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Wohlstandsillusion Der gefährliche Boom

Deutschlands Wirtschaft läuft auf Hochtouren. Doch unter der glänzenden Oberfläche des Booms zeichnen sich schwere Verwerfungen ab. Schuld daran ist vor allem die Politik des billigen Geldes der Europäischen Zentralbank.

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Quelle: dpa

Besser könnte es für Angela Merkel nicht laufen. Vier Monate vor der Bundestagswahl zeigt sich die deutsche Wirtschaft von ihrer stärksten Seite.

Die Stimmung in den Unternehmen ist bombig, die Firmen stampfen neue Jobs aus dem Boden wie nie zuvor, die Löhne steigen, die Kassen im Einzelhandel klingeln, die Bauwirtschaft kann mit den Aufträge kaum noch Schritt halten und die Nachfrage aus dem Ausland beschert den Exporteuren einen Rekord nach dem anderen. In Deutschland herrscht Wohlfühlstimmung pur. Die Analysten in  Banken, Verbänden und Forschungsinstituten haben daher ihre Prognosen nach oben revidiert. 

Die Ökonomen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) rechnen für 2017 mit einem Plus von 1,8 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt (BIP). „Hätten wir in diesem Jahr so viele Arbeitstage wie 2016, würde das Wachstum sogar knapp über zwei Prozent liegen“, so der Verband. Setzt sich der Aufschwung 2018 fort, wofür alles spricht, stünden insgesamt neun Jahre ununterbrochenes Wachstum zu Buche: der längste Aufschwung seit den Achtzigerjahren. Und dieser Boom dürfte Angela Merkel nach Lage der Dinge im September erneut ins Kanzleramt tragen.  

Alles paletti in Deutschland also, sollte man meinen. Doch Vorsicht! Der Boom, in dem sich die deutsche Wirtschaft befindet, ist hoch gefährlich. Denn er ist das Produkt einer viel zu expansiven Geldpolitik. Wegen der heiß laufenden Wirtschaft benötigt Deutschland nach Ansicht von Experten eigentlich einen Leitzins zwischen 3 und 4 Prozent. Tatsächlich aber hat die EZB ihn mit Rücksicht auf die überschuldeten Länder im Süden Europas auf null Prozent gedrückt. Die Mikro-Zinsen verzerren die Produktionsstruktur und pumpen Preisblasen an den Vermögensmärkten auf. Sie treiben die Menschen in die Verschuldung und die Regierung in den interventionistischen Übermut.

Man hat es vielleicht schon vergessen über all der Sorglosigkeit in den vergangenen Jahren, aber: Eine Zentralbank, die sich zur Agentur der Wachstumsinteressen von Regierungen degradieren lässt, fördert nicht mehr Währungs- und Finanzstabilität, sondern produziert Eskalationskalküle, Progressionserwartungen und Vermehrungsversprechen, kurz: Sie handelt mit Wachstums- und Reichtumsillusionen, die von der Wirklichkeit nicht gedeckt sind – und sich auch in Zukunft nicht werden realisieren lassen.

Entsprechend zeigen Studien der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, dass eine über lange Zeit zu lockere Geldpolitik Finanzzyklen erzeugt, die in schwere Krisen einmünden: Die Höhenflüge an den Aktien- und Immobilienmärkten nähren surreale Wohlstandsgefühle, fördern die Schuldenwirtschaft  – und schläfern die Risikowahrnehmung von Investoren und Zentralbankern ein.

Deutschland ist anfällig

Deutschland ist wegen seiner auf Hochtouren laufenden Konjunktur besonders anfällig. „Langfristig kann Deutschlands Wirtschaft ohne Überlastungsschäden nur mit Raten von höchstens 1,5 Prozent wachsen“, sagt Stefan Kooths, Konjunkturchef am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW): „Der Boom mag sich gut anfühlen, doch er legt die Saat für die nächste Krise“. Am Ende könnte Deutschland wieder werden, was es zu Beginn des Jahrtausends schon einmal war: der kranke Mann Europas.

Dass dies keineswegs übertrieben ist, zeigen die Erfahrungen Frankreichs. Am Anfang des vergangenen Jahrzehnts hatte die EZB mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Schwäche Deutschlands die Leitzinsen in der Eurozone auf 2,0 Prozent gesenkt. Für die boomenden Länder im Süden Europas und für Frankreich war das viel zu niedrig. Das billige Geld aus Frankfurt bescherte unserem Nachbarn im Westen einen Konsum- und Immobilienboom – und nahm den Reformdruck von der Regierung.

Von 2003 bis 2005 legte die Wirtschaftsleistung in Frankreich deutlich stärker zu als in Deutschland, der Wachstumsvorsprung lag bei 1,4 Prozentpunkten. Zugleich aber liefen die Löhne aus dem Ruder, von 2000 bis 2005 sprangen die Lohnstückkosten in Frankreich um 10 Prozent in die Höhe – ähnlich stark wie in Deutschland seit 2009. Als  Frankreichs Boom  im Zuge der Finanzkrise platzte, stürzte die Wirtschaft ab. Wegen der zuvor aufgebauten Verzerrungen der Produktionsstruktur und der zunehmenden Eingriffe der Regierung in die Wirtschaft hat sie sich bis heute nicht richtig von dem Einbruch erholt.

Die wettbewerbsfähigsten Länder der Welt 2017

„Feuert die EZB den aktuellen Boom in Deutschland weiter mit Billiggeld an, droht Deutschland das gleiche Schicksal wie Frankreich“, warnt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Wie der konsumgetriebene Aufschwung Deutschland langfristig schadet, wie sehr die  Immobilien hierzulande bereits überbewertet sind, warum wir in Zukunft mit einer Insolvenzwelle rechnen müssen und welche Probleme sich hinter Deutschlands Exportüberschüssen verbergen, erfahren Sie in der neuen  WirtschaftsWoche. Mit dem WiWo-Digitalpass erhalten Sie die neue Ausgabe bereits am Donnerstagabend in der App oder als eMagazin. Alle Abo-Varianten finden Sie auf unserer Info-Seite.

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