Wissenschaft Forschungsinstitute unter Druck

Unter dem steigenden Publikationsdruck haben sich die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute aus der aktuellen Politikdebatte verabschiedet. Das könnte sich bitter rächen.

Ohne klaren Kurs - Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel Quelle: Presse

Zweimal im Jahr ist Showtime für Joachim Scheide. Dann tritt der Leiter des Prognosezentrums des Kieler Instituts für Weltwirtschaft mit seinen Kollegen aus den anderen großen Wirtschaftsforschungsinstituten vor die Presse, um der Öffentlichkeit zu erklären, wie es weitergeht mit der Konjunktur. Am kommenden Donnerstag ist es mal wieder so weit. Dann übergeben die Forscher ihr Herbstgutachten der Bundesregierung und stehen im Scheinwerferlicht der Medien. Das Interesse an ihren Vorhersagen ist gerade in der Krise groß.

Die Konjunkturauguren sind die kommunikative Speerspitze der Ökonomen. Mit ihren Prognosen bringen sie die Wirtschaftsinstitute – zumindest für ein paar Tage – in die Schlagzeilen. Mit ihnen forschen mehr als 460 Wissenschaftler an den sechs staatlich finanzierten Forschungsanstalten für Ökonomie. Das größte unter ihnen, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, beschäftigt 126 Wissenschaftler. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim führt 111 Wissenschaftler auf seiner Gehaltsliste, das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel beschäftigt 73 Forscher, das ifo Institut in München 54.

Von Konjunktur bis Arbeitsmarktpolitik

Für das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen sowie für das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) arbeiten jeweils 52 Wissenschaftler. Ihr Themenspektrum reicht von der Konjunktur über Umweltfragen bis zur Arbeitsmarktpolitik.

Unter dem Druck der Wissenschaftsgemeinschaft Leibniz (WGL) haben die Institute ihre Forschungsleistungen in den vergangenen Jahren massiv verbessert. Die WGL ist eine Organisation von Forschungseinrichtungen unterschiedlicher Disziplinen, die die Arbeit der Institute beurteilt. Doch beim Streben nach prestigeträchtigen Publikationen in akademischen Fachzeitschriften ist das wirtschaftspolitische Profil vieler Institute auf der Strecke geblieben.

