Princeton hat das Komitee auf die seit geraumer Zeit hoch emotional geführte Debatte über die angeblich zunehmende Armut und Ungleichheit in der Welt reagiert. Allerdings erhält mit Deaton keiner der geschwätzigen und medial omnipräsenten Umverteilungsapologeten vom Schlage eines Thomas Piketty die höchste Auszeichnung der Zunft, sondern ein Forscher, der sich tiefschürfende Gedanken gemacht hat um die richtige Auswahl von Daten, deren Messung und die Verbindung von Theorie und Praxis.

Der Wirtschaftsnobelpreis: Die Preisträger der vergangenen zehn Jahre

Genau genommen hat das Nobelpreiskomitee Deatons Verdienst auf drei Feldern gewürdigt, die systematisch aufeinander aufbauen. Die Grundlage für seine Forschungen legte Deaton Anfang der 1980er Jahre, als er zusammen mit John Muellbauer eine Methode entwickelte, um die Nachfrage von Konsumenten nach einzelnen Gütern zu erklären. Mithilfe eines Mehrgleichungssystems zeigten die beiden Ökonomen, dass die Nachfrage nach einzelnen Gütern von den Preisen anderer Güter, den Einkommen der Konsumenten und demografischen Faktoren abhängt. Deaton lieferte damit ein Instrument, mit dem Ökonomen die Verteilungswirkungen staatlicher Maßnahmen, etwa von Mehrwertsteuererhöhungen, auf einzelne Einkommensgruppen untersuchen können. Bis heute ist dieses Modell die Grundlage für die Evaluierung der Wirkungen wirtschaftspolitischer Maßnahmen auf den Konsum. Zudem dient es für internationale Vergleiche zum Lebensstandard.

Darüber hinaus analysierte Deaton die Bestimmungsfaktoren für die Einkommensverwendung, also die Frage, welche Faktoren entscheidend dafür sind, wie das Einkommen auf Ersparnis und Konsum aufgeteilt wird. Während andere berühmte Ökonomen wie Milton Friedman und Franco Modigliani zu diesem Zweck aggregierte Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung heranzogen, nahm Deaton die Froschperspektive ein und analysierte die Entscheidungen einzelner Individuen. Dabei stellte er fest, dass der Konsum eigentlich stärker schwanken müsste als die Einkommen, was sich in den aggregierten gesamtwirtschaftlichen Daten jedoch nicht feststellen ließ. Deaton erklärte dies damit, dass sich die Einkommen der Menschen sehr unterschiedlich entwickeln. Bei der Aggregation der Daten gleichen sich die Unterschiede aus. Das führt dazu, dass der Konsum in der aggregierten Betrachtung nur wenig schwankt.

Ein Foto der Princeton University zeigt Angus Deaton, den Träger des diesjährigen Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften. Quelle: dpa

Deaton leitete daraus ab, dass Analysen zum Verhalten der Menschen bei den einzelnen Individuen ansetzen müssen. Damit legte er die methodische Grundlage für die mikroökonomische Fundierung der makroökonomischen Forschung. Seit der Großen Depression und den Arbeiten des britischen Ökonomen John Maynard Keynes hatte sich das Interesse der Wissenschaft vorwiegend auf die Analyse der Makroökonomie fokussiert. Daher stand die Analyse hoch aggregierter gesamtwirtschaftlicher Daten im Vordergrund. Deaton zeigte, dass makroökonomische Entwicklungen hingegen nur richtig interpretiert werden können, wenn ihnen die Analyse individuellen Verhaltens zugrunde liegt. Nicht zuletzt durch seine Arbeiten ist die mikroökonomische Fundierung der Makroanalyse heute State oft The Art in der Ökonomie.

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Deaton hat es zudem verstanden, theoretische Erkenntnisse mit der Empirie zu verknüpfen und dadurch konkrete Handlungsoptionen für die Wirtschaftspolitik aufzuzeigen. Das gilt vor allem für seine Forschungsarbeiten über die Armut in Entwicklungsländern. Deaton plädierte dafür, die Armut in Schwellenländern anhand von Konsumausgaben zu messen, da diese Daten verlässlicher seien als Daten zu den Einkommen. Allerdings mahnte er zur Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse. So zeigte er, dass die Konsumausgaben pro Kopf die tatsächliche Armut von kinderreichen Familien häufig überzeichnen, weil unterstellt wird, dass Kinder den gleichen Konsumbedarf haben wie Erwachsene. Deaton zeigte, dass der Konsumbedarf für Kinder tatsächlich bei nur 30 bis 40 Prozent des Bedarfs von Erwachsenen liegt. Zudem stellte er fest, dass Mangelernährung ihre Ursache in zu niedrigen Einkommen hat. Damit machte Deaton deutlich, wie wichtig es ist, den Menschen in den Entwicklungsländern durch mehr Wirtschaftswachstum zu höheren Einkommen zu verhelfen.

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