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Wolfgang Streeck "In jedem Einwanderungsland entstehen Enklaven"

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Je heterogener die Gesellschaft, desto schwächer der Sozialstaat

Was bedeutet das für den Sozialstaat?

Es gibt, wie mein Kollege David Rueda in Oxford gezeigt hat, eine starke Korrelation zwischen der Homogenität einer Gesellschaft und der Bereitschaft, sozialstaatliche Transfers zu unterstützen.  Je heterogener eine Gesellschaft wird, desto geringer wird diese Bereitschaft. Das gilt vor allem für die Mittelschicht. In Schweden kann man sehen, dass die Unterstützung für den Sozialstaat in dem Maße abgenommen hat, wie die schwedische Bevölkerung ethnisch heterogener wurde. Das hat damit zu tun, dass einem Transfersystem immer mehr oder weniger verschwiegene Annahmen darüber zugrunde liegen, wie sich der Begünstigte zu verhalten hat.

So will man in westlich-protestantischen Gesellschaften in der Regel darauf vertrauen können, dass er sich anstrengt, bald nicht mehr auf Hilfe angewiesen zu sein. Wenn man die gewohnten Signale dafür nicht erkennen kann, nimmt die Großzügigkeit schnell ab. Auch gibt es in Sozialstaaten ein eigenartiges Verhältnis zwischen Rechtsanspruch und Dankbarkeitsverpflichtung. Einerseits hat der Empfänger ein Recht auf die Hilfe. Aber es wird eben auch erwartet, dass er sich irgendwie sichtbar dankbar verhält, ohne dabei allerdings zu übertreiben.

Wenn er zu sehr auf sein Recht pocht oder vergisst, sich hinreichend dankbar zu zeigen, nimmt die Bereitschaft zu zahlen ab. Hier die richtige Balance zu finden ist auch für Einheimische nicht leicht – Sozialhilfeempfänger laufen nicht selten Gefahr, wegen ihrer „Anspruchsmentalität“ sozial sanktioniert zu werden. Noch schwieriger ist die Sache für Zugereiste, denen die erwartete Signal- oder Körpersprache unbekannt ist. Die gelten dann sehr schnell als „frech“.

Was die Menschen vom Kapitalismus halten

Allgemein scheint die Dankbarkeit bei langjährigen Empfängern von Sozialtransfers nicht besonders verbreitet zu sein.

Wenn man in einer hochgradig asymmetrischen Beziehung von jemandem abhängt, muss das nicht unbedingt dazu führen, dass man ihn liebt. Eher im Gegenteil. Das kennt man von Kindern in der Pubertät. Der Versuch, sich durch Aggression von dem Druck zu entlasten, dankbar und gefügig zu sein, kann eine negative Spirale auslösen: Wenn der sich nicht ordentlich benimmt, dann kriegt er auch nichts. Es gibt ein menschliches Bedürfnis, auf andere vertrauen zu können, und das geht am besten, wenn man beobachten kann, dass der andere so ist wie man selber.

Wenn man den Eindruck bekommt, der tickt nicht wie ich, kommt Misstrauen auf. Dann glaubt man, ihn umerziehen zu müssen. Aber einen erwachsenen Menschen umzuerziehen, ihm eine neue, von außen oder oben verordnete Identität zu verpassen, ist gar nicht so einfach, vor allem wenn das als Versuch einer Unterordnung aufgefasst werden kann.

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