Die größten Euro-Gegner
Hans-Olaf Henkel war Industrie-Chef und sieht Europa durch den Euro bedroht. Die aktuelle Krisenbewältigung schränke die Demokratie in den Eurostaaten erheblich ein. Henkel hofft auf ein Einlenken der Bundeskanzlerin. "Die Bereitschaft der Deutschen, weitere Griechenland-Rettungspakete und demnächst Portugal und Italien zu finanzieren, ist weniger verbreitet als die Bereitschaft, die Kernenergie zu unterstützen. Das heißt: Wenn Angela Merkel beim Euro eine Art Fukushima-Effekt erlebt, dann traue ich ihr zu, blitzschnell den Kurs zu ändern", sagte Henkel im Interview mit der WirtschaftsWoche. Quelle: AP
Der Ökonom und Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Hans-Werner Sinn hält viele Euro-Mitgliedsländer für nicht wettbewerbsfähig. Er plädiert für einen Ausschluss Griechenlands aus der Währungsunion und warnt eindringlich vor einer Bankenunion und Eurobonds. Im vergangenen Jahr hat er einen Brandbrief von rund 200 deutschen Ökonomen mitunterzeichnet. Innerhalb der Bundesregierung hat er sich damit keine Freunde gemacht. Doch das wird Sinn nicht stören. Einer, der den ifo-Chef gut kennt sagte, "Sinn würde zu seinen Thesen stehen, auch wenn andere daran zweifeln". Bevor Sinn sich und seine Thesen präsentiert, bereitet er sich stundenlang vor und feilt an seinen Formulierungen. Quelle: dapd
Alexis Tsipras ist Vorsitzender des griechischen Links-Bündnisses "Syriza" und der mächtigste Kritiker der griechischen Regierung. Er ist strikt gegen das Sparprogramm, das sein Land mit den internationalen Geldgebern verhandelt hat. Sein jüngster Vorschlag: Die griechische Regierung solle schlichtweg die Gespräche mit der Troika (IWF, Europäische Kommission und Europäische Zentralbank) verweigern. Die fortschreitende Privatisierung von Staatsbetrieben will Tsipras eigenen Worten zufolge "kriminalisieren". Die griechische Regierung soll im Eiltempo öffentliche Unternehmen verkaufen. Bei der Wahl im vergangenen Jahre erreichte seine Partei 17 Prozent der Stimmen und wurde zweitstärkste Kraft im Land. Umfragen sehen Tsipras inzwischen noch stärker. Quelle: dapd
Peter Gauweiler ist CSU-Politiker und profiliert sich vor allem als Euro-Skeptiker. Er stimmt gegen den Eurorettungsschirm und möchte die "Grenzüberschreitung" bei den europäischen Verträgen verhindern. Gauweiler war Mitkläger gegen die Euro-Hilfen, die vom Verfassungsgericht aber bestätigt wurden. Der CDU-Politiker befürchtet, dass sich die Ereignisse bei den Rettungsversuchen "überschlagen". Deshalb wisse er auch nicht, ob Angela Merkel selbst am Rettungsschirm weiterhin festhalten werde. Quelle: dpa/dpaweb
Silvio Berlusconi ist Unternehmer und ehemaliger italienischer Ministerpräsident. Bei den Parlamentswahlen in Italien holte er fast 30 Prozent der Stimmen und konnte so eine linke Regierung verhindern. Berlusconi punktete im Wahlkampf mit dem Versprechen, die Sparprogramme seines Vorgängers Mario Monti rückgängig zumachen. Auch für seine populistischen Thesen gegen den Euro erhielt er Applaus. Den Euro zu verlassen, sei keine Blasphemie, sagt Berlusconi. Quelle: REUTERS
Timo Soini ist Mitglied des Europaparlaments und Präsident der Partei "Basisfinnen". Sie lehnt Finanzhilfen für Griechenland ab. Mit seiner Euro-skeptischen Haltung weiß Soini viele seiner Landsleute hinter sich. In Finnland wächst die Sorge, dass die wohlhabenden Länder Europas den Süden dauerhaft alimentieren müssen.
Der Chef der rechtspopulistischen niederländischen Partei für die Freiheit (PVV) Geert Wilders hat sich erfolglos am Euro abgearbeitet. Er geißelte die Sparregeln als "ein Diktat Brüssels", an denen sich jedes Land kaputtspare. Doch bei den Wahlen im September 2012 wurde Wilders von den Bürgern abgestraft und flog aus der Regierung. Quelle: REUTERS
Vaclav Klaus, bis vor Kurzem Präsident von Tschechien, ist ein ehemaliger liberaler Ökonom. "Der Preis für den Euro ist die Aufgabe von der parlamentarischen Demokratie und die langfristige Stagnation der europäischen Wirtschaft", sagt Klaus. Europa sei kurzatmig, es fehle an längerfristigen Konzepten. Anstatt zu investieren, wird konsumiert, anstatt zu sparen werden neue Schulden angehäuft, anstatt zu arbeiten wolle sich Europa lieber ausruhen. Dennoch sei er optimistisch, dass es in Zukunft nicht zu einem weiteren Banken-Run kommen wird. Quelle: REUTERS
Der Ex-Finanzsenator Berlins und ehemalige Bundesbanker Thilo Sarrazin glaubt: Griechenland sei nur noch mit einer sehr starken Abwertung seiner Währung zu retten. Im Mai 2012 stellte er sein neues Buch "Europa braucht den Euro nicht" vor. Seine aktuellen Bücher "Deutschland schafft sich ab" und "Europa braucht den Euro nicht", haben ein gemeinsames Thema: Es geht um Abgrenzung, auf den Rückzug zum Nationalstaat. Schönredner gebe es genügend, sagte Sarrazin in einem Interview. Quelle: dpa
Marine Le Pen ist Chefin des rechtsradikalen Front National (FN) in Frankreich. Sie verpasste im vergangenen Jahr den Einzug in die Nationalversammlung. Le Pen versucht vor allem, ihrer Partei ein modernes Erscheinungsbild zu geben, sie verharmlost die Front National, um sie in der Mitte der französischen Politiklandschaft zu etablieren. Die Tochter des Partei-Gründers Jean-Marie Le Pen sagte: "Wir werden unseren Status als freie Nation verlieren." Ihrer Meinung nach, habe die Einwanderung nach Frankreich einen schädlichen Einfluss auf die französische Gesellschaft und deren Wirtschaft. Sie verlangte auch die Wiedereinführung des Franc. Nach eigenen Worten wolle sie Frankreich auf den Tag vorbereiten, an dem der Euro auseinanderbreche. Quelle: dapd

Kaum Erhellendes zur Debatte um aktuelle wirtschaftspolitische Themen

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben sie kaum Erhellendes zur Debatte um aktuelle wirtschaftspolitische Themen wie die Euro-Krise beigetragen – obwohl der Steuerzahler sie gerade dafür mit mehr als 85 Millionen Euro im Jahr bezahlt. „Setzt sich der Trend fort, dass die Institute in der Forschung möglichst ähnliche Dinge leisten sollen wie die Universitäten, muss man sich fragen, wofür man sie noch braucht“, kritisiert Justus Haucap, Mitglied der Monopolkommission, die die Bundesregierung in wettbewerbspolitischen Fragen berät.

Ihre Existenzberechtigung leiten die Institute traditionell aus ihrer Rolle als Mittler zwischen Wissenschaft und Politik ab. Ihre Aufgabe ist es, anwendungsorientiert zu forschen und Regierung, Verwaltung sowie andere Auftraggeber wissenschaftlich fundiert zu beraten. Als sich Ende der Neunzigerjahre herausstellte, dass viele Institute den Anschluss an die akademische Spitzenforschung verloren hatten, drängte die WGL sie, mehr für die eigene Forschung zu tun – und dies durch Publikationen in international anerkannten Fachzeitschriften zu dokumentieren.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%