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Wolfgang Schäuble "Wir verteidigen den Euro nicht aus Großzügigkeit"

Der Bundesfinanzminister sorgt sich über die Geldschwemme der EZB – die aber wird für die Rettung der Südländer gebraucht. Er hält die Abwicklung von Banken à la Zypern für das Modell der Zukunft. Und trotz mancher Nazi-Anfeindungen und der AfD-Partei sieht er Europa auf gutem Weg und die Bürger hinter sich.

Quelle: Andreas Labes für WirtschaftsWoche

Wirtschaftswoche: Herr Minister, Sie wollen den Euro retten und zerstören Europa. Im Süden entsteht Hass auf die Deutschen, in Deutschland formiert sich mit der AfD eine Anti-Euro-Partei. Frustriert Sie das nicht?

Schäuble: Eine Mediendemokratie lebt von kritischen Stimmungen und negativen Berichten, das sieht man ja auch an Ihrer Frage. Aber lassen wir doch mal die Fakten sprechen: Einer aktuellen Umfrage zufolge sind 69 Prozent der Bundesbürger für den Euro. Manche Medien kehren in der Überschrift das Ergebnis um und sagen, 27 Prozent sind für die D-Mark. Aber ich finde fast 70 Prozent Zustimmung angesichts der andauernden Staatsschuldenkrise sensationell gut, vor allem weil die Zustimmung für den Euro gegenüber 2012 deutlich angestiegen ist. Und auch die Gelassenheit der Finanzmärkte bei der Zypern-Krise – vor zwei Jahren hätte das massive Börsenturbulenzen ausgelöst – zeigt uns, dass wir mit unseren Rettungsbemühungen auf dem richtigen Weg sind.

Die Zentralbanken haben ja auch reichlich Geld in die Märkte gepumpt.

Es ist viel Geld im Markt, meiner Meinung nach zu viel Geld. Das muss man im Auge behalten.

Zahlreiche Länder wollen aber mit viel Liquidität ihre lahme Konjunktur ankurbeln. Was wollen Sie denen sagen?

Wir haben es fast mit einer ökonomischen Schizophrenie zu tun. Alle sagen, wir haben zu große Defizite, und eine zu hohe Liquidität mache alles noch gefährlicher. Und dann sagen einige aber dennoch, wir haben zu wenig Wachstum, und deswegen brauchen wir mehr Liquidität.

Jeder dritte Deutsche sehnt sich nach der D-Mark
Der Fünf-Euro-Schein zeigt Bettina von Arnim: Vor allem Menschen zwischen 40 und 49 Jahren sind skeptisch. Hier wünscht sich knapp die Hälfte der Befragten die alten Zahlungsmittel zurück. Quelle: Bundesbank
In der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen sind lediglich 16 Prozent skeptisch gegenüber dem Euro. 35 Prozent der 60-bis 69-Jährigen wünschen sich die D-Mark ebenfalls zurück. Quelle: Bundesbank
Annette von Droste-Hülshoff ziert den 20 D-Mark-Schein: Besonders Arbeiter und Hausfrauen trauern der D-Mark nach; Schüler und Studenten hingegen nur in ganz geringem Maße. Quelle: Bundesbank
"Früher war alles besser" sagen mit 37 Prozent vor allem Menschen, die mit einem Netto-Einkommen zwischen 1000 und 2000 Euro leben. Sie sind die D-Mark-Liebhaber unter den Deutschen. Quelle: Bundesbank
Unter denjenigen, die mehr als 4000 Euro im Monat verdienen, sind lediglich 21 Prozent D-Mark-Liebhaber. Sie machen sich schlicht keine Gedanken darüber. Quelle: Bundesbank
Zum Thema Inflation: Der Aussage "Durch die Inflation werden die Sparer schleichend enteignet" stimmten lediglich 34 Prozent zu. Quelle: Bundesbank
Rund die Hälfte der 60- bis 69-jährigen Befragten stimmt der Aussage nach der Enteignung allerdings zu - das ist der höchste Wert. Lediglich 28 Prozent in den Altersklassen der 18 bis 49-Jährigen ist davon überzeugt. Quelle: Bundesbank

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Wer nur mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf pumpt, ohne die erforderlichen Reformen anzugehen, schafft damit noch kein nachhaltiges Wachstum. Die Leute übersehen, dass dann die Gefahr einer Blasenbildung schwerer wiegt als der kurzfristige Konjunktureffekt. In den Niederlanden sind die Immobilienpreise zuletzt rasant gestiegen, viel stärker als bei uns.

Der frühere Bundesbank-Präsident Otmar Emminger sagte einmal, wer mit der Inflation flirte, werde von ihr geheiratet.

Das ist ein schönes und wohl leider zutreffendes Bild.

Es gibt Signale, dass die EZB die Zinsen vorsichtig anheben wird. Kommt es nun zu einem von EZB und Politik besprochenen Strategiewechsel und einem Abrücken von der expansiven Geldpolitik?

Die Stabilität des Euro seit seinem Start belegt, dass die EZB es sehr gut versteht, ihrer Kernaufgabe mit großem Erfolg nachzukommen. Wenn die EZB zudem versucht, Spielräume auszunutzen, um die große Liquidität ein wenig zu verringern, kann ich das nur begrüßen. Wir dürfen in Deutschland allerdings nicht vergessen, dass viele europäische Länder noch in einer prekären Wachstumslage sind.

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