WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Wohlhabendste Wahlkreise Die Reichen entziehen der Union langsam ihre Gunst

Auf die Reichen konnten die Unionsparteien CDU und CSU stets in ganz Deutschland zählen – ob am Tegernsee (re.) oder auf Sylt. Quelle: Imago

Wahlgewinnerin SPD liegt unter den Wohlhabenden des Landes nicht hoch im Kurs. Doch auch CDU/CSU können nicht mehr bedingungslos auf Mehrheiten zählen. Selbst in manchen Millionärshochburgen laufen die Grünen den Konservativen den Rang ab.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Am Tegernsee ist die hellblaue CSU-Welt noch in Ordnung. Die Christsozialen kamen bei der Bundestagswahl in der Stadt Tegernsee auf 40,5 Prozent der Zweitstimmen, in Rottach-Egern am Südufer waren es gar mehr als 50. FC-Bayern-Stars residieren in der Gegend, auch einige Schauspieler. Marktwirtschaftler Ludwig Erhard lebte hier einst und der Lebemann Gunter Sachs. „Deutsch, traditionsreich, heimatverbunden, selbstbewusst, zuweilen mit inselartiger Glückseligkeit“, so charakterisiert der Soziologe und Reichtumsforscher Thomas Druyen die Gegend. Ein geräumiges Plätzchen mit Blick aufs Wasser, beliebt bei den Reichen und Berühmten.

Auf sie konnten die Unionsparteien CDU und CSU stets in ganz Deutschland zählen – ob nun am Tegernsee, im Taunus oder auf Sylt. In manchen Regionen, nicht nur in Bayern, waren Unionsparteien auch 2021 noch so konkurrenzlos, dass sie trotz herber Verluste immer noch weit vor SPD und Grünen lagen. Der Wahlkreis mit den prozentual meisten Zweitstimmen für die CDU ist die katholisch geprägte und dank Tierzucht prosperierende Region Cloppenburg-Vechta (38,4 Prozent) – obwohl die Partei selbst dort fast 15 Prozent eingebüßt hat.

Die flächendeckenden Verluste der Union zeigen dennoch, dass sich auch in den wohlhabenden Gegenden die politischen Realitäten gewandelt haben. Sie sind fast so hoch wie im bundesweiten Durchschnitt. Die zehn reichsten Kreise in Deutschland bleiben zwar in Unionshand. Doch die Wohlhabenden stehen längst nicht mehr bedingungslos zu CSU oder CDU.



Druyen, der auch Institutsleiter an einer Wiener Privatuni ist, erklärt die Abkehr mit den wenig visionären Zukunftsentwürfen der Union: „Wer in Zeiten exponentieller Veränderung nur auf Bewahren setzt, ist dem Untergang geweiht.“ Auch junge Vermögende seien „skeptisch und genervt“. Je jünger die Wähler, desto weniger würden diese auf Wohlstand und Privilegien als sinnstiftende Elemente anspringen. Die Parteien nähmen „die stark verwandelten Ansprüche“ in den Themen Ökologie, Big Data und Netzwerke viel zu wenig auf.

Das Ergebnis: ein spürbarer Abschwung der politischen Unions-Konjunktur. Beispiel Wahlkreis Starnberg-Landsberg mit Starnberg als reichstem Kreis in Deutschland: minus 6,2 Prozent. Oder der Hochtaunus, wo unweit von Frankfurt die meisten Millionäre pro 100.000 Einwohner leben: minus 7,3. München, die mit Abstand wirtschaftsstärkste Stadt der Republik: minus 6,2. Zwar waren die CSU-Werte in München ohnehin meist niedriger als auf dem Land. Doch jetzt ist die Metropole für eine absolute Premiere verantwortlich: Erstmals überhaupt in Bayern holte eine Grünen-Politikerin ein Direktmandat. Stadtweit lösten die Grünen (26,1) die CSU (23,8) als stärkste Kraft bei den Zweitstimmen ab.

Der knappe Wahlsieg der Grünen Jamila Schäfer in München-Süd ausgerechnet im stets so konservativen ehemaligen Wahlkreis von Peter Gauweiler ist eine Sensation. Auch in vielen anderen reichen Wahlkreisen wie Starnberg-Landsberg, München-Land und Erlangen sind die Grünen nun zweitstärkste Kraft. Die FDP hat bei ihrer vermeintlichen Stammklientel entgegen dem leicht positiven Bundestrend in den fünf reichsten Kreisen jeweils 0,2 bis 0,8 Prozent verloren (siehe Grafik). In allen fünf liegen die Freien Demokraten nur mehr auf Platz vier.



Eines der deutlichsten Zeichen an die CDU hat ausgerechnet die deutsche Millionenstadt mit den meisten Millionären in Deutschland gesendet: In Hamburg, der Heimat von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, fielen die Christdemokraten um 11,8 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent der Zweitstimmen. Für ein Kuriosum sorgten die Bewohner im Kur- und Reichenort Baden-Baden. Dort hat die SPD entgegen dem Bundestrend verloren – und das stärker als die CDU, nämlich 11,6 Prozentpunkte. Druyen findet das aber nicht überraschend. Der Sog des Kandidaten Scholz, der sich „wie eine Mondfinsternis“ vor seine Partei gestellt habe und dessen Schwächen und Widersprüche kaschiert habe, sei in Baden-Baden eben ausgeblieben. Die Grünen legten im Gegenzug fast um den gleichen Anteil zu und schlossen mit 25,8 Prozent zur CDU (32,0) auf. Trotz der Millionärsdichte komme die Mehrheit eben „aus anderen Milieus“, sagt Druyen, „insofern dokumentiert der Zuwachs der Grünen den Wunsch nach nachhaltigem Wandel“.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute noch wichtig ist, lesen Sie hier


Die Frage, welche Politik Reiche wollen, stellt sich für den Soziologen offenbar kaum noch: „Bitte machen Sie sich nichts vor“, sagt er, „für die wirklich Reichen ist Politik immer mehr ein Auslaufmodell, die machen die Zukunft selber.“

Mehr zum Thema: Der Verhandlungsexperte René Schumann erklärt, warum SPD und Union in einem Gefangenen-Dilemma feststecken, warum Baerbock und Habeck darin die Rolle der Polizisten zukommt – und was Lindner aus den geplatzten Jamaika-Verhandlungen 2017 gelernt hat.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%