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Wolfgang Streeck "In jedem Einwanderungsland entstehen Enklaven"

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Einwanderer wollen nicht verteilt werden

Ist Assimilation in den USA Voraussetzung für den Erfolg von Einwanderern?  

Nicht unbedingt. Bleiben wir bei den Italienern. Im New Yorker Stadtteil Queens konnte man bis in die 1940er Jahre leben, ohne ein Wort Englisch zu sprechen. Aus diesem Milieu stammte Mario Cuomo, der spätere  Gouverneur des Bundesstaates New York, dessen Sohn heute auch Gouverneur ist. Cuomo, einer der brillantesten und reflektiertesten amerikanischen Politiker der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, sprach als Kind fast nur italienisch. Bei Fiorello La Guardia, während der Depressionsjahre Bürgermeister von New York, und einer der großen Figuren des New Deal und des Progressivisimus, war das noch ausgeprägter. Man kann von New York lernen, dass es zwischen Segregation und Integration viele Zwischenstufen gibt und geben muss.

Vom Melting Pot spricht in Amerika heute niemand mehr. Schon früh konnte man sehen, oder hätte man ohne integrationistische Scheuklappen sehen können, dass kulturelle und nationale Traditionen lange nachwirken. Dass die deutschen Einwanderer keine sichtbare Gruppe bilden, ist eine Ausnahme und hat mit dem Ersten Weltkrieg zu tun. Als Amerika in den Krieg eintrat, war es gefährlich, öffentlich Deutsch zu sprechen. Die deutsche Sprache wurde in Wisconsin 1916 verboten, als deutsche Bücher aus den Bibliotheken sortiert und öffentlich verbrannt wurden. Viele Deutschstämmige änderten ihren Namen.

Also sind heutige Anstrengungen mit dem Ziel der Integration der Einwanderer vergeblich?

Was heißt „Integration“? In einem Einwanderungsland bilden sich immer Enklaven von Angehörigen bestimmter Herkunftsländer, die unter sich ihre eigene Ordnung etablieren, mehr oder weniger in Einklang mit der umgebenden Gesellschaft. Wenn muslimische Einwanderer in Deutschland nach der Scharia heiraten wollen, werden sie das tun. Wie weit diese Art von Rechtspluralismus gehen darf und wie weit nicht, muss an den Grenzen zwischen Einwanderer- und Aufnahmegesellschaft ausgehandelt werden. Das ist nie einfach. Aber am schwierigsten wird es, wenn man die Bildung von Enklaven generell verbieten will. In dem Fall muss man konsequent sein und Einwanderung überhaupt verbieten.

Wenn die Deutschen ein Einwanderungsland sein wollen, werden sie lernen müssen, mit einem gewissen Maß an binnengesellschaftlicher Segregation zu leben. Die Vorstellung etwa, dass man ethnische oder kulturelle Inselbildung durch weiträumige Verteilung der Einwanderer verhindern kann – 20 Afghanen nach Mecklenburg-Vorpommern! – ist völlig abwegig und dient ausschließlich der Beruhigung der Wähler. Die Einwanderer wollen nicht verteilt wohnen. Den Anspruch, dass der Fremde aufhört, ein solcher zu sein, und zwar sofort, und dass er von nun an so funktioniert wie ich, muss man radikal zurücknehmen. Man lernt stattdessen, wenn es gut läuft, distanzierte Toleranz, oder auch wohlwollende Indifferenz – siehe New York, London und ähnliche Städte. Nicht: Ich liebe den anderen, weil er anders ist (oder bald so sein wird wie ich). Sondern: Ich lass ihn in Ruhe, solange er mich in Ruhe lässt. Dann kann und muss es Mischzonen geben, wo man sich trifft, voneinander einkauft usw. Im Übrigen besteht der Reichtum multikultureller Gesellschaften und Städte ja gerade darin, dass nicht jeder so ist oder wird wie jeder andere; sie leben ja gerade von der Differenz. Die Politik muss dafür sorgen, dass alle trotzdem gleiche Rechte als Bürger haben und dass die unvermeidlichen Konflikte friedlich beigelegt werden, auch mit Hilfe von im Rahmen der Gesetze selbstbestimmten Rückzugsräumen für jede der beteiligten Gruppen.

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